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Arbeitsplatz: Praxisgebühr treibt Kranke an die Arbeit

Allheilmittel: Seit der Einführung der Praxisgebühr ist der Krankenstand so tief wie seit über 30 Jahren nicht mehr. Aber auch die Angst um den Job schreckt viele Arbeitnehmer vor dem Arzbesuch ab.

Die Praxisgebühr treibt viele Kranke an den Arbeitsplatz. Nach einer repräsentativen Umfrage der Deutschen Angestellten Krankenkasse unter 1.000 Beschäftigten sind knapp neun Prozent in diesem Jahr schon einmal trotz einer leichten Erkrankung zur Arbeit gegangen, um sich die Praxisgebühr für die Krankschreibung zu sparen. Das berichtete die DAK am Dienstag bei der Vorlage ihres Gesundheitsreports 2004 in Berlin.

Krankenstand auf Rekordtief

Aber auch die Angst um den Job schreckt ab: Der Umfrage zufolge gehen 90 Prozent auch dann zur Arbeit, wenn sie sich nicht wohl fühlen, um nicht zu fehlen. Das Bundesgesundheitsministerium hatte bereits Anfang April berichtet, dass der Krankenstand in Deutschland seit Anfang des Jahres auf ein Rekordtief gesunken ist: So meldeten sich im ersten Quartal 2004 so wenig Arbeitnehmer krank wie noch nie seit Einführung der Lohnfortzahlung 1970. Insgesamt lag der Krankenstand bei 3,35 Prozent, obwohl die Wintermonate Januar bis März bislang in der Regel die höchsten Krankenstände auswiesen.

2003 hatte der Krankenstand bundesweit noch 3,61 Prozent betragen. Bei den 3,1 Millionen erwerbstätigen Mitglieder der DAK lag er mit 3,5 Prozent leicht darunter. Jede dritte Krankschreibung dauerte nach Angaben der Kasse nicht länger als drei Tage. Von den Befragten, die 2003 nur bis zu drei Tage krank gemeldet waren, gab den Angaben zufolge jeder Fünfte an, nur wegen der Krankschreibung zum Arzt gegangen zu sein.

Nur wegen Attest zum Arzt

"Jeder fünfte Arztbesuch erfolgt bei Bagatellerkrankungen ausschließlich wegen des ärztlichen Attests. Er ist medizinisch nicht notwendig", kritisierte die DAK. 2003 zählte sie gut eine Million solcher Kurzzeitkrankschreibungen. "Das bedeutet: Hochgerechnet auf alle Arbeitnehmer in Deutschland kommt es jährlich mindestens zu sieben Millionen dieser kurzen Krankschreibungen." Schätzungsweise 1,4 Millionen Arztbesuche ergäben sich nur, weil die Arbeitnehmer ihre Krankheit gegenüber dem Arbeitgeber rechtfertigen wollten oder müssten.

"Wenn 1,4 Millionen Arztbesuche medizinisch nicht begründet sind, werden die knappen Ressourcen des Gesundheitswesens falsch genutzt", sagte der stellvertretende DAK-Vorstandschef Herbert Rebscher. Er appellierte an die Arbeitgeber, ein Klima des Vertrauens zu schaffen, das die Kontrollfunktion der Ärzte entbehrlich mache. Der Gesetzgeber schreibt ein ärztliches Attest erst ab dem vierten Krankentag vor.

AP / AP