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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit Mildred Scheel - die Frau, die dem Krebs den Krieg erklärte

Mildred Scheel
Mildred Scheel im Jahr 1970 mit ihrer wenige Tage alten Tochter
© DPA / Picture Alliance
Es gibt bemerkenswerte Persönlichkeiten, die hinterlassen als Lebenswerk etwas sehr Lebendiges: Die Deutsche Krebshilfe wurde am 25. September 1974 von Mildred Scheel gegründet. Auch wenn sie selbst nicht mehr auf der Erde ist, der von ihr begonnene Kampf gegen die tückische Krankheit geht weiter.

Meine wunderbare Großmutter Hanne ist an Krebs gestorben. Es war ein unfassbar trauriger Tag, als sie für immer ging. Ihre Liebe und Güte waren für uns Enkel immer wie die Sonne, die uns wärmte. Auch im Winter. Ich weiß noch, wie mein Vater und seine drei Geschwister alles dafür taten, um ihrer Mutter während der jahrelangen Leidenszeit zu helfen.

Mein Onkel, der damals für einen führenden Hersteller von technischen Geräten arbeitete, die im Rahmen der frühen Krebstherapie eingesetzt wurden, sorgte dafür, dass meine Großmutter von den besten Ärzten behandelt wurde. Um sich von der Strahlentherapie zu erholen, fuhr meine Großmutter mit dem Zug nach Westerland/Sylt. Der Blick aufs Meer, der Strand, der Wind taten ihr gut. Aber die tückische Krankheit war nicht zu stoppen, irgendwann verlor meine geliebte Oma den Kampf gegen den Krebs, den sie ohne zu klagen jahrelang tapfer ertragen hatte.

Wenn ich heute höre, dass jemand von dieser Erkrankung heimgesucht wird, zucke ich zusammen, denn das hautnahe Miterleben, wie ein geliebter Mensch daran verstirbt, prägt nachhaltig. "Krebs tötet Millionen Menschen jedes Jahr, er ist eine der größten Gesundheitsherausforderungen", lautete die Begründung des Nobelpreiskomitees in Schweden, anlässlich der Vergabe der Auszeichnungen für Medizin im Jahre 2018.

Die beiden Preisträger Tasuku Honjo und James Allison erforschten, wie sich die Körperabwehr im Kampf gegen Krebs wirkungsvoll einsetzen lässt. Wissenschaftler Allison stürzte sich auch aus einem sehr persönlichen Antrieb in das Projekt: Als Kind verlor er seine Mutter an Krebs, später seinen Bruder. Auch dank seiner Erkenntnisse lassen sich Krebszellen heute durch das Immunsystem und den Einsatz entsprechender Medikamente effizienter angreifen.

Meilenstein für die Krebsforschung

1974, als Mildred Scheel, die Gattin des damaligen Bundespräsidenten die Deutsche Krebshilfe gründete, war die Forschung noch lange nicht so weit. Die Krankheit war damals eher ein Tabu-Thema, speziell über Unterleibs- und Prostatakrebs wurde nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Die große forsche Frau, die eine echte Rebellin war und vor nichts und niemand Angst hatte, änderte das. Mit einer selbstbewussten Haltung, guter Rhetorik und ihrem unermüdlichen Einsatz.

Alle, die sie trafen, konnten sich ihrem Werben für die gute Sache nicht entziehen, Mildred Scheel zog ihre Mission mit viel Herzblut durch. Die beeindruckende Powerfrau, kam als drittes Kind des Röntgenarztes Hubert Wirtz und seiner amerikanischen Ehefrau Anna in Köln zur Welt. Schon als kleines Mädchen war sie sehr am Thema Medizin interessiert und begleitete ihren Papa oft in seine Praxis. Nach dem Abitur studierte sie selbst Medizin und startete anschließend als medizinische Assistentin in der Radiologie.

Nach der Gründung der Deutschen Krebshilfe schaffte sie es schnell, zahlreiche renommierte Ärzte für eine Zusammenarbeit zu gewinnen und stellte die ersten wissenschaftlichen Tagungen mit Krebsexperten aus der ganzen Welt auf die Beine. Bemerkenswert war, dass Mildred Scheel extrem großen Wert darauf legte, keinerlei Steuergelder oder Spenden von Pharmaunternehmen zur Finanzierung ihrer Arbeit zu nutzen: "Wir müssen absolut unabhängig von Politik und Wirtschaftsinteressen, sondern nur den Menschen und deren Gesundheit verpflichtet sein" lautete ihr Credo.

Mildred Scheels unkonventionelle Methoden

Um die notwendigen Finanzmittel für die Arbeit der Krebshilfe zusammenzubekommen, war Mildred Scheel ständig unterwegs und sammelte Spenden. Überliefert ist die beispielhafte Anekdote, als Mildred Scheel bei einem Staatsbesuch an der Seite von Ehemann Walter bei der sowjetischen Führung um ein Autogramm des damaligen Staatschefs Breschnew bat. Natürlich bekam sie eines und versteigerte es später zu Gunsten der Krebshilfe.

Mit den Spendengeldern unterstützt die Deutsche Krebshilfe Forschungsprojekte, hilft Betroffenen und betreibt Aufklärung. "Stark für das Leben. Gemeinsam gegen Krebs", lautet die aktuelle Kernbotschaft der Organisation. Deren Gründerin war eine Frau, die gerne lebte und ihren ganz eigenen Kopf hatte. Ihre Tochter Cornelia hat sie in dem lesenswerten Buch "Mildred Scheel: Erinnerungen an meine Mutter" liebevoll skizziert. "Meine Mutter war der Schrecken eines jeden Protokollchefs", schreibt sie zum Beispiel über Szenen, wenn die Gattin des Bundespräsidenten wieder mal aus der Reihe tanzte und kurzerhand die Tischkarten eines gesetzten Essens vertauschte. Sie saß eben lieber neben einer vielversprechenden jungen Künstlerin, als neben der ihr ursprünglich zugedachten Politgröße.

Heute kennen rund 95 Prozent aller Menschen im Land die Deutsche Krebshilfe, es gibt Mildred-Scheel-Schulen, sogar eine Rosensorte wurde nach ihr benannt. Die hat schwarze Knospen, deren Blüten später in einem samtigen Rot leuchten. Rot, wie das große Herz von Mildred Scheel, die tragischerweise 1985 selbst an der tückischen Krankheit Krebs verstarb. Auf dem Alten Friedhof in Bonn hat sie ihre letzte Ruhestätte gefunden. Dort erinnert ein schlichter Grabstein an die Gründerin der Deutschen Krebshilfe. Ich bin kürzlich hingefahren und habe an sie gedacht. An eine leidenschaftliche und kompromisslose Frau, die sich nicht um Konventionen geschert hat. Ein ewiges Vorbild, auch 35 Jahre nach ihrem Tod.


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