Frauenkarrieren Merkel und die Teilzeitmütter


Frauen sind besser ausgebildet, ergattern immer häufiger Spitzenjobs und leben länger. Braucht es überhaupt noch eine spezielle Frauenpolitik? stern.de sprach mit der Arbeitsmarktexpertin Silke Bothfeld von der Hans-Böckler-Stiftung.

Frau Bothfeld, leben wir schon im Matriarchat - oder dauert es noch einen Moment?

Wir sind weit davon entfernt. In den 90er Jahren stieg die Frauenerwerbsquote, auch die Gehälter von Männern und Frauen glichen sich zunehmend an. Aber seit 2001 hat sich nichts mehr getan - im Gegenteil.

Immerhin hat Deutschland nun eine Kanzlerin. Hat das nicht zumindest atmosphärisch die Lage für Frauen geändert?

Schon. Jede Frau, die in der Öffentlichkeit steht, hat eine Vorbildfunktion. Und natürlich räumt das mit herkömmlichen Rollenbildern auf.

Gleichwohl hat sich Angela Merkel nicht unbedingt als Frauenpolitikerin profiliert. Sie hat sogar weniger Frauen im Kabinett als Gerhard Schröder.

Bei Schröder hatten wir das Glück, dass mit den Grünen eine Partei in der Regierung war, die Frauen ausdrücklich gefördert hat. In der Beziehung hat die SPD sicherlich auch von Grünen gelernt. Von der großen Koalition erwarten wir keine weiteren Fortschritte. Alle Regelungen, die der Wirtschaft im Weg stehen könnten, sind Tabu. Das Antidiskriminierungsgesetz zum Beispiel ist vom Tisch.

In Fragen der Bildung liegen Frauen inzwischen vorn - sie machen häufiger Abitur und schließen das Studium ab. Gibt es einen spezifisch weiblichen Bildungshunger?

Ich würde das als nachholende Entwicklung interpretieren. Für viele Eltern ist heute selbstverständlich, ihre Töchter auf eine Karriere vorzubereiten. Und vielleicht sind Mädchen in der Schule etwas aufmerksamer, sie haben jedenfalls die besseren Noten.

Warum sind die Jungs so lernfaul?

Das ist schwierig zu beurteilen. Vielleicht ist der Gedanke, dass sie schon durchkommen, für sie zu normal.

Auf dem Arbeitsmarkt verschieben sich die Gewichte dann allerdings wieder.

Die Erwerbstätigkeit von Frauen nimmt zwar zu - aber sie arbeiten immer häufiger in Teilzeit. Und das ist ein Problem, weil sie sich im Zweifelsfall nicht selbst versorgen können. Werden sie arbeitslos oder lassen sich scheiden, können sie sich und ihre Kinder kaum noch finanzieren. Auch die Renten sind bei Teilzeitbeschäftigung niedriger.

Ist nicht gerade die Teilzeit eine Lösung, um Kinder und Karriere unter einen Hut zu bringen?

Frauen haben oft keine Wahl - weil der Arbeitsmarkt keine Vollzeitstellen hergibt und die Kinderbetreuung nicht ausreicht. Außerdem sind sie mit einem gesellschaftlichen Vorurteil konfrontiert: Mütter, die Vollzeit arbeiten, gelten als "Rabenmütter", zumindest im Westen.

Die Studie der Hans-Böckler-Stiftung, an der sie mitgearbeitet haben, weist nach, dass Frauen im Schnitt weniger als Männer verdienen. Gilt das auch für identische Tätigkeiten?

Es gibt Jobs, in denen Frauen diskriminiert werden. Zum Beispiel in dem Bereich Unternehmer, Geschäftsführer und Bereichsleiter. Männer verdienen in dieser Funktion durchschnittlich 5993 Euro brutto im Monat, Frauen 4206 Euro im Monat.

Woran liegt's?

Ich denke, dass Unternehmer versuchen, ihr Personal so günstig wie möglich einzukaufen. Frauen treten in Gehaltsverhandlungen vielleicht nicht genauso fordernd auf wie Männer. Außerdem unterstellt man ihnen gerne, sie würden ohnehin noch eine Babypause einlegen. Die Kosten dafür schlagen sich in einem niedrigeren Gehaltsangebot nieder.

Rein zahlenmäßig steigt der Anteil von Frauen von Top-Positionen allerdings.

Er ist aber immer noch verschwindend gering. Der Anteil von Frauen in den Vorständen von Kapitalgesellschaften der "Old Economy" beträgt gerade mal ein Prozent. In der "New Economy" sind es vier Prozent.

Auf welchen Feldern müsste die Regierung handeln?

Wie bereits gesagt - in der sozialen Sicherung von Frauen. Wir brauchen Mindestlöhne, mehr sozialversicherungspflichtige Jobs und bessere Absicherungen im Fall von Arbeitslosigkeit und Rente. Werden diese Lücken nicht geschlossen, fällt das Problem der Politik auf die Füße.

Also braucht es immer noch eine spezielle Politik für Frauen?

Ja - auch wenn Frauen schon viel gewonnen haben.

Interview: Lutz Kinkel

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