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Endstation Zeitarbeit: Alle Menschen sind ungleich

Trotz sinkender Arbeitslosenzahlen hat sich unter Deutschlands Angestellten eine Zwei-Klassen-Gesellschaft gebildet: mit Festangestellten und Zeitarbeitern. Wie tief die Kluft zwischen beiden Gruppen gehen kann, zeigt stern.de am Beispiel einer städtischen Badelandschaft im Sauerland.

Von Axel Hildebrand

Unter Bambusrohr und in Sandstein eingebettet liegt ihr Arbeitsplatz. Hinter ihr: eine Badelandschaft mit Strömungskanälen, Wellenbad und Solebecken. Im Wasser liegend, kann man die Berge des Sauerlandes sehen und abends spiegeln sich die Palmen am Beckenrand in den großen Panoramafenstern.

Inge Heinemann sitzt an der Kasse dieser Badelandschaft im sauerländischen Plettenberg, "Aqua Magis" heißt sie. Für Erwachsene kassiert sie 9,50 für den Tag und 7,50 Euro für Kinder. Sie trägt ein weinrotes Poloshirt mit einem grauen Kragen. Sie lächelt die Gäste an, wenn sie zu ihr kommen, denn Lächeln gehört zu ihrem Job.

Zwei Frauen, eine Arbeit, zwei Gehälter

Die Kassiererin neben ihr trägt genau das gleiche T-Shirt und macht genau die gleiche Arbeit. Doch am Ende des Tages wird die Kollegin mehr verdient haben. Sie bekommt Zuschläge für die Wochenenden, für Feiertage oder späte Dienste. Rund 20 Prozent kann ein Angestellter in den gut besuchten Sommermonaten allein durch Zuschläge hinzuverdienen. Inge Heinemann bekommt sie davon nur einen Bruchteil. Sie hat auch weniger Urlaubstage, verdient rund 30 Prozent weniger, muss acht Stunden im Monat mehr arbeiten, bekommt keine Sonderzahlungen oder Leistungsentgelte und ihr kann schneller gekündigt werden. Der Unterschied zwischen den rund 90 Angestellten des Bades, welches der Stadt Plettenberg gehört: 60 sind bei einer Zeitarbeitsfirma angestellt - und das dauerhaft, teilweise seit fünf Jahren. Und arbeiten so zu wesentlich schlechteren Bedingungen als die 30 Kollegen welche beim Bad direkt unter Vertrag sind. Für sie gilt der Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes. Mit einem großen Paket an Zulagen, Jahressonderzahlungen und Leistungsentgelten, in das nur sie hineingreifen dürfen.

Das Geschäftsmodell beruht darauf, die Beschäftigten ungleich zu bezahlen

Zeitarbeiter und Festangestellte arbeiten hier seit Jahren nebeneinander her: Sie kochen in der Küche, wischen die Umkleiden, kassieren und reinigen die Saunalandschaft. Das ist Plettenberg, das ist das Sauerland, und das ist Deutschland.

An der Idee der Zeitarbeit gibt es im Grunde nichts Verwerfliches. Ungewöhnlich ist, wenn der Betrieb - wie in diesem Fall - der öffentlichen Hand gehört und sich eine Zwei-Klassen-Gesellschaft an Arbeitnehmer auf Dauer hält, die beiden die gleiche Aufgaben erledigen. Die Mehrheit der Beschäftigten sind formell Zeitarbeiter, arbeiten in Wirklichkeit aber seit Jahren im Bad und werden das auch weiter machen. "Auf Zeit" ist hier keiner. Das Geschäftsmodell beruht darauf, die Beschäftigten ungleich zu bezahlen.

Sie sind ganz froh. Von der Betriebsratswahl sind sie nicht mehr ausgeschlossen.

Bis vor kurzem durften die Zeitarbeiter in Plettenberg, die das Gros der Belegschaft stellen, sich noch nicht einmal für den Betriebsrat aufstellen lassen. Jetzt gibt es zwei Vertretungen. Eine für die Festangestellten und eine für die Zeitarbeiter. Der Betriebsrat für die Festangestellten ist im Bad untergebracht, der Betriebsrat für die Zeitarbeiter hat ein kleines Büro über einem Elektroladen bekommen, ein paar Kilometer vom Arbeitsplatz entfernt. Man könnte das als Demütigung auffassen, aber die Zeitarbeiter sind froh, dass sie überhaupt ein bisschen mitreden dürfen.

Es gibt in der deutschen Gesellschaft bei einem Teil der Beschäftigten ein Gefühl, als ob es für sie keinen Aufstieg mehr geben werde in diesem Leben. Es ist das Gefühl, das ein Bahnreisender verspürt, der an ein Gleis kommt, an dem der Zug gerade losfährt. Anke Pissier, Kassenfrau im "Aqua Magis", hat das sogar schriftlich. Seit fünf Jahren ist sie als Zeitarbeiterin im sauerländischen Bad. Die Dienstleistungsfirmen, bei denen sie angestellt waren, wechselten häufig und immer wieder hofften sie, einen festen Vertrag zu bekommen. Dass es sich um Zeitarbeit handelt, realisierten sie erst nach ein paar Jahren.

Ein öffentlicher Betrieb profitiert und spart

Für einen Betrieb wie diese Badelandschaft sind Menschen wie Anke Pissier deutlich günstiger als die Festangestellten. Weil bislang keine Zuschläge für Spät- oder Wochenendschichten bezahlt wurden, werden sie bevorzugt zu unbeliebten Zeiten eingesetzt. "Dem Chef ist es natürlich lieber, wenn die Zeitarbeiter arbeiten", sagt eine, die nach dem öffentlichen Tarif bezahlt wird. "Die Schichten werden so eingeteilt, dass es für den Betrieb am günstigsten ist." Und so passt es ins Bild, dass Robert Hasenau, 25, einer der Köche und Zeitarbeiter, die vergangenen vier Wochenenden arbeitete. "Die anderen kriegen so viel mehr und ich guck in die Röhre", sagt er. Er sitzt im kahlen Büro des Betriebsrates, es riecht nach kaltem Rauch, und auf dem Tisch liegen ein paar Gummibärchen. Das ist die Welt der Menschen, die dem Zug hinterher sehen.

Diese Geschichte erzählt von einer leisen Veränderung in der deutschen Arbeitswelt. Dabei geht es auch um Ungerechtigkeit, die sich hier manifestiert, zum Geschäftsmodell erhoben und irgendwann achselzuckend zur Kenntnis genommen wird.

"Was ist schon gerecht? Nichts ist gerecht!" sagt der Chef

Zumindest in der Welt des Uwe Allmann. Er ist der Geschäftsführer der Badelandschaft, ein Mann mit festem Händedruck und modernen Kunstdrucken hinter dem riesigen schwarzen Schreibtisch. Er ist der Herr über das Heer von Zeitarbeitern. Nicht formell, denn das ist der Chef der Zeitarbeitsfirma MA Service. Aber rein praktisch arbeiten alle für ihn. Fragen nach Gerechtigkeit und Fairness findet er irgendwie unpassend. "Was ist schon gerecht? Nichts ist gerecht!" Allmann presst die Hände aneinander und lehnt sich nach vorne. Er spricht mit einem Dortmunder Akzent, langsam betont er die Wörter. Jeder hätte die Bedingungen gekannt, sagt Allmann. "Und jeder hat zur Einstellung gesagt: Klasse!" Bei einigen Mitarbeitern der lokalen Stadtwerke, deren Chef er auch noch ist, gilt er als "seelenlos".

"Wenn sie woanders mehr bekommen", fragt Allmann rhetorisch "meinen Sie, dann blieben sie hier? Sie sind bei uns glücklich und zufrieden." Er macht eine kleine Pause, und fügt an: "Die meisten sind zufrieden." Allmann lässt jedem die Wahl: Friss oder stirb. Er erwähnt nicht, dass junge Mitarbeiter Vollzeit als Zeitarbeiter in seinem Bad arbeiten und nebenbei noch kellnern und putzen, um überhaupt über die Runden zu kommen.

Der Chef fährt in die Schweiz, eine 350.000 Euro teure Rutsche zu testen

Er wisse halt nicht, so Allmann, wie sich der Betrieb entwickle. Bäder sind ein Zuschussgeschäft. Aber er komme den Zeitarbeitern auch entgegen. Nach 176 geleisteten Stunden bekomme jeder Zeitarbeitern einen Tankgutschein über 44 Euro. "Das ist richtig viel", findet der 42-Jährige. Vor ein paar Wochen bekamen die Zeitarbeiter - nach fünf Jahren - zumindest einen Tarifvertrag. Die Gewerkschaft Verdi hatte vom Fall erfahren und mehrfach nachgehakt. Natürlich gibt es nicht den von Verdi, sondern einen der christlichen Gewerkschaft Zeitarbeit. "Das ist für die Arbeitgeber der billigste Tarifvertrag und für die Arbeitnehmer der schlechteste", sagt Verdi-Gewerkschaftssekretär Karsten Braun, der mit dem Plettenberger Fall vertraut ist.

Kürzlich ist Allmann persönlich mit dem Bürgermeister von Plettenberg und einer zwölfköpfigen Delegation in die Schweiz gefahren. Die Mission: Sie haben eine neue Rutsche getestet, eine mit Looping. Allmann war schwer begeistert. "Echt geil" prustete er nach der ersten Testfahrt. Die Rutsche kostet 350.000 Euro, und der Bau ist schon beschlossen.

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