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Interview: "Hamburger sind gesund"

McDonald's-Chef Jim Cantalupo kämpft gegen das Dickmacher-Image der weltweit größten Burger-Kette. Ein stern-Gespräch über Fleisch und Salat. Und über Krise, Krieg und Globalisierung.

stern: Herr Cantalupo, McDonald's-Kunden sind nach einer Untersuchung der Universität Michigan so unzufrieden wie die keiner anderen Fast-Food-Kette. Was ist bei Ihnen schief gelaufen? Da gibt es unterschiedliche Untersuchungen mit unterschiedlichen Ergebnissen. Aber richtig ist, dass wir in unserem wichtigsten Markt, den USA, grundlegende Dinge vernachlässigt haben - etwa die Bewertung von Restaurants. Früher war es so, dass jeder Restaurantbetreiber wusste: Wenn der Spiegel auf der Toilette einen Sprung hat, gibt das Punktabzug. Wenn solche Standards nicht permanent durchgesetzt werden, gehen sie nach und nach verloren. Das ist in gewisser Weise passiert. Sie haben die Kontrolle verloren? In den vergangenen neun Monaten haben wir große Fortschritte gemacht. Das Essen schmeckt jetzt deutlich besser und frischer. Besser? Frischer? Alles hat sich geändert. Es gab viele Verbesserungen im Detail, von der Fabrik bis zur Zubereitung im Restaurant. Wir toasten jetzt zum Beispiel wieder die Brötchenhälften.

Sie bieten inzwischen sogar gesündere Mahlzeiten wie Salat an. Verabschieden Sie sich vom Hamburger? Hamburger sind seit Jahren der kleinere Teil unseres Geschäfts. Wir verkaufen viele unterschiedliche Gerichte, immer schon. Auch Salat ist nichts Neues - nur bieten wir ihn jetzt als ganze Mahlzeit an. Und damit eines ganz klar ist: Alles, was wir anbieten, ist gesund. Selbst ein McGriddle, eine 550-Kalorien-Bombe, die Sie in den USA neuerdings als Frühstück verkaufen? Ja, das ist gesund! Wenigstens muss man den Rest des Tages nichts mehr essen? Sie vielleicht nicht, andere schon. Aber im Ernst: Unsere Kritiker sagen, dass wir neue Gerichte anbieten, weil uns irgendwelche Leute als Dickmacher verklagt haben. Nichts davon ist wahr. Uns ging es immer darum, die Verbraucher zu erziehen und ihnen Wahlmöglichkeiten anzubieten. Wir wollen eine führende Adresse sein, wenn es darum geht, clever zu essen und aktiv zu sein.

Das Image von McDonald's ist aber eher "fett essen" als "clever essen".

Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen. McDonald's ist großartig, um mit der ganzen Familie zu vernünftigen Preisen eine schnelle Mahlzeit einzunehmen. Das ist unser Image.

Zumindest in Europa werden aber immer mehr Kinder dazu erzogen, gesünder zu essen. Sehen Sie das als Herausforderung?

Sind Fleisch, Brot und Kartoffeln etwa nicht gesund?

Eigentlich schon... ...danke, Beweisaufnahme abgeschlossen. Als ich im Januar aus dem Ruhestand zurückkam, war mir klar: Wir müssen mehr Auswahl bieten - das ist das, was unsere Kunden wollen. Aber es ist nicht mein Job, ihnen die Kalorien vorzuzählen. Ihr neuer Werbeslogan lautet "Ich liebe es". Was ist dieses "es", das wir lieben sollen? Hoffentlich lieben Sie alles: das Erlebnis, das Essen. Aber es geht nicht nur um Slogans. Es hat auch mit den Menschen zu tun, die bei McDonald's arbeiten und die sich hinter diesem Motto versammeln können. Um McDonald's aus der Krise zu führen, brauchen Sie die Unterstützung und die Begeisterung Ihrer Mitarbeiter. Wie soll das gelingen, wenn Sie Niedriglöhne von sechs bis sieben Euro wie in Deutschland zahlen? Deutsche Gewerkschaften nennen Sie den schlimmsten Arbeitgeber der gesamten Branche. Ich weiß nicht, wer was sagt. Wir haben weltweit 1,5 Millionen Mitarbeiter, viele bekommen bei uns den Start ins Berufsleben. Die Menschen schätzen ihren Job bei McDonald's. Sie lernen viele Dinge, die ihnen später bei anderen Arbeitgebern helfen. Die Vorwürfe kann ich nicht akzeptieren.

Ihr Erfolg scheint aber davon abzuhängen, dass die Gewerkschaften draußen bleiben.

Wir schaffen ein großartiges Arbeitsumfeld. Dann entscheiden die Leute selbst, ob sie Gewerkschaften wollen. In manchen Ländern wollten sie keine, in anderen gibt es welche.

Auch Ihre Franchisenehmer beklagen sich. Viele sagen, sie seien finanziell ausgeblutet. (Lacht.) Ausgeblutet! Sie laufen uns nicht weg, sondern verlangen im Gegenteil nach immer neuen Lizenzen. Ich habe einen Zeitungsartikel gelesen, in dem ein Franchisenehmer sagte, er komme kaum über die Runden. Wer vier Restaurants besitzt, macht in den USA durchschnittlich 800 000 Dollar im Jahr. Ich glaube, damit nagt keiner am Hungertuch. Wir haben über 5000 Franchisenehmer - die meisten sind großartige Partner und lieben McDonald's. Das System ist ideal für uns: 30 000 Restaurants bedeuten viele Toiletten, die sauber gehalten werden müssen. Tag für Tag fallen tausend kleine Dinge an. Das funktioniert besser, wenn es jemand übernimmt, dessen berufliche Existenz daran hängt... ...und der einen Teil der Gewinne an Sie abführt. Bringt Ihnen das System nicht am meisten Vorteile bei schneller Expansion - die Sie ja gerade gestoppt haben? Wenn es uns gelingt, mehr Kunden in bestehende Restaurants zu locken, als neue Läden aufzumachen, ist das weit profitabler sowohl für uns als auch für die Franchisenehmer. Darauf konzentrieren wir uns jetzt. In den USA hat das bereits neun Prozent Umsatzplus gebracht. In Deutschland könnte es ebenso viel werden. Aber das heißt nicht, dass wir aufhören, neue Restaurants zu eröffnen. Dieses Jahr werden es zwischen 900 und 1000 sein. Neben Coca-Cola gilt McDonald's als die amerikanischste Marke überhaupt - ein Symbol für den amerikanischen Traum. Als Sie das erste Restaurant in Moskau eröffnet haben, wurde das als Triumph der Freiheit gefeiert. In Kuwait bildeten sich kilometerlange Schlangen am Drive-In. Können Sie sich vorstellen, dass so etwas noch einmal passiert? Die Marke ist nicht beschädigt. Wir sind in 119 Ländern. Wenn wir im 120. aufmachen, wird es wieder Schlangen geben.

Aber wo könnte das sein? Im Moment muss das nicht sein. Die Märkte, auf die wir uns konzentrieren, stehen für 95 Prozent des weltweiten Wohlstands. Das ist Ihr Problem: McDonald's hat keinen Platz mehr, um weiter zu wachsen. Wir können noch viele Restaurants in den Ländern aufmachen, in denen wir bereits vertreten sind. In Westeuropa gibt es bisher nur halb so viele Läden wie in den USA, aber mehr Menschen und weniger Wettbewerber. In China gibt es für eine Milliarde Menschen erst 600 McDonald's. Spürt McDonald's, dass die Sympathien für die USA in vielen Ländern schwinden? Unsere Kunden sind sehr clever. Sie verstehen, dass unsere Restaurants von örtlichen Franchisenehmern betrieben werden und Produkte örtlicher Landwirte anbieten. Wir kommen nicht einfach in ein Land, um es zu erobern, unsere Flagge zu hissen und dann alles zu importieren. Wir stammen zwar aus Amerika, aber in Frankreich zum Beispiel sind wir vor allem französisch. Wenn dort der Bauer Jos? Bov? einen einzelnen McDonald's angreift, gibt das ein wunderbares Bild für die Presse. So sind wir zu einem Symbol für etwas geworden, das nicht unser Problem ist. Sie sind einer der Lieblingsschurken für die Globalisierungsgegner dieser Welt. Wir sind eine globale Marke und müssen deshalb eine Extralast tragen. Meinen Leuten sage ich immer: "Wir sind die Nummer eins. Wollt ihr lieber die Nummer zwei sein, die allen egal ist?" Natürlich nicht! Wenn Sie in den Medien Bilder sehen von Randalierern vor einem unserer Restaurants, dann ist das eines von 10 000 Restaurants - und die Störer haben selbst die Presse gerufen, weil sie wissen, dass die darauf anspringt. Das ist mein Problem mit den Medien. Es geht nicht um uns, wir sind nur das Vehikel.

Hat sich durch die Irak-Politik der USA der Gegenwind verstärkt? Hätte ich lieber eine friedliche Welt? Selbstverständlich. Leider ist sie es nicht. Ich hoffe, dass wir dahin kommen. Aber ich denke, dass McDonald's besser damit umgeht als irgendein anderes internationales Unternehmen. Im Nahen Osten fallen die Umsätze mal für eine Woche, dann ist es wieder normal, und dann sehen wir große Zuwächse. Das habe ich schon oft erlebt. Was planen Sie in Deutschland? Deutschland ist für uns einer der wichtigsten Märkte. Unsere Restaurants sind ausgesprochen profitabel. Aber aus meiner Sicht treffen uns gesamtwirtschaftliche Probleme bei Ihnen mehr als beispielsweise in den USA, wo McDonald's wohl das Letzte wäre, an dem die Menschen sparen würden. In Deutschland spüren wir die Wirtschaftskrise und deren Auswirkungen auf die Verbraucher. Ihr größter Konkurrent, Burger King, ist in Deutschland im vergangenen Jahr deutlich gewachsen. Burger King hat ja auch noch viel mehr Platz zum Wachsen. Glaube ich. Ich verschwende nicht viele Gedanken an Burger King. Sie haben keine Angst davor, dass Burger King an die Börse will? Sie werden sicher ihre Pläne haben. Ich kümmere mich lieber um unser eigenes Geschäft. Im Übrigen: Sie müssten die nächsten hundert Unternehmen mit Restaurants außerhalb Amerikas zusammennehmen, um an die Größe von McDonald's heranzureichen. Unser Geschäft ist sehr, sehr erfolgreich - auch wenn Anfang des Jahres in den Schlagzeilen stand, dass wir erstmals einen Verlust melden mussten. Es war ein Quartalsverlust, und der hatte vor allem mit Abschreibungen zu tun. Kontrollieren Sie selbst, ob Ihr Reformprogramm im McDonald's an der Ecke verwirklicht wird? Wenn ich in einem McDonald's gegessen habe, lasse ich in der Regel meine Visitenkarte da, und auf der Rückseite steht die Bewertung. Dann weiß der Restaurantmanager, wie es mir gefallen hat. Bevor Sie Anfang des Jahres Ihren Job als McDonald's-Chef angetreten haben, waren Sie schon im Ruhestand. Was sagt Ihre Frau dazu, dass Sie in das Unternehmen zurückgekehrt sind? Darüber reden wir nicht. Nicht mit uns oder nicht mit Ihrer Frau? Meine Frau unterstützt mich sehr und liebt McDonald's genauso wie ich. Wir haben 30 Jahre lang unser Leben auf diese Firma ausgerichtet. Und wie lange soll das so weitergehen? Solange es für mich und das Unternehmen sinnvoll ist. Es gibt keine feste Grenze. Ich bin hier, und es macht mir Spaß. "Ich liebe es!"

Karsten Lemm, Andreas Petzold, Stefan Schmitz / print