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ARBEITSPLATZ: My Home is my Hoffice

Seinen Chef sieht Sven Wiedemann maximal achtmal im Jahr, die Arbeitskollegen höchstens einmal im Monat und sein Büro kennt nur die Ehefrau: Wiedemann hat sich sein Büro zu Hause eingerichtet.

Seinen Chef sieht Sven Wiedemann maximal achtmal im Jahr, die Arbeitskollegen höchstens einmal im Monat und sein Büro kennt nur die Ehefrau: Wiedemann hat sich sein Büro zu Hause eingerichtet.

Sven Wiedemann ist Business Development Manager für Netzwerk-Überwachungssysteme bei dem dänisch-amerikanischen Unternehmen NetTest. Sein Büro hat er sich zu Hause eingerichtet, im Souterrain einer Doppelhaushälfte am Stadtrand von Hamburg. Dort hat er Zugriff auf Internet und Firmennetz. Doch mit seinem Homeoffice - oder Hoffice wie es in den USA auch genannt wird - bildet Wiedemann in Deutschland noch die Ausnahme.

Während selbst bei der Telearbeit Angestellte bisher noch einen Großteil ihrer Arbeitszeit im Unternehmen verbringen, arbeitet Wiedemann fast ausschließlich zu Hause oder unterwegs. »Ich habe mein Büro immer dabei: Notebook und Handy - mehr benötige ich nicht.« Wenn der Diplomingenieur nicht gerade auf Kundenbesuch durch Europa reist, trifft er sich mit den Kollegen in der Unternehmenszentrale in Kopenhagen oder er sucht sich einen freien Schreibtisch in der Niederlassung in München.

Die Treffen mit Kollegen und Vorgesetzten sind Balsam für die Seele des Hoffice-Angestellten: »Der persönliche Austausch ist wichtig. Sonst hat man das Gefühl abgekoppelt zu sein.« Die soziale Isolation gilt als Negativ-Faktor der Heimarbeit. Doch es liegt ganz in den Händen der Chefs, ob das tatsächlich zu einem Problem wird: »Die Führungskräfte müssen Telearbeiter als normalen Mitarbeiter in die Gruppe integrieren«, erklärt Karsten Gareis, Berater für Teleworking bei der empirica Gesellschaft für Kommunikations- und Technologieforschung in Bonn. Und statt viel Zeit in formellen Sitzungen zu verlieren, sollten sich Chef und Hoffice-Kraft mal abends auf ein Bier oder tagsüber im Café treffen.

»Die durchgängig geöffnete Cafeteria ist das Kommunikationszentrum des Unternehmens«, sagt Werner Zorn, Consultant für Telearbeit in Stuttgart. Soziale Isolation sei nicht zwangsläufig mit der Telearbeit verbunden und eher die Ausnahme: »Im Gegenteil: Die geschäftlichen Kontakte werden sogar intensiver. Aber die Kontakte, die nur von der Arbeit abhalten, nehmen ab«, sagt Zorn. Wer nur per Telefon oder Handy erreichbar sei, werde weniger mit nebensächlichen Gesprächen oder denkfaulen Fragen aufgehalten.

Zorn, der als Projektleiter für die Einführung von Telearbeit beim Computerhersteller IBM vor zehn Jahren zuständig gewesen ist, nennt Vorteile dieser Arbeitsform aus eigener Erfahrung: Telearbeiter haben demnach mehr persönliche Freiheiten und weniger Fahrtzeiten. Sie arbeiteten nach ihrem eigenen Rhythmus und könnten Beruf und Privatleben besser vereinbaren. Vor allem aber profitierten die Unternehmen: Diese könnten bei den Büroflächen Kosten einsparen, hielten und gewännen mit dem Konzept hoch qualifizierte Mitarbeiter und steigerten ihre Flexibilität und Produktivität.

»Zahlreiche Studien haben nachgewiesen: Telearbeiter erreichen eine um zehn Prozent höhere Produktivität als ihre Kollegen im Büro«, sagt Karsten Gareis. Das machen sich auch einige Arbeitgeber wie zum Beispiel die LVM-Versicherungen in Münster zu Nutze. Für mehr als die Hälfte der Sachbearbeiter im Unternehmen gilt das Tandemkonzept. Sie pendeln tageweise zwischen Büro und Heimarbeitsplatz. Und sie müssen zehn Prozent mehr Vorgänge erledigen als ihre Kollegen, die nur im Büro arbeiten. Das ist vertraglich festgelegt. Der Lohn für die Mehrarbeit sind 100 Mark Aufwandsentschädigung im Monat und das Privileg, von zu Hause aus arbeiten zu dürfen.

Aber mit dem Wegfall des Small Talks bei einer Tasse Kaffee werden auch die Pausen kürzer, sagt Familienvater Wiedemann. Dafür könne er abends seine Kinder zu Bett bringen und sich dann wieder an den Schreibtisch setzen: »Ich arbeite mehr als früher.« Das hänge mit der größeren Eigenverantwortlichkeit der Telearbeiter zusammen. »Die Zielvereinbarung ersetzt die Kontrolle und unternehmerisches Verhalten die Angestelltenmentalität«, erklärt Werner Zorn.

Trotz der Vorteile, die mit der Telearbeit für Unternehmen und Arbeitnehmer verbunden sind, ist die Zahl der Heimarbeiter gering: Mitte 1999 arbeiteten nur 1,5 Prozent der abhängig Beschäftigten mindestens einen Werktag zu Hause. Die mobilen, selbstständigen und gelegentlichen Telearbeiter dazu gerechnet, sind es laut empirica insgesamt sechs Prozent Telearbeiter.

»Viele Führungskräfte wehren sich gegen die Telearbeit, weil sie weder Macht noch ihren Sonderstatus aufgeben wollen«, sagt Zorn. »Wenn die Mitarbeiter nicht immer greifbar sind, können sie auch keine spontanen Aufgaben mehr übernehmen.« Dabei berge die Telearbeit ein riesiges Potenzial: Schon heute könnten zwei Drittel aller Erwerbstätigen an wenigstens einem Tag pro Woche im Hoffice arbeiten, hat empirica in einer Studie für die Europäische Union (EU) herausgefunden. »In zehn Jahren wird dies Realität sein. Dann kann man quer durch Europa immer und überall arbeiten.«

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