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Hartz IV: Nonnen auf Jobsuche

Nach einer Revolte und dem geschlossenen Austritt aus dem Franziskanerinnen-Orden stehen 70 Nonnen vor dem Nichts: Da sie bei Ordenseintritt ein Armutsgelübde abgelegt haben, besitzen sie jetzt nicht einmal ein Bett.

Von Marlies Uken

Manchmal kommt die radikale Anhängerin Christi im schlabberigen Fleece-Pulli daher. Sie trägt Birkenstocks und deckt gerade den Mittagstisch. Mit rund zwanzig Verbündeten ist die Ex-Nonne in einem leer stehenden Trakt eines Pflegeheims bei Münster untergekommen. An den Wänden hängen Christusbilder, an der Pinnwand baumelt der Gottesdienstplan. Und auf dem Tisch stapeln sich Stellenangebote für Erzieherinnen und Krankenschwestern.

Zu den fünf Millionen Arbeitslosen sind Anfang des Jahres rund 70 ehemalige Nonnen dazugekommen. Fast ein Zehntel aller Schwestern ist freiwillig aus dem Franziskanerinnen-Orden im emsländischen Thuine ausgetreten, einem der größten Frauenorden Deutschlands. Eigentlich geht es hier um einen handfesten Richtungsstreit hinter Klostermauern. Denn die Gesinnung der Thuiner Schwestern, die sich sozial engagieren und als Kindergärtnerinnen oder Altenpflegerinnen arbeiten, ist den Abtrünnigen nicht fromm genug. Sie wollen noch mehr beten und weniger arbeiten. Und am liebsten würden sie einen eigenen Orden gründen. Ihr kurzfristiges Ziel ist dagegen ganz weltlich: Sie brauchen neue Jobs.

Wer aussteigt, hat nichts

Denn ohne den Orden sind die Ex-Schwestern ein Fall für Hartz IV. Sie haben ein Leben in völliger Sicherheit aufgegeben. Schließlich verspricht die Glaubensgemeinschaft, sich bis zum Tod um sie zu kümmern. Der Orden stellt das schwarz-weiße Ordenskleid, sorgt für Essen und Wohnung und finanziert sogar ein Studium. Mit den Sozialkassen kann er wegen solch umfassender Fürsorge Sonderverträge schließen. Schwestern zahlen keine Beiträge in die Renten- oder Arbeitslosenversicherung.

Wer aus einem derart geschlossenen System aussteigt, hat hingegen nichts. Nicht mal ein Bett. Auch das Sparbuch ist leer, denn Nonnen bekommen kein Gehalt. Ohne Job müssten die Frauen jetzt Arbeitslosengeld II (Hartz IV) beantragen, schließlich sind sie jünger als 65 und haben bewiesen, dass sie mindestens drei Stunden am Tag arbeiten können. Hartz IV heißt 345 Euro im Monat plus Mietzuschuss.

Disput über die richtige Richtung

Über ihre Gründe wollen die Ex-Schwestern nicht reden. Doch schon seit Jahrzehnten gab es im Thuiner Orden heftigen Disput über die richtige Richtung. Ausgelöst hatte ihn vor allem die Thuiner Schwester Stephanie Bensmann, die inzwischen aus dem Orden entlassen wurde. Sie begeisterte in den 70ern mit viel Charisma und einer lockeren Art zahlreiche junge Leute für ein Leben als Nonne oder Pfarrer. Gleichzeitig vertrat sie jedoch eine erzkatholische Auffassung vom Christentum und polarisierte damit in Thuine. Bensmann gilt als Gründerin der Christusgemeinschaft (CG), einer extrem konservativen, wenn nicht sogar fundamentalistischen Christen-Bewegung, der einige der Ex-Schwestern nahe stehen.

Rund um Osnabrück und Lingen, wo Gebetbuch und CDU-Parteibuch zum guten Ton gehören, zählen sich schon 300 Menschen zur papst- und bibeltreuen CG. Am Wochenende treffen sich Pfarrer, Schwestern, Diakone und Laien zu Anbetungen und Messen. Mit frommem Liedgut und erhobenen Händen singen sie sich fast in Ekstase. Seltsame Dinge sollen sich beim sonst so drögen Erstkommunionunterricht eines CG-Pfarrers ereignet haben: Kinder mussten sich zwischen brennende Kerzen auf den Boden legen. Eine völlig unübliche Inszenierung, die an Sektenkult erinnert.

Ein „harmloses Birkenstock-Geschwader“

Der Vorwurf der Sektiererei taucht immer wieder im Zusammenhang mit der CG auf. Aussteiger berichten von Schockerfahrungen und Gruppenzwang. Wer nicht zu den unzähligen Treffen kommt, dem wird mit der Hölle gedroht - eine Horrorvorstellung für Kinder und Jugendliche. Liebesentzug und Schuldzuweisungen setzen zweifelnde Anhänger unter Druck. Für Pfarrer Reinhard Molitor aus Twistringen erfüllt die CG alle Merkmale einer Sekte: "Sie hat eine charismatische Führerfigur und grenzt sich extrem ab von der Außenwelt."

Auch dem Bistum ist die CG nicht geheuer. Eine offizielle Anerkennung als "Geistliche Bewegung" hat es bislang verweigert. Schon 1993 ging eine Kommission den Sektenvorwürfen nach - erfolglos. Nach dem Thuiner Massenaustritt ist das Thema wieder aktuell. Bischof Franz-Josef Bode bat deshalb Anfang Februar etwa 15 CG-Pfarrer zu einem ersten Krisengespräch, weitere sollen folgen. Er fürchtet um ihre Loyalität, denn sie verbringen zu viel Zeit mit der CG statt in der eigenen Gemeinde.

Bei einer Podiumsdiskussion in Lingen stellten sich drei Vertreter der Gemeinschaft vor einigen Wochen erstmals der Öffentlichkeit - ohne jedoch konkret auf die Vorwürfe einzugehen. Auch sonst zeigt sich die CG äußerst verschlossen: Presse gilt als lästig und wird abgewimmelt. Sympathisanten verniedlichen derweil die Gruppe der Kirchen-Dogmatiker. Pfarrer Martin Trimpe aus Lingen hält die CG für ein "harmloses Birkenstock-Geschwader". Er zählt sich zwar nicht zur CG, feiert aber Gottesdienste für sie.

Im Mutterhaus ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt

In den 256 Pfarrgemeinden im Bistum sind CG und Massenaustritt seit Wochen Thema Nummer eins. In den Messen werden bereits Fürbitten für den Thuiner Orden gehalten, in den Kirchenvorständen wird über das Schicksal der Ex-Schwestern spekuliert. Bei einigen soll die Jobsuche bereits erfolgreich gewesen sein.

Für fast alle Gemeinden kam der Austritt völlig überraschend. Nur sechs Minuten dauerte das Gespräch zwischen Pfarrer Molitor und den drei Schwestern Justin, Hilda und Cortilia. Einige Wochen später waren sie fort. "Sie fehlen im Gottesdienst oder wenn jemand stirbt", sagt Molitor, in dessen Gemeinde jetzt die Schwesternstation aufgelöst wurde. "Es ist einfach schrecklich." Für seinen Kindergarten hat er nach rund einem Monat endlich eine neue Leiterin gefunden. Andernorts hat der Orden für Ersatz gesorgt.

Im Mutterhaus Thuine, dem weltweiten Hauptquartier des Ordens, ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt. Der Richtungsstreit hat tiefe Spuren hinterlassen. Die zurückgebliebenen Nonnen haben kein Verständnis für den Massenaustritt - und wollen den Frauen doch gleichzeitig nicht übel nachreden, schließlich gilt das Prinzip der Nächstenliebe auch für Ex-Kolleginnen. "Es ist ein leidvoller Prozess, an dem wir noch lange arbeiten müssen", sagt Generalvikarin Engratia. Das stimmt auch im finanziellen Sinne. Denn die Schwestern geben den ehemaligen Gefährtinnen nicht nur ein Überbrückungsgeld mit auf den Weg. Der Orden ist gesetzlich verpflichtet, sie in der Rentenversicherung nachzuversichern. Bei 20 bis 30 Versicherungsjahren sind das mehrere Millionen Euro - eine finanzielle Härteprüfung.