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Arbeitsmarkt: Die Drei-Millionen-Marke wird geknackt

Ein Ende des Aufschwungs am Arbeitsmarkt ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Er wird mindestens bis 2009 anhalten, ist DIW-Chef Klaus Zimmermann überzeugt. Im stern.de-Interview sagt er voraus, dass die gute Konjunktur 2008 auch in der breiten Bevölkerung ankommen wird.

Herr Zimmermann, hätten Sie 2005 gedacht, dass sich der deutsche Arbeitsmarkt in nur knapp zwei Jahren so positiv entwickeln wird?

Nein, normalerweise gehen wir davon aus, dass die Beschäftigung mit einem Jahr Verzögerung auf das Wachstum reagiert. Das ist in diesem Aufschwung anders. Durch die Reformen in der Vergangenheit hat sich eine stärkere Bindung zwischen Wachstum und Beschäftigung entwickelt. Das zahlt sich jetzt aus.

Wann entwickelt sich der Boom zum Problem? Schon jetzt klagen einige Unternehmen über mangelnde Fachkräfte.

Er kann zum Problem werden, wenn es uns nicht gelingt, Fachkräfte zu akquirieren. Wir brauchen dringend eine Öffnung für hoch qualifizierte Beschäftigte aus dem Ausland. Der deutsche Markt ist leer gefegt. Hier muss die Bundesregierung flexibler und entschiedener reagieren. Der Boom wird sich aber auch in diesem Jahr etwas - wenn auch nicht erheblich - abschwächen. Das hat in diesem Fall sogar etwas Positives: Es entstehen keine Inflationsrisiken.

2008 wird etwas schlechter als 2007. Trotzdem bleibt die Wirtschaft in Deutschland auf Wachstumskurs. Wie lange wird diese Entwicklung anhalten?

Für 2008 und 2009 rechnen wir weiterhin mit Wachstumsraten um zwei Prozent. Getragen wird die Entwicklung vor allem von der positiven Entwicklung des Konsums. Danach wird die Konjunktur wahrscheinlich wieder schlechter werden.

Was unterscheidet den derzeitigen Boom von dem zurzeit der sogenannten New Economy? Müssen wir uns auf einen ähnlichen Absturz vorbereiten?

Dieser Boom ist wesentlich beschäftigungsintensiver als der letzte. Damals sind viel Teilzeitkräfte und Geringbeschäftigte in Arbeit gekommen. Jetzt werden Vollzeitarbeitsplätze geschaffen. Das sind gute Jobs, aber natürlich nicht immer höchstbezahlte Jobs.

Wenn keine schwerwiegenden wirtschaftspolitischen Fehler gemacht werden, müssen wir nicht befürchten, wieder in ein tiefes Tal zu fallen. Auf eine Konjunkturpause ab 2009 müssen wir uns aber einstellen.

Wann kommt der Aufschwung im bürgerlichen Mittelstand an?

Die Reallöhne werden sich in diesem Jahr positiv entwickeln. Der Anstieg der Gehälter wird im Durchschnitt einen knappen Prozentpunkt stärker als die Inflationsrate ausfallen. Die Leute haben mehr in der Tasche - auch durch die Entlastung bei den sozialen Sicherungssystemen.

Immer mehr Menschen kommen in Beschäftigung und nehmen so am Aufschwung teil. Die mehr als eine Million Menschen, die in den vergangenen eineinhalb Jahren wieder eine Arbeit gefunden haben, sind alles Profiteure der positiven Entwicklung. Und in diesem Jahr werden die Löhne stärker als die Preise steigen.

Könnte 2008 am Arbeitsmarkt zumindest für einen Monat die Marke von drei Millionen fallen?

Ja, saisonbedingt könnten wir in diesem Jahr zeitweilig an der Drei-Millionen-Grenze kratzen. Im Jahresdurchschnitt wird Deutschland jedoch nur auf einen Wert von 3,5 Millionen registrierte Arbeitslose kommen.

Haben wir mit 3,4 Millionen registrierten Joblosen schon den Sockel der Langzeitarbeitslosen und schwer Vermittelbaren erreicht?

Ja. Aber ein positiver Aspekt dieses Aufschwungs ist auch: Es finden mittlerweile überdurchschnittlich viele schwer Vermittelbare einen neuen Job. Bei Älteren, Ausländern und Langzeitarbeitslosen geht die Arbeitslosigkeit stärker zurück als im Durchschnitt. Die strukturellen Reformen am Arbeitsmarkt entfalten ihre Wirkung.

Interview: Marcus Gatzke

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