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Interview

Traumwohnung im Prenzlauer Berg: 800 Leute stürmen eine Wohnung in Berlin - nun spricht der Hausverwalter

Eine Wohnung in Berlin für wenig Geld - Hausverwalter Rolf Harms wurde bei der Besichtigung überrannt. Dem stern erklärt er, warum diese Wohnung nichts mit einer Gerechtigkeits-Diskussion zu tun hat und wo die echten sozialen Härten liegen. Und er verrät, ob ein Top-Verdiener die Immobilie als Dritt-Wohnung erhält.

Rolf Harms verwaltet Immobilien in Berlin. Seit 35 Jahren ist er im Geschäft. Nun hatte er eine Besichtigung für eine sehr begehrte, relativ günstige Wohnung im Prenzlauer Berg organisiert. Ein Bericht des RBB zeigte, wie er von dem Ansturm fast überrannt wurde. Wir sprachen mit  dem Immobilen-Profi über den Berliner-Mietmarkt.

Herr Harms, 800 Menschen stürmen eine Wohnung. Ist das noch normal?

Nein, das ist nicht normal. Gute Lagen werden heute sehr stark nachgefragt, in anderen Lagen ist das nicht so. Aber 852 Bewerbungen. Das war schon sehr auffällig.

Der Ansturm hat Sie also überrascht?

Ja, dieser Andrang hat mich dann doch überrascht – aber noch viel mehr habe ich über das Einkommen der Bewerber gestaunt. Wir haben 641 Bewerbungen mit einem Nettoeinkommen von über 6000 Euro gezählt. Der Hammer. Da wundert es mich schon, wie viele Leute es mit so hohen Einkommen überhaupt gibt.

Es sind also fast nur Gut- bis Sehr-Gut-Verdiener, die sich um die Wohnung beworben haben. Was sind das für Leute?

Da sind dann auch Personen mit einem Einkommen von über 20.000 Euro darunter, die nur eine Zweitwohnung für die gelegentliche kulturelle Bereicherung in der Hauptstadt suchen. Und dann sind da auch Personen, die jetzt schon um die Ecke wohnen. Auch die verfügen über ein sehr, sehr gutes Einkommen, von dem die meisten nur träumen können. Aber die zahlen jetzt um 2000 Euro, was sie sich auch leisten können, und wollen sich mit der günstigen Wohnung finanziell verbessern. Das ist eben das ökonomische Prinzip. Das sind die Leute, die wirklich von der profitieren. 

Wie meinen Sie das: Ist die Mietpreisbremse eine soziale Wohltat für die Bessergestellten?

Die Mietpreisbremse ist aus guten, sozialen Gründen gemacht worden, aber es profitieren die falschen Leute davon. Personen, die schon sehr gut verdienen. 

Ist die Situation in überall so? 

Es gibt sehr bevorzugte Lagen. Da existiert kein Markt mehr – weil es kein vernünftiges Verhältnis von Angebot und Nachfrage gibt.  Wenn sie in Berlin außerhalb des Eisenbahngürtels mit dem Auto herum fahren, sehen sie regelmäßig Schilder "Wohnungen zu vermieten". Das gibt es, aber der Run auf bestimmte Lagen hat zugenommen. Dort ändert sich alles. Zuerst kommen die Leute, dann die entsprechenden Geschäfte. Feinkost, Champagner – Bars nur für Gin. Ich weiß genau, welche Ketten sich nur dann ansiedeln, wenn eine bestimmte Kaufkraft vorhanden ist.  Da etabliert sich dann so eine Schickimcki-Szene.

641 Bewerbungen mit Top-Einkommen. Wie kommt das? Sind die Berliner so reich?

Das ist eine gute Frage. Mich hat das sehr überrascht. Das war schon ein Hammer, dass es so viele Leute mit diesem Einkommen gibt. Ich hatte mit etwa 40 Leuten in dieser Einkommensgruppe gerechnet, die über 6000 Euro verdienen.

Ist so eine Wohnungsvergabe noch fair?

Mein Gerechtigkeitsgefühl springt nicht bei der Frage an, welcher Gutverdiener eine sehr günstige mitpreisgebremste Wohnung bekommt. Da gibt es andere Sachen, bei denen sich mir die Nackenhaare aufstellen. Wenn ich sehe, dass eine Frau, die für ihren Vollzeitjob nur 900 Euro ausgezahlt bekommt, 500 Euro für eine kleine Wohnung zahlen muss, dann bin ich sehr enttäuscht. Das ist eine Frechheit und das wird immer schlimmer.

Sind an dieser Entwicklung die hohen Mieten schuld?

Das Problem liegt nicht an steigenden Mieten, das Problem sind eindeutig die Einkommen. Ich kenne die Einkommensnachweise, die sehe ich jeden Tag. Und ich sage: Da gibt es keine deutlich erkennbare Steigerung in den letzten 15 Jahren – in der Masse nicht. Und alles wurde inzwischen teurer. Da können Sie hier jeden im Büro fragen, das sehen wir alle so. Die Leute verdienen heute einfach weniger. Und das Problem können die Anbieter von Wohnungen nicht lösen. Wenn wir heute eine Wohnung herrichten, sind die Kosten nicht mehr so wie vor 15 Jahren.

Im Beitrag des bekam man den Eindruck, dass diese Wohnung an einen Top-Verdiener als Drittwohnung vermietet wird. Haben Sie da kein schlechtes Gewissen?

Das ist falsch. Das ist etwas dramatisch zusammen geschnitten worden. Ich bin gefragt worden, was denn im Prinzip Kriterien sein können, eine Wohnung an einen Mieter zu geben. Das könnte das Einkommen sein oder auch die Abnutzung. Mit dieser speziellen Wohnung hat das nichts zu tun. Ich entscheide es nicht. Aber eine Zweit- oder Drittwohnung wird es bestimmt nicht. Das Rennen wird ein junges Paar mit einem Einkommen unter 5000 Euro machen.

Die Glücklichen kommen also aus der Gruppe der wenigen Bewerber mit einem nicht so hohen Gehalt. Sie hatten also doch eine Chance. Extra hohes Einkommen und wenig Abnutzung sind also nicht einzigen Kriterien? 

Das hat für die von uns betreuten Eigentümer nicht die Bedeutung, die man gemeinhin unterstellt. Da fragt man eher, wo arbeiten die denn, wo gehen die Kinder zur Schule?  Die Vermieter wünschen sich eine Bindung an diese Gegend und wollen nicht, dass die Leute nach zwei oder drei Jahren wieder ausziehen.

Im zweiten Teil des Interviews spricht Rolf Harms darüber, wie der Staat dazu beiträgt, dass Mieten unbezahlbar werden und was man dagegen tun kann. Dazu verrät er die Sonderwünsche von Bundestagsabgeordneten.


Interview: Gernot Kramper
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