Einkommen "Wir verdienen genug"


Einige Ärzte machen aus ihrem Einkommen kein Geheimnis mehr. Ihren protestierenden Kollegen raten sie: Hört auf zu jammern.

Eine Nullrunde für Ärzte - seit Gesundheitsministerin Ulla Schmidt diesen Plan verfolgt, schreien Deutschlands Kassenärzte auf. Das werde die Doktoren ruinieren, barmte ihr Verbandschef Manfred Richter-Reichhelm. Ein Münchner Hautarzt klagte öffentlich: "Jeder Friseur verdient in 20 Minuten mehr als wir."

Erni Balluff, Hausärztin aus Frankfurt, kann sich über so viel Scheinheiligkeit "richtig ärgern". Schließlich verdienen wir immer noch gut". Den Ärzten, die sich mit Streiks, Boykotts und Demonstrationen gegen die zaghaften Sparbemühungen wehren, attestiert die 58-Jährige Wahrnehmungsstörungen: "Das ist Jammern auf hohem Niveau." Zum Beweis legte sie dem stern ihre Steuererklärung 2001 vor. Brutto blieben der Ärztin 87.000 Euro Gewinn, macht ein Monatsgehalt von 7.250 Euro brutto für eine 40-Stunden-Woche. Ein Friseurmeister verdient 1.800 Euro.

Zeit für Patienten nehmen

Dabei nutzt Frau Doktor Balluff keinen der Tricks, die das Gesundheitssystem zulässt. Sie kuriert im kleinbürgerlichen Frankfurter Nordend. Ein störanfälliger Aufzug bringt die Patienten in die Praxis im zweiten Stock, die sie zusammen mit zwei Kollegen betreibt. Man teilt sich die Kosten und den kleinen Gerätepark: ein EKG, einen Lungenfunktions- und einen Inhalationsapparat für Asthmatiker und Bronchialkranke. Frau Balluff ist Ärztin aus Leidenschaft. Sie nimmt sich Zeit für ihre Patienten - obwohl Redezeit mies vergütet wird. Auch bei Medikamenten hält sie sich an die Sparvorschriften. Großzügig darf sie nur noch bei Privatpatienten sein, deren Versicherung mehr bezahlt. Doch die wohnen meist nicht in Frankfurt-Nordend, nur etwa 15 Prozent der Einnahmen machen die Privathonorare aus. Der Haupterlös stammt von rund 1.100 Kassenpatienten, die jedes Quartal ihre Chipkarte vorlegen. Zusatzleistungen, die die Patienten aus eigener Tasche bezahlen müssen und die viele Kassenärzte als lukrative Nebenerwerbsquelle entdeckt haben, bietet Balluff nicht an: "Die schleichende Umwandlung der Praxen in Verkaufsstätten" missfällt ihr.

Boykotthaltung einer Berufsgruppe

Erni Balluff ist das Lobbyistengeschrei der Ärztefunktionäre peinlich - wie allen ihren Kollegen im Verein Demokratischer Ärztinnen und Ärzte (VDÄÄ). Die 800 Mitglieder wollen nicht mitmachen bei der "zunehmenden Kommerzialisierung des Arztberufs". Die Abzocke vieler Kollegen lehnen sie ab. VDÄÄ-Bundesvorsitzender ist Winfried Beck, 60, Orthopäde in Frankfurt-Seckbach, 130.000 Euro Bruttoeinkommen. Er schämt sich für die Boykotthaltung einer Berufsgruppe, die sich in einer "hochprivilegierten Situation" befinde. "Als Vertragsärzte der Kassen sind wir stärker gegen Wirtschaftsflauten gefeit als andere Selbstständige." Natürlich weiß der VDÄÄ-Vorsitzende, dass es "auch arme Mediziner gibt". Verlierer des Systems sind unter den niedergelassenen Medizinern vor allem Landärzte im Osten und Hausärzte in sozialen Brennpunkten.

Autoritätshörige Klienten sind pflegeleichter

Beck begrüßt viele der angedachten Reformen, etwa die Leistungsüberwachung von Ärzten oder die geplante Kontrolle regelmäßiger Fortbildungen. Auch die umstrittenen Desease-Management-Programme, wonach chronisch Kranke nach wissenschaftlich fundierten Leitlinien behandelt werden müssen, findet er richtig: "Unsere Kassenärztliche Vereinigung hat solche Innovationen und Reformen bisher blockiert. Unter dem Argument 'Therapiefreiheit' fordert sie, dass jeder weiter seinen Mist machen darf." Hier sieht Beck auch die Patienten gefordert, die als aufgeklärte Verbraucher auftreten müssten. Er ahnt, dass es manchen Kollegen davor graust: "Autoritätshörige Klienten, die nicht am Halbgötterimage kratzen, sind pflegeleichter." Was rät Beck Patienten gegen streikende Ärzte? "Den Arzt wechseln oder klarstellen: Ich kämpfe nicht für Ihr höheres Einkommen."

Brigitte Zander print

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