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Arbeitnehmer: Ausgebrannt und aufgefangen

Es trifft besonders die Motivierten und Engagierten: Burnout ist Endstadium einer langen Erosion von Körper und Seele. Männer und Frauen erzählen, welche Warnzeichen sie übersehen haben - und mühsam lernten, zur Ruhe zu kommen.

Von Peter Sandmeyer

Trott. Tretmühle. Hamsterrad. Endlose Müdigkeit. Schon beim Weckerklingeln oft die Sehnsucht, sich fallen zu lassen. Den Sohn, den Mann, den Haushalt versorgen, den Kühlschrank füllen, kochen, waschen, bügeln. Dazwischen die eigene Arbeit. Freies Lektorat. Texte lesen, umschreiben, besser machen. Keine unangenehme Arbeit, aber einsam. Der Computer steht zu Hause. Keine langen Wege, mehr Zeit zum Arbeiten, das Kind unter Kontrolle. Doch im "Home- Office" gibt es keine Kollegen; Computer sagen nie "gut gemacht", und ein kleiner Sohn sagt nicht "Zeig mal", wenn es beim Schreiben stockt.

Sie arbeitet täglich 14 Stunden, am Herd, am Computer, am Bügelbrett. Vieles könnte noch gelungener sein, findet sie. Ihre Texte, das Essen, ihr Aussehen, der Garten. Zusammenreißen! Weitermachen. Schaffen andere Frauen doch auch. Wenn nur diese Müdigkeit nicht wäre.

Um jeden Preis "da sein"

Dann eine berufliche Krise des Mannes. Plötzlich hängt mehr von ihrer Arbeit und ihrem Verdienst ab. Der Druck steigt. Dann stirbt der Vater. Die trauernde Mutter braucht jetzt jemanden, der bei ihr ist. Selbstverständlich steht die Tochter zur Verfügung. So hat sie es gelernt. Da zu sein: für die Mutter, den Mann, den Sohn, für alle. Sie gibt immer und bekommt nie. Das Hamsterrad dreht sich schneller. Aus Müdigkeit wird Erschöpfung.

In der folgenden Zeit erlitt er Schwindelanfälle, manchmal wurden seine Arme taub, nachts suchten ihn Schwitzattacken heim. "Da war etwas, aber man konnte nichts feststellen." Sein Leben setzte Wichmann fort wie gewohnt, mit all den Sorgen um seine Frau, deren Gesundheit angegriffen war, um seine Töchter, die jüngere leidet an einem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, und vor allem um Job und Karriere. Er arbeitete rastlos. Meist nahm er noch Akten mit nach Hause, ackerte bis 22 Uhr und stand um fünf Uhr wieder auf.

Der Zusammenbruch

Als sein Unternehmen fusionierte und die Zentrale verlegt wurde, beschloss er, in Hamburg zu bleiben. Eine klare Entscheidung. Aber keine leichte. Nach einem Urlaub in Kalifornien, in dem er sich nicht erholt hatte, erkrankte seine Frau schwer, eine sofortige Operation war notwendig. Da kippte er. "Ein Gefühl von Ausgeliefertsein, Angst, totaler Erschöpfung, das nicht mehr wich." Auch als seine Frau wieder zu Hause war, bekam er sich nicht in den Griff. "Ihr ging es langsam wieder besser, mir immer schlechter." Eines Morgens schaffte er es nicht mehr, sich die Zähne zu putzen. Heute, zwei Jahre später, nach Klinikaufenthalt, mühseliger Rehabilitation und schrittweiser Rückkehr in den Beruf, blickt er zurück und sagt leise: "Ich würde mir wünschen, es nicht so weit getrieben zu haben; es war eine schockierende Erfahrung - man verliert die Kontrolle und weiß einfach nicht, wie es weitergeht."

Seltsam: Die Konjunktur brummt, die Arbeitslosenzahlen gehen zurück, die Konsumfreude überschlägt sich, aber in den Wartezimmern der Psychiater drängen sich die Hilfesuchenden. "Es sind zunehmend Jüngere, die mit den Belastungen ihres Lebens nicht fertig werden." Das beobachtet der Hamburger Chefarzt und Therapeut Michael Stark. Erschöpft, überfordert, ausgebrannt - das Burnout-Gefühl verbreitet sich wie Grippe im Februar. Und Opfer der Epidemie sind vor allem Menschen zwischen 30 und 50, die auf der Höhe ihrer körperlichen Kräfte sind und ihre Leistungsfähigkeit viele Jahre bewiesen haben. Weshalb geraten sie plötzlich an ihre Grenze?

Die Rushhour des Lebens

Soziologen haben für den biografischen Abschnitt zwischen dem Ende der Ausbildung und der Lebensmitte eine griffige Bezeichnung gefunden: Rushhour des Lebens. Alles drängt sich hier zusammen, Familiengründung, Kinderbetreuung und Berufseinstieg, dazu häufig der Erwerb eines Eigenheims und die Sorge um alt gewordene Eltern. Die Tücke dieser Lebensphase: Eigentlich Unvereinbares muss vereint werden.

In der Zeit, in der wir am meisten Zeit für die Familie brauchen, müssen wir auch am meisten arbeiten. Irgendwann ist es ein Teufelskreis, wie ihn der Hamburger Werber Carsten G. erlebt: Statt des dritten Wunschkindes bringt seine Frau Zwillinge zur Welt; damit fällt sie für jede Art von Berufstätigkeit aus; die zu klein gewordene Wohnung wird gegen ein eigenes Haus am Stadtrand getauscht; die täglichen Wege verlängern sich, die knappe Freizeit geht für Hausbasteleien drauf, eine Reduzierung der beruflichen Belastung ist schon wegen der Kreditverpflichtungen unmöglich; und jetzt ist auch noch die Schwiegermutter krank geworden. Die Tochter kann aber nur helfen, wenn ihr Mann sich noch mehr um die Kinder kümmert. "Mir bleiben", rechnet G. vor, "sechzig Minuten am Tag für mich: dreißig, wenn ich morgens ins Büro fahre, dreißig, wenn ich abends heimkehre." Und meistens klingelt da auch noch das Handy.

Stress aufgrund moderner Technik

Dem klagenden Patienten gab die 25. Zivilkammer des Landgerichts München jetzt recht. Sie folgte dem Erlanger Professor Wolfgang Sperling, der in seinem Gutachten den engen Zusammenhang zwischen dem Ausbrennen des Finanzmaklers und seinem Persönlichkeitsprofil deutlich machte. Die "beruflich bedingte exogene Belastung" habe zum Burnout beigetragen, aber mehr noch die "aus seiner Persönlichkeit heraus getriebene permanente Unruhe und fast zwanghaft anmutende Tendenz zum Perfektionismus, der er auf Dauer nicht gewachsen sein konnte". Es sind vor allem Menschen mit leistungsorientierter oder idealistischer Einstellung, die gefährdet sind. Die Faktoren, die Überforderung hervorrufen, sind vielfältig. Besonders dramatisch, so der Psychiater Schürgers, wirke sich die enorme Beschleunigung des Lebens aus: Dank Handy, Smartphone, Blackberry, E-Mail et cetera ist jeder jederzeit erreichbar, der Austausch von Informationen erfolgt blitzschnell, ebenso schnell müssen Entscheidungen gefällt werden. Zeit für reifliche Überlegung bleibt selten, Stress wird zum ständigen Begleiter. Dank modernster Technik kann auch immer und überall gearbeitet werden, die Freizeit ist porös geworden. Das führt zu einer Daueranspannung, besonders bei Jüngeren, Erfolgsorientierten, die manchmal kaum noch Phasen wirklicher Entspannung erleben.

Kommunikation und Entscheidungsprozesse sind aber nicht nur schneller, sondern auch anonymer geworden. Austausch von Mensch zu Mensch, persönliche Gespräche, Ratschläge, Belobigungen sind selten. Die Isolation des Einzelnen nimmt zu - und mit ihr die Angst vorm Versagen. Auch die wirtschaftliche Entwicklung ist ein neuartiger Belastungsfaktor. Viele Unternehmen sind - in Folge der Globalisierung - größer und unübersichtlicher geworden, viele haben ihre Produkte, ihre Märkte, ihre Strategien radikal geändert. Wer bei Mannesmann anfing und Röhren produzierte, musste plötzlich auf Mobiltelefone umschulen - und dann sein Büro räumen, weil die Abteilung ins Ausland verlegt wurde. Wer im Management eines großen Konzerns Karriere machen will, konkurriert mit Indern, Japanern und Chinesen. Nur wer größeren Einsatz zeigt, höhere Flexibilität entwickelt und die Fähigkeit zu dynamischem Selbstmanagement besitzt, setzt sich durch.

Flucht unmöglich - Das Lebensarbeitszeit-Korsett

Mit Familienleben und Kindern ist das alles schwer zu vereinbaren - und in Deutschland ganz besonders schwer, wie der jüngste Familienbericht der Bundesregierung einräumt. Das Hin-und-her-Wechseln zwischen familienorientiertem und stärker berufsbezogenem Leben ist hierzulande schwerer als in den meisten europäischen Ländern. Nicht ohne Grund hängt die Gebärfreudigkeit so durch. Wer Kinder und Karriere zusammenbringen muss, wird von auseinanderdriftenden Anforderungen zerrissen.

"Die gesamte Organisation der Arbeit ist bei uns vollkommen anachronistisch", urteilt der Berliner Soziologe Hans Bertram. Während von den Beschäftigten immer mehr Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit verlangt werden, zwinge sich die Gesellschaft in ein Lebensarbeitszeit-Korsett aus der Zeit des Fürsten Bismarck: Ausbildung - Beruf - Rente, kaum eine Möglichkeit des Quereinstiegs oder Umstiegs, Flucht unmöglich. Alle sozialen Sicherungssysteme sind darauf eingerichtet, ein Leben lang dasselbe zu machen und bis zur Pensionierung durchzuhalten. Das alte Korsett aber ist in den vergangenen Jahrzehnten immer enger geworden. Das Ende des Studiums oder der Fachausbildung liegt bei Mitte bis Ende zwanzig. Das Ende der Karriereleiter bei Mitte vierzig. Zwei Jahrzehnte, in denen sich Job, Nestbau und Elternrolle bündeln. Die Rushhour des Lebens eben: "Jeder hetzt sich in dem Bewusstsein, dass mit fünfzig schon alles wieder vorbei ist", sagt Bertram.

Keine Chance auf Pause

Warum, fragt der Soziologe, könne nicht jemand, der seine Kinder auf einer schwierigen Lebensetappe begleiten will, ein Haus baut oder alte Eltern betreuen muss, für ein Jahr ohne finanzielle Einbußen im Beruf pausieren und es am Ende an seine Lebensarbeitszeit anhängen? In den Niederlanden wurde in diesem Jahr die Möglichkeit geschaffen, das Berufsleben zu unterbrechen, sei es für die Familie, für die Bildung oder einfach für die persönliche Weiterentwicklung. Hierzulande wäre ein solches Modell unmöglich. "Die Bundesregierung", fürchtet Bertram, "vermutet dahinter sofort eine versteckte Form der Grundsicherung."

Sind es also die Vielzahl und Vielfalt der Belastungen, die irgendwann unweigerlich in Überlastung münden? Wird die Spannung zwischen den verschiedenen Verpflichtungen nicht mehr ausgehalten? Ist Burnout die unausweichliche Folge? Andreas Hillert schüttelt den Kopf. Der vollbärtige Arzt ist 46 und weiß aus eigener täglicher Erfahrung, wie schwer es ist, die Anforderungen seiner Familie und seines Jobs als Psychiater und Psychotherapeut unter einen Hut zu bringen. Auch sein Kollege Michael Marwitz, 42, steht in der Rushhour des Lebens. Beide sind an der Medizinisch- Psychosomatischen Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee tätig, ein Akutkrankenhaus und gleichzeitig eine idyllisch gelegene Zuflucht für Erschöpfte und Ausgebrannte. Der eine als Oberarzt, der andere als Diplompsychologe. Beide haben Familie und Patienten, reichlich Termine, viele Verpflichtungen, randvolle Tage. Angst vor Burnout haben sie nicht.

Hauptsache die Balance stimmt

Hillert und Marwitz haben ein Buch geschrieben, in dem sie die Geschichte des Burnouts untersuchen und Erfahrungen mit "Ausgebrannten" schildern. "Auch extreme Belastungen", resümiert Hillert, "führen nicht unbedingt zur Überlastung, es gibt keinen Automatismus." Natürlich existieren für alle Menschen physische Grenzen der Belastbarkeit, aber solange die nicht verletzt werden, können sie ein erstaunliches Maß von Arbeit und Termindruck ohne Schaden ertragen - vorausgesetzt, die Balance zwischen Geben und Nehmen, zwischen Arbeit und Anerkennung stimmt.

Das bestätigen auch die Ergebnisse der größten Untersuchung, die je zum Thema Arbeitsbelastung in Auftrag gegeben wurde: Über mehrere Jahre wurden Gesundheit, Arbeits- und Lebensumstände von rund 10.000 britischen Staatsangestellten mittleren Alters untersucht. Die Studie ergab, dass der wichtigste Unterschied in der Stressempfindlichkeit der Untersuchten in einem psychosozialen Faktor lag: Je autonomer ein Mensch handeln kann, je mehr Kontrolle er über sein Leben, seine Entscheidungen und seine Arbeit hat, je zufriedener er mit seiner Arbeitssituation ist - desto geringer ist seine Stressanfälligkeit.

Entscheidungsspielraum ist von großer Bedeutung

Deswegen stehen nach übereinstimmenden Untersuchungen von Stressforschern in den USA, Schweden und England nicht Selbstständige und leitende Angestellte an der Spitze der Belastungsskala, sondern Angestellte der unteren Hierarchiestufen. Ihr Arbeitstag ist zwar viel kürzer als der ihrer Vorgesetzten, aber Aufgaben, Termine, Arbeitseinteilung und Arbeitstempo sind ihnen vorgeschrieben, und Anerkennung wird ihnen häufig vorenthalten. Offenbar gilt die Regel: Je knapper die Kontrolle über das eigene Handeln, je kleiner der Entscheidungsspielraum und je geringer Lob und Gratifikationen, desto größer der Stress und desto gravierender seine gesundheitlichen Folgen. Deswegen findet man Burnout-Häufungen auffällig oft in sozialen Berufen. "In der Altenpflege", sagt Psychiater Georg Schürgers, "kann man von einer regelrechten Epidemie sprechen. Fast immer ist dort die Bezahlung schlecht und der Führungsstil mies, und unter diesen Bedingungen müssen dann 40 Demenzkranke betreut werden - woher sollen die Erfolgserlebnisse kommen?"

Andreas Hillert hat sich besonders eingehend mit der grassierenden Erschöpfung bei Lehrern beschäftigt, von denen aktuell mehr als 75 Prozent vorzeitig aus dem Berufsleben ausscheiden, die Hälfte davon mit einer Psychodiagnose. Auch hier machte er die Erfahrung, dass es nicht die berufliche Belastung allein ist, die zum Ausbrennen führt. "Bei Lehrerinnen an der gleichen Schule mit gleichem Stundenkontingent fühlten sich oft diejenigen, die auch noch zwei Kinder zu versorgen hatten, weniger belastet als die Alleinstehenden." Erklärung: Kinder und ein anregendes Familienleben sorgen für positiven Ausgleich zum Erfolgsmangel der Schulerlebnisse.

Die Warnzeichen vor dem Zusammenbruch

"Es geht", so Michael Marwitz, "in vielen Fällen nicht um Belastung, es geht um Kränkung." Kränkung durch fehlende Erfolgserlebnisse, durch schlechte Bezahlung für gute Leistung, durch Übergangenwerden bei Beförderungen, durch mangelnde Anerkennung; Kränkung, die zu einer ständig nagenden Verletzung des Lebens wird. Michael Stark, Psychiater, Psychologe und Chefarzt an der Asklepios Klinik in Hamburg-Rissen, veranschaulicht es seinen Patienten mit einem Vergleich: Das Gehirn ist auch ein Organ wie Magen oder Leber. Und wie diese reagiert das Gehirn auf das, was ihm zugemutet wird. Wer jeden Tag eine Flasche Schnaps trinkt, riskiert zuerst eine Fettleber, dann eine Zirrhose. Ein Magen, dem stets miese Nahrung zugemutet wird, reagiert mit Schleimhautreizungen und irgendwann einem Geschwür. Das Gehirn verhält sich nicht anders. Wenn es immer wieder und vor allem Kränkungen, Verletzungen, Missachtungen verarbeiten muss, reagiert es mit Müdigkeit, Unkonzentriertheit, Abgeschlagenheit. Das sind Warnzeichen. Werden sie wahrgenommen, können psychologische Beratung und Veränderung des Alltags die Ampel von Gelb wieder auf Grün springen lassen.

Ohne Beratung und Anleitung geht es selten. Denn den Müden und Abgeschlagenen muss gegen ihren Widerstand zugemutet werden, mehr zu machen - mehr Sport, mehr soziale Aktivitäten, mehr von dem, was ihr Leben bereichert und für positive Erfahrungen sorgt. Das ist anstrengend, aber heilsam. Werden die Warnzeichen nämlich ignoriert, schaltet das Gehirn das psychovegetative System auf ein Energiesparprogramm. Unlust und wachsende Erschöpfung führen dazu, dass immer mehr Aktivitäten vermieden werden, Sport wird als zu anstrengend empfunden.

Akku leer,Blackout, Burnout

Auch die Wahrnehmungskanäle werden nach und nach stillgelegt, die Beobachtung des Lebens auf einen Tunnelblick verengt. Gesehen wird jetzt nur noch das Notwendige, das zu Bewältigende, die Pflicht; aber nichts Schönes mehr, nichts Bereicherndes. Das Gehirn erhält noch weniger Nahrung. Es entwickelt sich so etwas wie "psychische Magersucht". Und irgendwann reagiert das Gehirn wie ein Computer, dessen Akku leer ist: Der Bildschirm wird schwarz - Blackout, Burnout.

Nicht nur ständige Überlastung kann also zum Ausbrennen führen, sondern auch permanente Unterforderung. Deswegen sind etwa Hausfrauen besonders bedroht, in deren Leben die "Stressoren" der Manager kaum vorkommen. Doch ein Alltag, den Kinder, Kochtopf und Kloputzen bestimmen, bietet eben nicht mehr als die Wiederholung des Immergleichen; neue Eindrücke, neue Herausforderungen sind selten, Staubwischen rangiert auf der Skala beglückender Tätigkeiten ganz unten, Lob und Anerkennung sind rar. Hausfrauen müssen deswegen ganz besonders auf Ausgleich achten: eine Partnerschaft, in der sie nicht untergehen, vielfältige soziale Kontakte, aus denen sie Ermunterung und Bestätigung beziehen; Hobbys, die Zufriedenheitserlebnisse vermitteln; körperliche Aktivitäten, die Entspannung ermöglichen.

Entlastung, Erholung und Ernüchterung

"Das bewährte Konzept", sagen Andreas Hillert und Michael Marwitz, "lässt sich auf das dreifache E zurückführen: Entlastung, Erholung und Ernüchterung." Mit Entlastung ist die Verminderung von Stressoren gemeint und mit Erholung das Wiederaufladen der Batterien durch Entspannung, Sport, Schlaf et cetera. Schwieriger wird es bei der "Ernüchterung". Gemeint ist die Veränderung von Einstellungsmustern - weg von übertrieben perfektionistischen, idealistischen und altruistischen Anschauungen.

Denn Burnout-gefährdet sind ganz besonders Menschen wie Katrin Weber, die immer für alle da sind, nie eine Bitte ablehnen und jede Aufgabe perfekt lösen wollen. Sie beziehen ihr gesamtes Selbstwertgefühl aus der Bestätigung ihres perfekten Funktionierens - und brechen zusammen, wenn sie die lebensnotwendigen positiven Rückmeldungen nicht mehr bekommen. Betroffene müssen lernen, sich in ihrem Alltag andere, neue oder verloren gegangene Zufriedenheitserlebnisse zu organisieren - Sport, Hobbys, Spaß an Musik, Kino, Theater, Geselligkeit, gutem Essen -, und gleichzeitig daran arbeiten, ihre Einstellungsmuster zu verändern. "Sonst", weiß Andreas Hillert, "wird aus Tennis als Entspannung und Spaß in kürzester Zeit ein neues Feld verbissenen Ehrgeizes."

Die 6 Gebote gegen Burnout

Wichtig ist es deshalb, das Gehirn mit einer Vielfalt von Anregungen zu versorgen und von keinem einzelnen Bereich des Lebens völlig abhängig zu sein. Schon gar nicht vom Beruf. Da sollten Beschäftigte generell umdenken, rät der Kölner Diplomkaufmann und Soziologe Winfried Panse, der lange Personalleiter eines Großunternehmens war und sich heute in Hochschulseminaren und Büchern mit Machtverhältnissen in Unternehmen und den Auswirkungen der Angst von Mitarbeitern beschäftigt. Klassischerweise sei ein Arbeitsvertrag eine Abmachung mit zwei Regelungen: "Geld gegen Leistung" und "Sicherheit gegen Loyalität". "Heute", macht der Soziologe klar, "kann aber kein Unternehmen mehr Sicherheit garantieren. Also schuldet man ihm auch keine absolute Loyalität mehr." Jeder Beschäftigte müsse heute vor allem sich selbst gegenüber loyal sein.

"Dieser Wechsel der Einstellung zum Job ist die beste Prophylaxe gegen innere Kündigung und Burnout", sagt Winfried Panse, und das nütze auch dem Unternehmen. Der Berater nennt sechs zeitgemäße Gebote für den Arbeitnehmer. 1. Er muss sich mit seiner Leistung identifizieren, nicht mit dem Unternehmen. 2. Er muss neue Chancen im Blick behalten, seinen Marktwert überprüfen und, wenn möglich, steigern. 3. Er muss Rücklagen bilden, die ihn unabhängiger machen, und notfalls aufs eigene Haus verzichten, wenn es ihn abhängig macht. 4. Er muss sich auf Krisen vorbereiten und die Einstellung entwickeln, dass jede Krise eine Chance zur Neuorientierung ist. 5. Er muss die Zukunft im Blick behalten, Ziele, Wünsche, Visionen für sich formulieren, Eigeninitiativen entwickeln und seine Kreativität pflegen. 6. Er muss der Handelnde bleiben und darf nie zulassen, zum Behandelten zu werden. "Burnout", sagt Panse, "ist nichts anderes als Resignation. Jeder hat es in der Hand, es nicht so weit kommen zu lassen." Katrin Weber sucht jetzt eine Bürogemeinschaft, in der sie ihre Lektoratsarbeit machen kann. Sie nimmt sich mehr Zeit für Freunde, Kino und Sport. Und sie hat einen neuen Wahlspruch für ihr Leben formuliert: "Du darfst nicht glauben, du müsstest ein Engel sein."

* Name von der Red. geändert

Mitarbeit: Kuno Kruse, Matthias Lauerer, / print