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Befristete Arbeitsverträge: Generation Probezeit

Nur noch jeder zweite junge Arbeitnehmer erhält einen unbefristeten Vertrag. Mit ihrer Personalpolitik treiben die Arbeitgeber eine ganze Generation in prekäre Jobs und schaden dem Arbeitsmarkt.

Von Roman Heflik

Es ist eine nüchterne Statistik, doch ihr Inhalt ist brisant: Immer mehr Arbeitnehmer erhalten nur noch einen befristeten Vertrag. Das meldet das Statistische Bundesamt. Fast zehn Prozent der gesamten arbeitenden Bevölkerung stehen heute in solch einem Kurzzeit-Job, das ist der höchste Wert seit der Wiedervereinigung. Befanden sich 1991 noch 5,7 Prozent in befristeten Arbeitsverhältnissen, waren es 2008 schon 8,9 Prozent.

Noch alarmierender ist, dass nach Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) heute vor allem junge Menschen einen Zeitarbeitsvertrag erhalten: Fast jeder zweite Neueingestellte ist befristet angestellt.

Diese Entwicklung ist schleichend, aber fatal, denn sie führt zur Prekarisierung einer ganzen Generation. Als vor einigen Jahren das Wort von der "Generation Praktikum" die Runde machte, meinten noch die meisten, es handele sich um eine winzige Gruppe von Betroffenen: Junge Menschen, meist Studenten, die als Hospitanten von Unternehmen mit der Aussicht auf eine Anstellung hingehalten und ausgebeutet werden.

"Generation Probezeit" wird Normalfall

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes und des IAB zeigen jedoch, dass es sich in Wahrheit um ein viel breiteres Phänomen handelt: Die "Generation Praktikum" hat die nächste Stufe erreicht und wandelt sich zur "Generation Probezeit". Die Unternehmen begnügen sich längst nicht mehr mit der Probezeit, die in den meisten Arbeitsverträgen eingebaut ist und meist zwischen drei und sechs Monaten beträgt.

Stattdessen lassen sich die Personalchefs die gesetzlich erlaubten vollen zwei Jahre Zeit, bevor sie ihre jungen Angestellten übernehmen - oder in etwa 50 Prozent der Fälle eben auch nicht. Für einen großen Teil der jungen Arbeitnehmerschaft wird dadurch der Schwebe- zum Dauerzustand, das Fehlen von Zukunftsplänen zur Normalität. Eine Familie zu gründen, ein Haus zu bauen, sich überhaupt an einem Ort dauerhaft niederzulassen - das sind inzwischen längst Ziele, über die viele jüngere Arbeitnehmer nur noch müde lächeln können.

Billiger geht's nicht

Profiteure dieses Missstandes sind die Arbeitgeber. Fast ohne eigenes unternehmerisches Risiko können sie auf einen Pool frisch ausgebildeter und hoch motivierter Mitarbeiter zurückgreifen, die sich in kürzester Zeit wieder auf die Straßen setzen lassen. Während die Unternehmer von diesen jungen Angestellten höchsten Einsatz zu niedrigen Einstiegsgehältern fordern können, gehen sie selbst so gut wie keine Bindung ein. Sie müssen nicht einmal mit Widerstand rechnen: Denn erstens trauen sich befristet angestellte Arbeitnehmer wegen ihrer schwachen Verhandlungsposition nur in den seltensten Fällen, den Vorgesetzten zu widersprechen, zweitens haben Betriebsräte und Gewerkschaften oft nur wenig Möglichkeiten, den Erhalt dieser Arbeitsplätze durchzusetzen.

Eigentlich sollten die befristeten Arbeitsverhältnisse den Unternehmen erlauben, flexibler auf Krisen zu reagieren und Arbeitnehmern den Wechsel auf andere Stellen beziehungsweise den Neueinstieg in ein Unternehmen zu erleichtern. Dass die Quote der befristeten Verhältnisse aber kontinuierlich gestiegen ist, zeigt, dass die Unternehmen dieses Instrument längst nicht mehr nur als Nothilfe in Krisenzeiten verwenden. Sie setzen massiv auf befristete Arbeitsverhältnisse, weil es sich für sie lohnt. Nach dem Karotte-Esel-Prinzip müssen sie dem Arbeitnehmer lediglich die Aussicht auf eine Festanstellung vor der Nase halten, damit er sich ins Zeug legt. Billiger geht es nicht.

Befristung hat nichts mit Billig-Konkurrenz zu tun

In Zeiten der Globalisierung müssten sich Unternehmen eben gegen die weltweite Konkurrenz behaupten, heißt es aus Wirtschaftskreisen häufig. Dazu müsse man die Lohnkosten niedrig und die Personalstrukturen flexibel halten. Doch tatsächlich sind es laut Statistikbehörde vor allem Branchen aus dem Dienstleistungsgewerbe, die befristete Jobs anbieten: die Leiharbeitsbranche etwa oder das Wach- und Sicherheitsgewerbe. Gerade in diesen Sparten droht keine Billig-Konkurrenz aus dem Ausland. Das gleiche gilt übrigens auch für die Medienbranche, wo befristete oder freie Arbeitsverhältnisse weit verbreitet sind.

Was von Arbeitgeberseite als ökonomische Notwendigkeit verkauft wird, ist in Wahrheit allerhöchstens kurzfristig gedacht. Weil sich mit der Zunahme von kurzfristigen Arbeitsverhältnissen die Position der Arbeitnehmer verschlechtert, sinkt auf mittlere und längere Sicht auch das Lohnniveau - zuerst bei den befristet Eingestellten, dann für alle anderen Beschäftigten des Betriebes, schließlich für die gesamte Branche.

Mit sinkenden Löhnen und abnehmender Stellensicherheit nimmt die Attraktivität dieser Branche ab und ein Brain Drain beginnt: Immer mehr junge, hochqualifizierte Talente entscheiden sich während oder direkt nach ihrer Ausbildung lieber für ein anderes Berufsfeld. Genau wie die Personalchefs können sie dabei ökonomische Argumente ins Feld führen. Durch den ausbleibenden guten Nachwuchs sinken damit auf mittlere Sicht die Qualität und der intellektuelle Output der Branche - und die Abwärtsspirale dreht sich immer schneller.

Ausgerechnet Kleinbetriebe verhalten sich vorbildlich

Gleichzeitig führen befristete Arbeitsverhältnis auch zu Ineffizienzen innerhalb eines Unternehmens: Es ist fraglich, ob Arbeitnehmer, deren erste Sorge der Zukunftssicherung gilt, sich voll ins Unternehmen einbringen. Schließlich gilt es Reibung zu vermeiden und nirgends anzuecken, will man nicht seine Übernahme ins Unternehmen gefährden.

Unter dem Primat der ökonomischen Vernunft ist zudem bei Arbeitnehmern kein Platz mehr für solche Werte wie Loyalität gegenüber dem eigenen Arbeitgeber. Muss ein Angestellter permanent um seine Stelle fürchten, wechselt er schneller zur Konkurrenz. Für sein bisheriges Unternehmen war damit nicht nur seine Einarbeitung umsonst, es muss sich auch wieder auf die mühsame Suche nach einer neuen Arbeitskraft begeben.

Möglicherweise ist das auch der Grund, warum laut Statistik vor allem Kleinbetriebe auf befristete Arbeitsverhältnisse verzichten. Dagegen setzen 90 Prozent der Großkonzerne mit mehr als 250 Beschäftigten auf kurzfristige Arbeitsverhältnisse. Galten früher Jobs in größeren Unternehmen als sicher und waren daher begehrt, dürfte ihre Attraktivität in den kommenden Jahren immer weiter abnehmen.

Personalchefs ziehen die Hürden hoch

Beschleunigt wird der Trend zur Befristung durch ein Ungleichgewicht im deutschen Arbeitsrecht. Während befristet Eingestellte mit extremer Unsicherheit zurecht kommen und permanent Leistung liefern müssen, müssen Arbeitnehmer mit entfristetem Vertrag außer der Pleite ihres Unternehmens fast nichts mehr fürchten. Je länger sie im Betrieb arbeiten, desto geschützter sind sie und desto weniger werden sie an ihrer Leistung gemessen. Dies ist einerseits unfair, gleichzeitig führt es dazu, dass Personalchefs die Hürden für eine unbefristete Anstellung immer höher ziehen.

Doch letztlich sind es nicht rechtliche Kriterien, die den Ausschlag geben. Nötig wäre ein Umdenken in den Chefetagen. Erst wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass sich der übermäßige Einsatz befristeter Arbeitsverhältnisse für die Unternehmen nicht lohnt, müssen sich Arbeitnehmer nicht mehr permanent um ihre Zukunft sorgen. Das wäre wahrhaft nachhaltig.

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