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Beruf und Familie: Sind Pflegefälle ein Tabu?

Wenn Eltern, Schwiegereltern oder der Partner plötzlich zum Pflegefall werden, wissen viele Berufstätige nicht weiter. Die Betreuung erfordert viel Zeit - und ist weder in der Intensität noch der Dauer berechenbar. Doch Firmen bieten da kaum Hilfe.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege wird in unserer überalteten Gesellschaft zumehmend ein Thema. "Wir merken, dass das Thema Pflege mehr und mehr Unternehmen belastet", berichtet der Geschäftsführer von "Beruf und Familie", Stefan Becker. "Es ist aber bei vielen noch ein Tabu. Konkrete Angebote sind erst ganz am Anfang. Dabei kann man ganz viel bei der Arbeitszeit machen." Die Initiative der gemeinnützigen Hertie-Stiftung mit Sitz in Frankfurt unterstützt in Deutschland derzeit rund 450 Firmen und Institutionen bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

2020 sind knapp drei Millionen Deutsche betroffen

Zusammen mit dem Unternehmensberater Prognos hat die Initiative nach eigenen Angaben erstmals systematisch "betriebliche Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege" in einem Leitfaden zusammengestellt. "Wir wollten das Thema offensiv angehen, und nicht wie bei der Kinderbetreuung immer nach Skandinavien und Frankreich schauen", sagt Becker und verweist auf die demographische Entwicklung. Rund 2,1 Millionen Menschen waren nach Darstellung des Statistischen Bundesamtes Ende 2005 im Sinne des Gesetzes pflegebedürftig. Das sind 2,5 Prozent mehr als zwei Jahre zuvor. 2020 sind es dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung zufolge voraussichtlich schon 2,9 Millionen, wie Becker sagt. Die Folge: "Immer mehr Mitarbeiter kümmern sich neben dem Beruf um die Pflege ihrer Eltern."

Beispiele dafür, wie das gehen kann, "haben wir händeringend gesucht", berichtet Becker. Ford in Köln ist eines davon. 2003 rief der Autobauer eine Mitarbeitergruppe "Arbeiten & Pflege" ins Leben. Inzwischen gibt es Lotsen und einen Notfallplan für plötzliche Pflegefälle. Die AOK Hessen berät ihre Mitarbeiter in Fragen der häuslichen Pflege und vermittelt konkrete Angebote, wenn ein Angehöriger nach einem Herzinfarkt, einem Schlaganfall oder einer schweren Krebserkrankung plötzlich auf Pflege angewiesen ist.

DaimlerChrysler bietet "Pausenmodell"

Bei DaimlerChrysler im rheinland-pfälzischen Wörth können pflegende Berufstätige von einem "Pausenmodell" Gebrauch machen. Danach können sie bis zu einem Jahr unbezahlten Urlaub nehmen, oder drei Jahre mit Wiedereinstellungsgarantie ausscheiden. Damit die Beschäftigten ihr Fachwissen nicht verlernen, sollen sie an Weiterbildungen teilnehmen und Urlaubsvertretungen übernehmen.

Solche Freistellungen und Sonderurlaube, aber auch Gleitzeitmodelle, Arbeitszeitkonten, Nachmittags-Teilzeitarbeit und Heimarbeit sind weitere Vorschläge der Experten. Damit die Arbeit des abwesenden Kollegen aufgefangen werden kann, müsse es klare Regeln für die Kommunikation und die Dokumentation geben.

Teil des Mitarbeitergesprächs

Die Kreisverwaltung Rhein-Hunsrück stellt Mitarbeiter für die Pflege Angehöriger und die Sterbebegleitung kurzfristig - bis zu einem Jahr - frei. Sie ist auch sehr kulant, wenn Beschäftigte nach dem Tod des Angehörigen früher als angenommen ins Arbeitsleben zurück kehren wollten. Der Landrat weise die Arbeitnehmer und Führungskräfte zudem regelmäßig offensiv auf die Herauforderung von Beruf und Pflege hin, und habe das Thema als festen Punkt für die Mitarbeitergespräche verankert.

Ira Schaible/DPA / DPA