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Glosse: Pauken statt auf die Pauke hauen

Die Deutschen sollen sich im Urlaub und in ihrer Freizeit weiterbilden, fordert die Industrie und Handelskammer. Reiseanbieter locken schon mit den ersten Angeboten. Ein Szenario wie ein typischer Tag im Weiterbildungs-Fereinparadies aussehen könnte.

Von Pia Röder

Was man bei einer Happy Hour alles lernen könnte...

Was man bei einer Happy Hour alles lernen könnte...

Entspannt am Pool liegen, Cocktails schlürfen oder einfach zu Hause in der Hängematte baumeln und ein gutes Buch lesen. So war Urlaub bisher. Geht es allerdings nach der Deutschen Industrie und Handelskammer (DIHK), gehört das bald der Vergangenheit an. Abseits der Arbeit - in den Ferien oder nach Feierabend - sollen die Deutschen ihre Zeit dazu nutzen, sich weiterzubilden. Büffeln statt bechern, pauken statt auf die Pauke hauen.

Findige Reiseanbieter haben auf die Forderung prompt reagiert. Lastminute.com lockt mit einem extra breiten Spektrum an Weiterbildungsangeboten. So kann sich der gestresste Urlauber nicht nur in Sachen Sangria-Verträglichkeit auf Mallorca verbessern, sondern ihm wird sogar eine soziologische Fortbildung angeboten, bei der er "einen geschickten Beobachterstandort am Strand einnehmen und beim lockeren Herumlungern den Körperbau der Strandbesucher und die Verknappung aktueller Bademodentrends analysieren" kann. Oder er erweitert sein Wissen auf buchhalterischer Ebene: Die dicken Prozente, die man beim Buchen einspart, kann man schließlich beim Shopping ausgeben. Einfache Rechnung.

Diktat statt Morgengruß

Eigentlich eine schöne Idee, wenn Reiseanbieter nicht nur zur Cocktail Happy Hour laden, sondern wirklich etwas für die zahlenden Kunden tun. Urlaub mit Mehrwert quasi. Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Irgendein Hotel im Süden morgens um halb acht. Die Empfangsdame klingelt einen wach, doch statt eines freundlichen "Guten Morgen, sie wollten um sieben Uhr dreißig geweckt werden", bittet die Dame zum telefonischen Diktat und liest schön langsam das Frühstücksmenü vor. "Kontinentalfrühstück Doppelpunkt Croissant Komma Marmelade Komma verschiedene Teesorten" und so weiter. Danach ist man mit Sicherheit wach, die geistigen motorischen Fähigkeiten sind auf zack und die Speisekarte kann man dann auch auswendig. Das spart Zeit, die man für weitere Fortbildungsmaßnahmen verwenden kann.

Gegen halb zehn geht man als guter deutscher Durchschnittsurlauber an den Pool und legt sein Handtuch auf die Liege. Aber natürlich nicht so einfach und stupide. Die Animateure haben eine Schnitzeljagd vorbereitet. Die Liegen sind irgendwo im Gebäude hinter Kunstpalmen versteckt und durchnumeriert. Jede muss an seinen Platz und das noch vor zwölf. Dann ist nämlich wirklich Cocktail Happy Hour und das heißt im Weiterbildungsparadies nicht alles zum halben Preis, sondern alles selber Mixen mit einem Lächeln auf den Lippen. Schließlich will man zu Hause mit möglichst viel Halbwissen über Salzränder an "Magaritas" und der perfekten Zusammensetzung eines "Long Island Ice Teas" glänzen.

Stat billiger Souvenirs gibt es selbstgemachte Geschenke, die von Herzen kommen

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Medizin für jedermann

So gegen zwei ist man dann gut angetrunken - man muss schließlich seine Kreationen auch verköstigen - und kann dazu übergehen seine sportlichen Fähigkeiten zu verbessern. Limbo. Wer es schafft unter der Stange hindurchzukriechen, die nur zwanzig Zentimeter über Normalnull hängt, darf zum Chiropraktiker. Der erklärt dann detailliert welche Partien der Wirbelsäule er geradebiegt und jongliert mit Fachbegriffen. Nach der Behandlung wird ein Test geschrieben.

Am späten Nachmittag ist landestypische Kultur angesagt. Man zwängt sich mit dreißig synchron schwitzenden Mitreisenden in einen Bus ohne Klimaanlage und fährt in ein zwei Stunden entfernt gelegenes Bergdorf. Die meditativen Fähigkeiten werden geschult während man im Lotussitz versucht, den beißenden Dunst zu verdrängen, den die Tennissocken in Reihe vier absondern.

Im Dorf angekommen lernt man von alteingesessenen Frauen die Kunst, Häkeldeckchen herzustellen. Handarbeit hatte leider in der Schule sowieso nur noch einen untergeordneten Stellenwert und nach dieser Übung hat man gleich noch ein hübsches Urlaubsmitbringsel für Tante Betty. Oder Ein Taschentuch für Onkel Kuno. Je nach Maschendichte.

Nicht nur der Geist, auch der Köper wird geschult

Zurück im Hotel duscht man rasch und mischt sich in der hoteleigenen Apotheke, die für jeden Besucher frei zugänglich ist, seine Spaßmittelchen für den Abend. Man beobachtet die chemischen Reaktionen, macht Notizen, nimmt Proben und wenn danach die Bude noch steht, hat man nicht nur mehr gelernt als in zwei Jahren Chemie Leistungskurs, sondern ist auch für den Abend gerüstet.

Sollte man dann etwas extrovertierter sein, hat man abends die Gelegenheit diverse Tanzangebote wahrzunehmen. Im Prinzip wie der Tanzkurs, den man mit spätestens sechzehn Jahren absolviert haben sollte, um gesellschaftlich nicht vollständig ausgegrenzt zu werden. Nur dass die Leute älter sind, ungelenkiger und beim "links, rechts, cha cha cha" mehr Respekt vor der wackeligen Hüfte haben.

Schade eigentlich, dass der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) die Idee, sich im Urlaub weiterzubilden, zurückgewiesen hat. Zu wenig durchdacht sei das Vorhaben und es gehe an der Realität vorbei, so DGB-Bundesvorstand Hermann Nehls.

Was könnte man da alles lernen.

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