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Einkommen: Mehr Arbeit, weniger Geld

Sonderzahlungen werden gestrichen, Arbeitszeiten verlängert, die Inflation nagt an Lohn und Gehalt. Die Einkommen sinken seit Jahren. Von den klotzigen Gewinnen der Konzerne wird auch 2006 bei Deutschlands Arbeitnehmern wenig ankommen.

Das Jahr 2006 könnte so schön werden: Produkte made in Germany sind auf den Weltmärkten gefragt wie nie. Die Stimmung in den Führungsetagen der Unternehmen ist entsprechend gut: Endlich ist der ersehnte Aufschwung in Sicht, man investiert wieder in neue Maschinen, die Gewinne der Unternehmen sprudeln. Allein die 30 Dax-Konzerne von Allianz bis Volkswagen haben 2005 über 18 Milliarden Euro Dividenden an ihre Aktionäre ausgezahlt. Und für die nächsten Monate deuten sich neue Rekorde an. Doch von dem Geldsegen wird bei der Mehrzahl von Deutschlands 34,3 Millionen Arbeitnehmern nichts ankommen. Schlimmer noch: Sie werden weniger Geld zur Verfügung haben. Mal wieder! So war es schon im vergangenen Jahr, und so war es auch 2004.

Seit knapp drei Jahren sinken in Deutschland die realen Löhne und Gehälter, also das, was Arbeitnehmer zum Leben zur Verfügung haben, auf breiter Front. Der durchschnittliche Arbeitnehmer verlor laut Statistischem Bundesamt 2,7 Prozent an Kaufkraft. Was in der Bundesrepublik bisher stets nur eine Ausnahmeerscheinung war - meist ausgelöst durch externe Störungen wie Ölkrisen oder die Wiedervereinigung - verstetigt sich: Arbeit ist immer weniger wert. Arbeitsminister und Vizekanzler Franz Müntefering (SPD) warnt, die Menschen hätten langsam den Eindruck, dass die Löhne sich im "freien Fall" befänden.

Würden Sie auf Gehalt und Sonderleistungen verzichten um Ihren Job zu sichern?

Das gilt nicht nur für einfache Jobs. Auch bisher sehr gut verdienende Fachkräfte wie Klaus Kohout, Schlosser bei Daimler-Chrysler, müssen sich auf Einbußen einstellen. Ab 2006 sollen die Löhne für die Stuttgarter Autobauer um 2,79 Prozent sinken. Und selbst ein Uni-Diplom garantiert in Deutschland keine steigenden Einkommen mehr: Bei Akademikern wie dem Flugzeugingenieur Arndt Martin werden Sonderzahlungen gestrichen, Arbeitszeiten verlängert, Nullrunden vereinbart, Schichtzulagen gekürzt. "Wachstum gibt es nur noch bei der Hektik und der Arbeitsbelastung", sagt Martin. Die Zahl der Flugzeuge, für deren Sicherheit er verantwortlich ist, hat sich mittlerweile mehr als verdoppelt.

Kaschiert werden die Einkommensverluste momentan noch von den markigen Tarifforderungen der Gewerkschaften: Die IG-Metall, die im Südwesten in diesen Tagen den Auftakt für die Tarifrunde 2006 macht, fordert Lohnsteigerungen von fünf Prozent und gibt sich kampfbereit. Am Ende wird wohl deutlich weniger herauskommen. Martin Kannegiesser, Chef der Arbeitgebervereinigung Gesamtmetall, spricht schon von einer Nullrunde. Das Argument der Unternehmen: Der Faktor Arbeit sei im Weltmarktvergleich hierzulande noch zu teuer. Doch das liegt vor allem an den hohen Steuern und Sozialabgaben, die auf jeder Arbeitsstunde lasten. Auf den Konten der Werktätigen kommt nur ein Bruchteil der von den Firmen verbuchten Lohnkosten an.

Aber die Abschlüsse der Gewerkschaften, die in der Vergangenheit immer eine kleine Tariflohnsteigerung herausholten, stehen sowieso nur auf dem Papier. Dierk Hirschel, Chefökonom des Deutschen Gewerkschaftsbundes, stellt nüchtern fest: "Die tatsächliche Lohnentwicklung in Deutschland bleibt etwa um ein Drittel hinter den Tarifabschlüssen zurück." Dabei fielen die Erhöhungen in der Vergangenheit äußerst mickrig aus: Zwischen 2004 und 2005 stiegen die Tarife nach vorläufigen Schätzungen im Schnitt gerade mal um 1,3 Prozent - der niedrigste Zuwachs seit zehn Jahren. "Und dieser Anstieg wird durch Sanierungsverträge durch die Hintertür wieder kassiert", sagt Dierk Hirschel. Allein in der Metallindustrie gibt es 459 Abweichungen von den eigentlichen Tarifverträgen. Einheitliche Tendenz: weniger Geld, mehr Arbeit.

Ausgerechnet in dieser Situation ziehen die Verbraucherpreise wieder kräftig an - die Menschen mussten 2005 im Schnitt 1,9 Prozent mehr für Brot, Waschmittel, Autos, Mieten, Strom und andere Verbrauchsgüter ausgeben als im Jahr davor. Ihre Bruttoverdienste stiegen aber nur um 0,3 Prozent. Und so droht es in den nächsten Jahren weiterzugehen: Kleine Tariferhöhungen werden von steigenden Verbraucherpreisen aufgefressen. Hinzu kommt: Viele Krankenkassen erhöhen im Januar ihre Beiträge, und für 2007 drohen drei Prozentpunkte Mehrwertsteuererhöhung.

Jens Grütz kennt den jämmerlichen Verlauf der Verdienstkurve aus dem Effeff. Er ist Volkswirt beim Statistischen Bundesamt, Abteilung III B, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, und zuständig für die Lohnentwicklung. Von seinem Büro im siebten Stock eines Hochhauses hat Grütz einen herrlichen Blick auf die Stadt Wiesbaden - und einen schonungslosen auf die Statistiken, die vor ihm liegen. Sie zeigen die Entwicklung der durchschnittlichen Bruttoverdienste in Deutschland.

Die Anfänge sind wirtschaftswunderlich anzuschauen: In den 50er, 60er und frühen 70er Jahren gab es immer wieder sensationelle Verdienstzuwächse von über zehn Prozent; natürlich war damals auch die Inflationsrate hoch, aber sie verlief deutlich unterhalb der Lohnkurve - das heißt, die Menschen hatten Jahr für Jahr mehr Geld im Portemonnaie. In den 80er Jahren legten die Bruttolöhne mit vier, fünf Prozent ebenfalls noch kräftig zu. Und 1992, kurz nach der Wiedervereinigung, als die Löhne im Osten nach oben schnellten, kletterte die Kurve noch einmal über zehn Prozent. Doch seitdem ist Schluss mit der Erfolgsstory: Zwar gibt es noch minimale Zuwächse bei den Bruttoverdiensten, aber die sind inzwischen so schwach, dass sie den Anstieg der Verbraucherpreise nicht mehr ausgleichen können. Ergebnis: Auch wenn auf dem Lohnzettel noch kleine Gehaltszuwächse stehen - real wird weniger verdient.

Die psychologische Wirkung dieser Zahlen ist verheerend. Denn sie signalisieren: Arbeit lohnt sich nicht mehr in Deutschland. Sie machen die Lust auf Leistung kaputt. Während Topmanager wie selbstverständlich hohe Prämien und Boni für sich in Anspruch nehmen, werden die Normalverdiener abgehängt. An ihnen wird gespart. Das Argument der Manager, Geld sei ein wichtiger Anreiz für Topleistungen, scheint für Normalos nicht zu gelten.

Schuld an der Lohnmisere in Deutschland sind drei Phänomene: Durch die Globalisierung sind die Löhne und Gehälter in Deutschland massiv unter Druck geraten. Konzerne wie Siemens, Daimler-Chrysler oder VW haben Fabriken in der ganzen Welt und können die Produktionen ins billigere Ausland verlagern. Deutschland hat inzwischen rund 4,7 Millionen Arbeitslose. "Unsere Verhandlungsposition ist deutlich geschwächt", gesteht Gewerkschafter Dierk Hirschel.

Auch der verschuldete Staat und die klammen öffentlichen Arbeitgeber senken auf breiter Front Personalkosten: Bund und Länder kürzen ihren Beamten Sold und Pensionsansprüche; Kommunen gliedern städtische Betriebe und Krankenhäuser aus, um die Angestellten nicht mehr nach Bundesangestelltentarif bezahlen zu müssen. Im hoch verschuldeten Berlin haben sich Gewerkschaftschef Frank Bsirske und Bürgermeister Klaus Wowereit jüngst auf Lohnkürzungen von bis zu zehn Prozent bei den Verkehrsbetrieben geeinigt.

Hinzu kommt, dass es zunehmend so genannte prekäre Arbeitsverhältnisse gibt: immer mehr Teilzeit-, Mini-, Midi- und Ein-Euro-Jobber, die lausig verdienen: Zwischen 2000 und 2004 sank die Zahl der Vollzeitbeschäftigten um mehr als sieben Prozent, das sind über 1,7 Millionen Menschen. Die Zahl der geringfügig entlohnten Beschäftigten stieg im gleichen Zeitraum um knapp 18 Prozent auf rund 720.000, die der Teilzeitkräfte um knapp zehn Prozent auf etwa 400.000.

"Die Motivation sinkt, und der Frust steigt", bringt die Physiotherapeutin Doris Zöller, 41, ihre Erfahrungen mit den Wackel-Jobs auf den Punkt. Seit über vier Jahren erhält sie immer wieder befristete Verträge an der Uni-Klinik Göttingen. Sie hat deshalb jede Verschlechterung der Arbeitsbedingungen mitgemacht. Im vergangenen Jahr sind ihr fast 600 Euro Weihnachtsgeld gestrichen worden. "Ich habe das Gefühl, dass man mich für meine Flexibilität auch noch bestraft." Die Einkommensverluste spürt die Mutter von zwei Kindern ganz genau: "Ich bin generell sparsamer geworden, schaue nach günstigen Alternativen und fahre mehr mit dem Fahrrad statt mit dem Auto."

Ihrem Konto tut das gut.

Der Volkswirtschaft nicht. Fast alle Experten sind sich mittlerweile einig, dass der schwache private Konsum ein wichtiger Grund dafür ist, dass die Wirtschaft in Deutschland so lahmt. Laut einer Umfrage der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) sagen 25 Prozent der Verbraucher, sie könnten sich nichts mehr leisten. Und die, die sich etwas leisten könnten, leisten sich zu wenig, weil sie kein Vertrauen in die Zukunft haben. 150 Milliarden Euro, so schätzt die GfK, sparen die Deutschen im Jahr. Eine riesige Summe, ungefähr so viel, wie der Lebensmitteleinzelhandel umsetzt. Selbst amerikanischen Ökonomen, die nicht im Verdacht stehen, besonders gewerkschaftsfreundlich zu sein, glauben, dass in Deutschland die Löhne wieder kräftiger steigen müssen. "Langfristig ist die Lohndeflation der vergangenen Jahre kein tragfähiger Weg", warnt Adam Posen vom Washingtoner Institute for International Economics, einer der wichtigsten Deutschlandkenner der USA. Über niedrigere Löhne könne man die Wettbewerbsfähigkeit nicht sichern.

Auch der neue Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU), bisher nicht als Freund der Gewerkschaftsbewegung aufgefallen, forderte in der vergangenen Woche mit Blick auf die anstehenden Tarifverhandlungen in der Metallindustrie Lohnsteigerungen, um die keimende Konjunktur nicht durch neue Streich-Runden gleich wieder zu ersticken. Selbst Bundespräsident Horst Köhler sprach sich im stern-Gespräch (Nr. 1/2006 "Die Deutschen sind nicht blöd") gegen das ständige Drücken der Löhne aus: "Arbeitgeber handeln sehr kurzsichtig, wenn sie versuchen auszunutzen, was sie als momentane Schwäche der Arbeitnehmerseite wahrnehmen." Er fordert, "die Ertragsbeteiligung der Arbeitnehmer oder ihre Beteiligung am Produktivvermögen wieder auf den Tisch zu bringen". Im Klartext: Bei hohen Gewinnen muss auch etwas für die Mitarbeiter abfallen.

Verkehrte Welt, wenn konservative Politiker plötzlich auf Gewerkschaftskurs sind? Keineswegs. Sie alle wissen, dass nach fast einer Dekade Lohnzurückhaltung die Einsicht der Menschen schwindet. Die "Wir müssen den Gürtel enger schnallen"-Parolen greifen nicht mehr. Vor allem, weil es keine Perspektive gibt, weil keiner weiß, wann es wieder aufwärts geht und ob man für den Verzicht tatsächlich auch irgendwann belohnt wird. Flugzeugingenieur Martin etwa ist zunehmend genervt von den Sparprogrammen seiner Firma. "So langsam geht das ins Lächerliche", sagt er wütend, "die haben jeden Stein umgedreht, wo sie sparen können. Dass das noch nicht auf die Qualität geht, liegt nur am persönlichen Einsatz der Leute. Personal fehlt an allen Ecken und Enden." Martin erwartet nun endlich eine Gegenleistung.

Der Spielraum dafür ist durchaus da. Laut einer Umfrage der Unternehmensberatung Towers Perrin planen deutsche Unternehmen, ihre Vergütungsbudgets in diesem Jahr um 3,2 Prozent zu steigern. Aber diese 3,2 Prozent werden nicht gleichmäßig auf alle verteilt, sondern individuell. Das heißt, Menschen wie Arndt Martin müssten sich ihr Plus auf dem Lohnzettel schon selbst erkämpfen.

"Die Gehaltskultur in Deutschland hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert", sagt der Karriere- und Gehaltscoach Martin Wehrle. Ganze Branchen haben neue Spielregeln bei der Gehaltsfindung eingeführt, die früher nur für Führungskräfte galten: Gezahlt wird nach Leistung, nicht mit der Gießkanne. "Früher musste man nie nach dem Gehalt fragen, es gab tariflich vereinbarte, standardmäßige Erhöhungen. Heute ist jeder seines Gehaltes Schmied", so Wehrle.

Voraussetzung ist allerdings eine Qualifikation, die am Arbeitsmarkt gefragt und nicht so leicht wegzurationalisieren ist. Wenn Serpil Erfidan, 31, sich ihren Lohnzettel anguckt, weiß sie, dass sie in dieser neuen Lohnwelt schlechte Karten hat. Die junge Frau montiert für Siemens im westfälischen Bocholt schnurlose Telefone. Vor gut einem Jahr erhielten Serpil Erfidan, gewählte Betriebsrätin, und ihre rund 1800 Kollegen einen Ergänzungstarifvertrag, der harte Einschnitte vorsah: Schichtzulagen verringert, Weihnachts- und Urlaubsgeld weg, 40-Stunden- statt 35-Stunden-Woche. Unter dem Strich verdient Erfidan im Monat nun 500 Euro weniger. Brutto. Da arbeitet sie mehr. "Wir fühlten uns erpresst", sagt sie. In den Verhandlungen hieß es, die Lohnkosten müssten runter, sonst gehe die Produktion nach Ungarn.

Gehaltsexperte Wehrle kennt das Problem: "Nur wenn ich mehr leiste, mehr Verantwortung übernehme und einen konkreten Nutzen für die Firma bringe, kann ich ein höheres Gehalt fordern." Das gelte nicht nur für Manager und Führungskräfte, sondern auch für ganz normale Arbeitnehmer. Wer solche Möglichkeiten nicht hat, etwa weil er in einem durchrationalisierten Produktionsbetrieb am Band steht, kann noch so viel Verhandlungsgeschick haben. Es fehlt ihm schlicht der Hebel.

Der Trend zu individuellen Gehaltsverhandlungen führt zwangsläufig zu mehr Ungleichheit, er spaltet die Belegschaften in Gewinner und Verlierer. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung belegt: In Betrieben, wo jeder selbst um sein Gehalt pokert, sind die durchschnittlichen Verdienste niedriger als in tarifgebundenen Betrieben. Dafür ist die Lohnspreizung, also der Unterschied zwischen Top- und Geringverdienern, größer. "Die Solidarität bröckelt", sagt Wehrle.

Da es in Deutschland nach wie vor Tabu ist, über das eigene Gehalt zu sprechen, haben die Arbeitgeber einen Verhandlungsvorteil: Dem Einzelnen fehlt der Vergleichsmaßstab für den gerechten Lohn. Was nützt es, besser zu sein als andere, wenn man deren Gehalt nicht kennt. Deswegen treten viele Spezialisten bei den Gewerkschaften aus und lassen sich von Berufsvereinigungen vertreten: Piloten von der Vereinigung Cockpit, Krankenhausärzte vom Marburger Bund, Flugbegleiter von der Unabhängigen Flugbegleiter-Organisation Ufo.

Im hessischen Bad Hersfeld sitzt Georg Hebeler und hätte in seinem Betrieb gern beides - mehr Ungleichheit und mehr Solidarität. Hebeler ist Geschäftsführer einer kleinen Druckerei, die kurz vor dem Aus stand, als er sie übernahm. Mitarbeiter wie der 36-jährige Carsten Köhler haben auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichtet und sich eine Tarifgruppe niedriger einstufen lassen. Hebeler würde sie aber gern stärker nach Leistung zahlen. "Warum verdient ein Drucker, nur weil er an einer Maschine steht, die vier Farben druckt, mehr als einer, der mit zwei Farben arbeitet?", kritisiert Hebeler den Tarifvertrag seiner Branche. "Ich sehe doch, wie schnell ein Drucker eine Maschine einrichtet, wie farbsicher sein Auge ist."

Für die Zukunft hat der Firmenchef einen Traum: eine Mitarbeiter AG gründen und alle Angestellten, vom Drucker bis zur Sekretärin, am Unternehmen beteiligen - ganz so, wie es sich auch Bundespräsident Köhler vorstellt. Die Motivation, sich für den Betrieb einzusetzen, würde steigen. Aber auch diejenigen, die keine Topleistungen mehr bringen können und weniger verdienen als andere, würden am Gewinn beteiligt. Hebeler: "Wir leben im 21. Jahrhundert. Da muss man neue Wege gehen."

Von Doris Schneyink und Jan Boris Wintzenburg

Mitarbeit: Angelika Dietrich, Mathias Rittgerott, Susanne Wächter, Regina Weitz

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