Arbeitsplatz Küssen verboten


Bett und Kaffeetasse teilen - kein Problem. Aber den Arbeitsplatz? Wenn sich Kollegen lieben, halten sie es meist erst mal geheim. Und dann? Kündigen, Schluss machen oder rausposaunen?
Von Angelika Dietrich

Hansaplast bekam etwas Erotisches, und das "Kribbelhighlight" war, wenn Anne und Mark in die Parkgarage fuhren. Nun ja, Liebe hat manchmal seltsame Auswüchse.

Man könnte, um sich dem Phänomen zu nähern, ein paar Floskeln bemühen: dass Liebe blind macht, dass Liebe beflügelt, dass Liebe wehtut. Man könnte ein paar Fakten nennen: dass sich rund 30 Prozent aller Paare am Arbeitsplatz kennen lernen. Dass sich Franz Beckenbauer, Jürgen Schrempp und Hans-Dietrich Genscher in ihre Sekretärinnen verliebten. Dass in den USA vor fünf Jahren jede vierte Büro-Affäre in eine Klage mündete und jedes achte Unternehmen Richtlinien aufstellte, was zu tun ist bei Verhältnissen zwischen Managern und Untergebenen.

Man kann auch einfach ein paar Liebesgeschichten erzählen. Romantische und tragische, die eines gemeinsam haben: Die Liebe zum Job brachte eine Liebe im Job mit sich.

Keine weiteren Fragen bitte

Im Fall von Anne und Mark Zillmann begann die Geschichte, weil Hansaplast und Hansamed auf demselben Gang lagen. Er, Produktmanager Hansaplast, kommt neu zu Beiersdorf und sitzt 1998 im Einarbeitungsgespräch bei ihr, medizinische Forschung Hansaplast und Hansamed. Man bespricht Strategien, sitzt in Projektgruppen zusammen, findet sich nett, man geht segeln und essen, er findet sie netter als sie ihn. Man verliert sich aus den Augen. Anne wechselt die Abteilung, statt Wissenschaft jetzt Marketing, statt Hansaplast jetzt Eucerin. Hansaplast und Eucerin haben beruflich nichts mehr miteinander zu tun. Es wird wieder Sommer, die Beiersdorfer gehen wieder segeln. Hansaplast und Eucerin kommen sich privat näher, im Dezember werden sie ein Paar. Die Kollegen sagen zu Anne: "Mark würde doch gut zu dir passen." Und Anne sagt: "Nee, kann ich mir gar nicht vorstellen." Sie sagt das noch ein halbes Jahr, die Beziehung soll geheim bleiben. Aber dann passiert ihnen ein Fehler. Eine Tüte mit einer Salatschüssel wird zum entscheidenden Indiz.

Alexandra T. hat zwei Jahre keine Indizien geliefert. Ihre Standardantwort war: Nein, ich habe keinen Freund. Der Rest ist Privatsache. Keine weiteren Fragen bitte. Dass ihr Freund zwei Stockwerke über ihr saß, ahnte bis zu seiner Kündigung niemand. Und das, obwohl oder vielleicht gerade weil sie täglich zusammen zu tun hatten: Er verwaltete die Finanzen für die Events, die sie organisierte.

Am Anfang schien es eine Spielerei. Wer gibt schon viel auf ein Küsschen nach dem Oktoberfestbesuch? Die ganze Kosmetikfirma war da, 30 Frauen, fünf Männer. Mal geht man bei der einen untergehakt, mal legt man den Arm um die andere. Er, Hannes, entschuldigt sich am nächsten Tag bei ihr für das Küsschen. "Dafür brauchst du dich nicht zu entschuldigen", sagt sie und geht aus dem Zimmer. Das ungezwungene kollegiale Miteinander verlor seine Unschuld. "Man flachst nicht mehr so locker wie früher." Früher, als noch keine Gefühle im Spiel waren. Jetzt war es ernst. Im doppelten Sinne. Ihre Liebe hatte sich einen unerlaubten Ort ausgesucht.

Beziehungen unter Kollegen - in amerikanischen Firma ein No-no

Am Anfang schillert jeder Partner. Aber was ist nach zwei Monaten, einem halben Jahr? Anne und Mark, Alexandra und Hannes sagten sich: Warten wir ab, was aus unserer Beziehung wird. Auch der Arbeitspsychologe Peter Groß rät: "Eine Liebelei sollte man für sich behalten. Aber sobald sich zeigt, dass die Beziehung Bestand haben wird, sollte man es den Kollegen sagen, sonst wird die Lüge eine Belastung für die Beziehung."

Anne und Mark machten aus ihrem Geheimnis einen Sport, mit dem Gedanken: Und wenn es herauskommt, ist es auch nicht schlimm. Beobachteten einander durch ihre Bürofenster, die beide zum Innenhof lagen. Dachten jedes Mal, wenn sie in die Parkgarage fuhren oder abends ausgingen, na, sieht uns jetzt ein Kollege? Alexandra wusste, "Beziehungen unter Kollegen in einer amerikanischen Firma, das ist ein No-no." Es hieß, dass einer gehen müsse, sollte es so weit kommen; dass es früher einmal so einen Fall gegeben habe. Soll man das mutwillig herausfordern? Und mal ehrlich: Macht ein kleines Geheimnis eine Beziehung nicht auch spannend?

Im Fall von Anne und Mark machten sich auch die Kollegen einen Sport daraus, herauszufinden, wie gut sich die beiden denn nun kannten. Bei einem Grillfest mit einigen aus der Firma verhielten sich Anne und Mark wie immer, wenn Beiersdorfer dabei waren: einander kaum angucken, nicht Händchen halten, Small Talk. Fazit der Kollegen: Nein, da ist nichts. Dann passierte die Sache mit der Tüte: Eine riesengroße Papiertüte war das, die Mark an dem Abend mitschleppte - schließlich musste die Salatschüssel reinpassen. Am nächsten Tag kam Anne mit der Tüte ins Büro. Statt der Salatschüssel steckten jetzt Unterlagen für eine Veranstaltung drin. Da war alles klar.

Steigert die Liebe den Unternehmensprofit?

Alexandra und Hannes waren die Spielregeln mit der Zeit zur Gewohnheit geworden: täglich mit zwei Autos zur Arbeit, zwei Adressen, obwohl Alexandra nach etwa sechs Monaten zu Hannes gezogen war, den Urlaub um ein paar Tage versetzt nehmen. Ein Augenzwinkern, wenn sie sich über den Weg liefen, ab und zu eine Umarmung, ein Küsschen hinter verschlossener Bürotür. Natürlich mit Herzklopfen. Natürlich fühlte sie sich schlecht angesichts der Lüge. Es ist nicht so, dass die Firmen über das Liebesleben ihrer Angestellten richten wollen - es geht schlicht um die Frage: Steigert eine Liebesbeziehung den Profit des Unternehmens, oder lähmt sie den Betrieb?

Egal, ob HypoVereinsbank, Daimler-Chrysler oder die Caritas, im Allgemeinen ist der Tenor: Schön, wenn sich zwei finden, noch schöner, wenn das positiv ist fürs Betriebsklima, am schönsten aber, wenn die Lage übersichtlich ist und es keine Missgunst unter Kollegen gibt. Halb im Scherz sagt Beiersdorf-Sprecher Klaus Peter Nebel: "In der Regel arbeiten unsere Leute so viel, denen bleibt gar nichts anderes übrig, als sich untereinander zu verlieben. Aber für den Abteilungsfrieden ist es gut, wenn sie in verschiedenen Abteilungen arbeiten." Ähnlich argumentiert Thorsten Rolfes, Unternehmenssprecher bei C&A und Sohn eines C&A-Paares: "Es darf nicht zu einem Abhängigkeitsverhältnis kommen und im Team das Gefühl entstehen, da wird jemand bevorzugt."

In der amerikanischen Kosmetikfirma, in der Alexandra T. arbeitet, heißt es schlicht: "Die Arbeit sollte von persönlichen Dingen freigehalten werden." Bei nicht mal 50 Mitarbeitern gebe es immer inhaltliche Überschneidungen.

Zusammen sein ist das eine. Zusammen arbeiten das andere

Zu viel Nähe tötet die Liebe - fürchten manche. "Es gibt Komplikationen, wenn man sich zu oft sieht", sagt Torsten Wildauer, "dann kracht es irgendwann." Liebe und Beruf wollte er stets trennen. Bis er Stephan traf. In Halle X. Ein Notfall, irgendwas an der Elektronik funktionierte nicht, Torsten musste ran, die Montage bei Ford darf schließlich nicht stillstehen.

Die beiden treffen sich wieder, verabreden sich, und es ist egal, dass der Partner auch Kollege ist. Für Homosexuelle ist das das geringere Problem: Das Coming-out als Schwuler sorgt bei den Kollegen für viel mehr Wirbel. "Man stößt sie nicht mit der Nase drauf", sagt Torsten, "aber dann kommen diese Fragen." Von Stephan, der von sich sagt, "ich hab einen leicht femininen Touch", wollen manche wissen: "Wie sieht’s aus, bist du schwul?" Oder es heißt ganz allgemein: "Und was macht die Liebe?" oder "Was Neues kennen gelernt?" Dann erzählte Torsten irgendwann, was Sache ist: Ja, der Stephan aus der Fertigung. Die Kollegen haben sich die Hälse verrenkt, gesagt: "Ja, das passt" oder "Ich weiß nicht", und das war's. Inzwischen fragen sie gelegentlich: "Wie geht's Stephan?" Und seit der Hochzeit im Mai gilt Torsten einfach als verheirateter Mann. Die Kollegen reden mit ihm über Eheprobleme. Und auch Ford tut was: Partner in eingetragenen Lebensgemeinschaften haben die gleichen Rechte wie die Ehepartner von heterosexuellen Ford-Mitarbeitern. Betriebsrente, Mitarbeiterrabatt, ein freier Tag zur Hochzeit, Anspruch auf Sterbegeld, zum Beispiel.

Zusammen sein ist das eine. Zusammen arbeiten das andere. Das ist a) kein Problem, b) manchmal anstrengend oder c) unmöglich. Torsten und Stephan Wildauer finden es klasse, dass sie einander nicht erklären müssen, was Null-Achter-Tage sind, was das FPS ist oder was in Halle W passiert. Wenn der Arbeitsstress zu viel ist, sagt Torsten, kann man kurz rübergehen, "quatschen, einen Kaffee trinken, eine rauchen". Vorausgesetzt, man arbeitet in der gleichen Schicht. Das ist dann vielleicht doch ein Nachteil: die Schichten. Nur alle fünf Wochen etwa sind sie in der gleichen Schicht. Manchmal sehen sie sich nur auf der Arbeit: wenn der eine kommt, der andere geht. "Da ist man manchmal ein bisschen länger geblieben, hat sich vom Tag erzählt. Das hat es dann ein bisschen gut gemacht, dass man nichts Privates hatte", sagt Torsten.

"Es glaubt keiner", sagt Event-Managerin Alexandra T., "aber mit dem Freund zusammenzuarbeiten ist genauso wie mit jedem anderen Kollegen." Vielleicht sogar eine Spur sachlicher. Hat Alexandra zum Beispiel vom einen oder anderen Misston in Hannes' Abteilung gehört, hat sie ihm davon nichts erzählt. Jedem anderen Kollegen hätte sie schon mal einen Tipp gegeben: "Du, da gibt's Zoff, willst du nicht was machen?" Aber Interna gegenüber Hannes auszuplaudern war für sie tabu. "Mir war wichtig, dass das sauber bleibt und mir nichts nachgesagt werden kann. Ich wollte unsere Beziehung nicht hinter dem Rücken der anderen ausnutzen." Und abends war der Job noch viel weniger ein Thema, "wahrscheinlich weil man mitgekriegt hat, was tagsüber los war". Mit ihrem neuen Freund, diesmal kein Kollege, spricht sie privat viel mehr über den Beruf.

Präsentation vor dem Ehemann

Der einfachste Fall von Büroliebe: zwei Kollegen, gleiche Hierarchie, ein Projekt. Das kann äußerst konstruktiv sein, sagt die Berliner Psychotherapeutin Dr. Astrid Schreyögg. Manchmal aber auf Dauer schwierig für andere. Schreyöggs Empfehlung: Möglichst bald nach einem Job in einer anderen Abteilung gucken. Zum eigenen Schutz ("Liebesbeziehungen öffnen Verdächtigungen Tür und Tor, die unter Umständen gar nicht berechtigt sind") und zum Schutz der Kollegen: "Denn irgendwann", sagt Arbeitspsychologe Peter Groß, "werden Streit und Zwistigkeiten doch ins Arbeitsleben hereingetragen. Vor allem wenn man in derselben Abteilung ist."

Nur keinen Anlass geben zur Kritik - das ist auch die Sorge von Anne Zillmann. Als sie zusammenkamen, und Anne Eucerin und Mark Hansaplast war, hatten sie fachlich gesehen nichts miteinander zu tun. Jetzt ist die Situation aber diese: Anne Zillmann, Produktmanagerin Hidrofugal, hatte vor kurzem die erste Präsentation vor Mark Zillmann, seit einem Jahr ihr Ehemann und Key Account Manager, zuständig dafür, welche Produkte zu welchen Kunden gehen. Auch Hidrofugal.

"Ihr seid ja ein tolles Team"

"Ich bin da rein und hab ihm vorher gesagt, dass ich ihn nicht anschauen werde", sagt Anne. "Das war mir lieber." Nach zwei Minuten war's dann egal, dass unter den 20, 30 Leuten auch ihr Mann saß, aber aufgeregt war sie schon. Mark auch: "Ich hab mehr bei ihr mitgefiebert, für mich war die Situation ja einfach." Dasitzen und zuhören. Und am Ende Diskussion. Ganz normal, wie unter beliebigen Kollegen. Und dann kommt doch wieder einer dieser Sprüche: "Ihr seid ja ein tolles Team." Oder: "Das könnt ihr ja zu Hause besprechen." Zum Beispiel neulich, als Annes Produkt Hidrofugal nicht angeliefert werden konnte an einen Kunden, den Mark betreut. Da ist Anne dann eisenhart und drängt auf ein Meeting. Job ist schließlich Job und Privatleben Privatleben.

So, wie es jetzt ist - das ist die Grenze. Näher sollte die Zusammenarbeit nicht gehen, findet Anne. Und indiskutabel, sagen beide, wäre es, wenn einer des anderen Chef werden sollte. "Das ist fürchterlich, das ist grauenhaft", warnt Psychologin Schreyögg. Hierarchische Beziehungen seien ein "stärkerer Unruheherd", haben illegitimen Charakter, im schlimmsten Fall geht es um den Tatbestand der Unzucht mit Abhängigen. Kollegen isolieren einen, weil sie Angst haben, nicht mehr frei reden zu können.

"It must be love"

Aber manchmal macht Liebe blind und stark. Und alles scheint möglich. Gerade wenn es der Traumjob ist. Als Tims* künftiger Chef das Organigramm aufmalte, hätte Tim etwas sagen müssen (*Name von der Redaktion geändert). Er schwieg. Vielleicht aus Selbstüberschätzung, vielleicht aus Angst - der Vertrag war noch nicht unterschrieben, und hätte er damit nicht alles aufs Spiel gesetzt? Doch er hatte bereits verspielt.

Auf einer Branchenmesse hatte er sie kennen gelernt, die Finanzreferentin, tätig in seiner Traumfirma, seit wenigen Wochen. Morgens Händeschütteln, guten Tag, sehr angenehm. Abends ein Fest, am nächsten Morgen verliebt über die Messe, die zwei. Er, seit Jahren bei derselben Firma, dachte aus privaten und beruflichen Gründen über einen Wechsel nach, in die Traumfirma natürlich. Zwei, drei Wochen nach der Messe erste Verhandlungen mit der Traumfirma. Seine große Chance. Das Gespräch, in dem der künftige Chef das Organigramm malt. Ganz oben er, der Chef. Darunter drei Pressestellen-Leiter, einer von ihnen Tim. Darunter die Mitarbeiter. Vier, fünf soll er haben. Eine davon: sie. Die Finanzreferentin.

"Die Freundin kann man nicht führen"

Der Chef: "Die kennen Sie ja vielleicht." Tim: "Ja ja." Dachte: "Schwups. Warte mal ab und besprich's mit ihr." Sie regt sich auf: "Das ist ja Wahnsinn, da muss ich mir ja einen anderen Job suchen." Er sagt im Nachhinein: "Da ist mir die Tragweite bewusst geworden, mir war gar nicht klar, dass das ein Problem sein könnte." Sie sind ratlos. "Jobwechsel, Ortswechsel, ihre Nähe - passte eigentlich wunderbar", sagt Tim. Irgendwann kommt eine SMS: "It must be love." Sie sagen sich, das machen wir, wir kriegen's schon irgendwie hin. Er: "Vertrau mir."

Mit seinem ersten Arbeitstag beginnen die Probleme. Erstens: Statt der versprochenen vier, fünf Mitarbeiter bleibt sie die einzige. Zweitens: Sie ist - wenn auch nur Wochen - länger bei der Firma als er, muss ihm vieles erklären. Drittens: Großraumbüro, Morgenkonferenz mit einem Dutzend anderer, häufig sieht er sie da zum ersten Mal an diesem Tag, will sie in den Arm nehmen, muss sich cool und neutral geben. "Das ist beklemmend." Viertens: die Führung. Ein Chef muss Mitarbeiter führen. Auch die Freundin. "Die Freundin kann man nicht führen - sonst gibt es keine partnerschaftliche Beziehung", sagt Tim. Ein Chef muss Entscheidungen treffen: "Jetzt werden Überstunden gemacht", zum Beispiel. Ein Chef muss Autorität haben. Sie kontert selbstbewusst, sagt ihm deutlich ihre Meinung.

Krisenmanagement statt Liebe

Sie haben ihre Liebe versteckt: shoppen gehen, im Biergarten sitzen - mit dabei immer die Angst, dass jemand sie entdecken könnte. Tim sagt: "Wir betrieben nur Krisenmanagement." Er setzte sich ein Ziel: Wenn die Probezeit der Freundin vorbei ist, ist es auch vorbei mit den Geheimnissen. Auf die Gefahr hin, dass er die Pressestellen-Leitung abgeben muss. Aber da hatte sie schon eine Entscheidung getroffen.

Wenn sich Vorgesetzte und Untergebene ernsthaft ineinander verlieben, bleibt nur noch: Kündigen oder versetzen lassen, rät Psychologe Peter Groß. Und Astrid Wagner, Pressesprecherin bei Ford, sagt: "Es ist auch im Interesse der Paare, dass es morgens nicht heißt 'Hallo, Chef' und abends 'Hallo, Schatz'." Meldepflicht gibt es zwar nicht - nicht mehr: Bis vor ein paar Jahren noch mussten Ford-Mitarbeiter unterschreiben, dass sie der Personalabteilung mitteilen, wenn sie sich in Vorgesetzte verlieben - ganz im Sinne amerikanischer Tradition. Doch auch im prüden Amerika geht man inzwischen lockerer mit dem verfänglichen Thema um: IBM zum Beispiel strich vor wenigen Jahren aus der Betriebsvereinbarung den Passus, der Beziehungen zwischen leitenden und normalen Angestellten ausdrücklich verbot. Xerox, AT&T und Corning fordern in ihren Betriebsvereinbarungen leitende Angestellte auf, ihre Personalchefs über Beziehungen zu Kollegen zu informieren. Dann wird versetzt.

Professionell getrennt bis zum Schluss

Die Finanzreferentin ging in Urlaub. Als sie zurückkam, beendete sie das private Verhältnis, das berufliche lief weiter. Sie hat professionell getrennt bis zum Schluss. Tim sagt: "Man muss sich das vorstellen: Deine Angestellte hat dich verlassen." Er weiß nicht, wie er weiter mit ihr arbeiten soll. Aber es geht noch neun Monate: "Das war der Horror." Aus Blindheit, Enttäuschung, Verzweiflung entgleitet ihm langsam alles: Sein Chef wundert sich, warum Tim alle Mühe auf seine einzige Mitarbeiterin verwendet, warum er konzernpolitische Scharmützel nicht mitbekommt, Intrigen nicht durchschaut, zur Gegenseite hält. Der Chef lässt ihn auflaufen, leitet Aufträge an ihm vorbei, degradiert Tim schließlich. Tim kündigt. Und sagt endlich die Wahrheit. Weil er sein Gesicht wahren will, klar machen, dass er nicht beruflich versagt hat, sondern dass private Gründe die Ursache waren. Der Chef fragt: "Warum haben Sie das nicht früher gesagt?" Tim lernt: "Never fuck the crew."

"Eine Trennung ist schrecklich, eine Katastrophe", sagt Schreyögg - "nicht nur für die Beziehung, auch die berufliche Situation ist unhaltbar." Dabei heißt es, Beziehungen, die am Arbeitsplatz entstanden sind, hielten besonders lange. Weil man von Anfang an vorsichtiger ist: "Man überlegt vorher drei- bis viermal, bevor man über seine Gefühle spricht - man muss ja noch zusammenarbeiten", sagt Mark Zillmann, Hansaplast. Weil man den anderen lange und in allen Lebenslagen kennen lernen kann. Unter Stress und auf Firmenfeiern, bei Lob und Tadel, an guten wie an schlechten Tagen. Manchmal Fundament einer Liebe fürs Leben. Selbst wenn's der Kollege ist.


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