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Altersvorsorge: Wirbel um die Rente mit 70

Als Otto von Bismarck den Grundstein für die gesetzliche Rente legte, war sie als "Zuschuss" für den Lebensunterhalt gedacht - und wurde erst ab 70 Jahren gezahlt. Jetzt ist die Rentenkasse leer - und auf Pensionisten kommt die dritte Nullrunde zu.

Vor 114 Jahren wurde die Invaliditäts- und Altersversicherung vom Reichstag beschlossen. Doch die Altersrente war damals etwas ganz anderes als heute: Sie war als "Sicherheitszuschuss" zum Lebensunterhalt gedacht. Eine solche Diskussion wie derzeit um die Rente erst ab 70 Jahren gab es unter Bismarck nicht: Die Altersrente wurde erst nach Vollendung des 70. Lebensjahres gezahlt. Im Jahr 1916 sank die Grenze dann von 70 auf 65 Jahre.

Doch der Kreis schließt sich scheinbar: Der Vorschlag aus dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das Renteneintrittsalter von 65 auf 70 Jahre anzuheben, hat eine heftige Debatte über nötige Reformen ausgelöst. "Eigentlich wäre das Eintrittsalter 70 schon in zehn Jahren notwendig, aber dazu ist die Politik zu langsam", sagte DIW-Präsident Klaus Zimmermann. Er hält die Anhebung für notwendig, um die Rentenkassen zu entlasten. Dafür hat Zimmermann aus Parteien und Gewerkschaften ordentlich Gegenwind bekommen.

Wird Sie die 'Rente ab 70' betreffen?

Doch die Situation der Rentenkassen ist angespannt: Im Herbst muss nicht nur der Bundeszuschuss mehrmals vorgezogen werden, weil die Beitragseinnahmen voraussichtlich nicht reichen: Auch ein Kredit von 400 Millionen Euro wird nicht ausgeschlossen. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) lehnt derzeit ein höheres Renteneintrittsalter ab. Der Vorschlag der Rürup-Kommission nach einer Anhebung bis 2034 von 65 auf 67 Jahre sei richtig. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt plädiert ebenfalls für ein schrittweise höheres Rentenalter - aber im Gegensatz zu Schröder auch für die Senkung des Rentenniveaus.

Nullrunde für Rentner

Außerdem kommt auf die Rentner im nächsten Jahr - wie in diesem und dem vergangenen Jahr - wieder eine Nullrunde zu. "Wir gehen im Moment davon aus, dass wir 2006 wieder eine Nullanpassung haben werden", sagte der Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Rentenversicherungsträger (VDR), Franz Ruland, der "Passauer Neue Presse" vom Freitag. Die Zuwächse an Bruttolöhnen, die dieser Berechnung zu Grunde lägen, seien "sehr gering". Rentenkürzungen würden fällig, wenn die Lohnsumme sich negativ entwickle. Ruland sprach sich der Zeitung zufolge dafür aus, die Ein-Euro-Jobs nicht in der Lohnsumme, der Basis für die Rentenanpassung, zu berücksichtigen. Dadurch "werden die Löhne etwas stärker steigen, doch bleibe es auch in diesem Fall bei einer Nullrunde 2006, dämpfte er voreilige Erwartungen.

Unterdessen warf der frühere Gesundheitsminister und heutige Vorsitzende des Sozialverbandes VdK in Bayern, Horst Seehofer, den Versicherungsträgern "Scharlatanerie" und "Schönfärberei" bei ihren Informationen an die Versicherten vor. Diese schriftlichen Renteninformationen gaukelten, da sie von unrealistischen Rentenanpassungen nach oben ausgingen, den Versicherten Beträge vor, die an der Realität vorbei gingen, sagte Seehofer in der gleichen Zeitung.

Keine Rentenreform in Sicht

Eine groß angelegte Rentenreform wollen die Parteien derzeit nicht anpacken. Die Union plant einen Kinderbonus für Neugeborene von 2007 an bis zu deren 12. Lebensjahr von 50 Euro im Monat. Ein höheres Renteneintrittsalter ist derzeit nicht in der Diskussion. Die SPD will, dass das tatsächliche Rentenalter von 63 auf 65 Jahre steigt. Die Grünen planen, die private Vorsorge weiter zu fördern, die FDP will stärkere Ergänzung durch private und betriebliche Altersvorsorge. Die Linkspartei schlägt eine staatliche Grundrente vor.

Fertige Vorschläge für eine große Rentenreform liegen aber bereits in den Schubladen: Die Rürup-Kommission legte vor zwei Jahren ein Konzept vor, mit dem das gesetzliche Renteneintrittsalter von 65 auf 67 Jahre steigen soll. Die Kommission unter Regierungsberater Bert Rürup will das von 2011 bis 2035 in kleinen Schritten von einem Monat pro Jahr vollziehen. Damit soll der Beitragssatz bis 2030 nicht über 22 Prozent steigen. Er liegt derzeit bei 19,5 Prozent.

Ohne Anhebung des Eintrittsalters geht's nicht

Die CDU-Reformkommission unter Altbundespräsident Roman Herzog will nach ihrem Konzept von 2003 mit einer schrittweisen Anhebung des Eintrittsalters zwischen 2011 und 2023 auf 67 Jahre ebenfalls einen Kollaps des Systems verhindern. Eine Rente ohne Abschläge soll es mit 45 Versicherungsjahren geben. Wer sie schon früher nachweisen kann, soll bereits von 63 an volle Rente beziehen.

Schröder sprach sich damals für eine gemeinsame Sozialreform mit der Opposition auf Basis der Vorschläge von Herzog und Rürup aus. Wenn ein "Ruck durch Deutschland" erreicht werden solle, müssten die Ergebnisse beider Kommissionen zusammengelegt und "jenseits parteipolitischer Egoismen" abgeglichen werden.

Mit DPA und AP