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IT-Fachkräfte: Die Klugen verlassen das Land

Im weltweiten Kampf um die besten Köpfe verliert Deutschland zunehmend den Anschluss. Bei der ersten nationalen IT-Konferenz der Bundesregierung schlugen Experten Alarm: Tausende Hochqualifizierte gehen alljährlich ins Ausland - und kommen oft nicht wieder.

Die Konjunktur zieht an, die Auftragsbücher sind voll - doch wo bleibt der qualifizierte Nachwuchs, der diesen Wirtschaftsaufschwung produzieren soll? So ähnlich war denn auch der Tenor anlässlich der ersten nationalen IT-Konferenz der Bundesregierung in Potsdam. Rund 220 Teilnehmer aus der Informations- und Telekommunikationswirtschaft, Wissenschaft und Politik diskutieren in dem Institut an der Universität Potsdam bis zum Nachmittag über Wege, die Branche voranzubringen. Um die Wichtigkeit des Themas zu unterstreichen, wird auch Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Konferenz erwartet.

Den Nachwuchsmangel, besonders in der IT-Branche, thematisierte dann auch Hasso Plattner, Mitbegründer des Software-Konzerns SAP, in seinem Eröffnungsstatement - und äußerte gleichzeitig die Hoffnung, dass das Interesse für Informationstechnologie in Deutschland erwacht.

Deutschland muss High-Tech-Standort bleiben

Die Ausbildung in Deutschland sei zwar gut, so Plattner weiter, doch es würden zu wenige junge Menschen für die Branche begeistert. "Ich wünsche, dass der Gipfel ein Zeichen gibt, dass wir in Deutschland nicht kampflos das digitale Feld räumen", sagte er. So würden etwa schon jetzt kaum noch Fernsehgeräte in Deutschland hergestellt. Plattner hatte das nach ihm benannte Institut für Softwaresystemtechnik in Potsdam vor sieben Jahren ins Leben gerufen. Auch nach den Worten von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos(CSU) muss Deutschland ein High-Tech-Standort bleiben. Dies sei der Schlüssel zu Wachstum und Arbeitsplätzen, so Glos während der Konferenz.

Doch gerade nach der Ausbildung verlassen zunehmend die hoch qualifizierten Deutschland - und längst nicht jeder kehrt später zurück. Dabei lockt besonders ein leichterer Start ins Berufsleben, bessere Karrierechancen oder ein höheres Einkommen die Topleute ins Ausland. Umgekehrt zieht es nur wenige ausländische Spitzenkräfte nach Deutschland, weil die Zuzugshürden als hoch gelten. Experten warnen vor den Folgen des zunehmenden Know-How-Schwunds: "Das kann unser Wachstum ganz klar behindern", sagt Martin Werding, Arbeitsmarktexperte beim Münchner ifo Institut für Wirtschaftsforschung.

Gerade innovative Branchen, die Deutschlands Zukunft im schärfer werdenden Wettbewerb mit Niedriglohnländern sicher sollen, suchen schon jetzt teils händeringend nach gut ausgebildetem Personal. Erst kürzlich wies der Verein Deutscher Ingenieure auf 22.000 offene Ingenieur-Stellen hin, die zurzeit nicht besetzt werden können. Vor allem Mittelständler wie das Elektronik-Unternehmen TQ-Systems mit Sitz im oberbayerischen Seefeld bekommen dies zunehmend zu spüren. "Wir suchen kontinuierlich Elektrotechnik-Ingenieure und würden gerne noch viel mehr einstellen, aber es gibt nicht genug Absolventen", sagt eine Unternehmenssprecherin. Potenzielle Aufträge von Neukunden habe man deshalb auch schon einmal ablehnen müssen.

Fachkränfte-Mangel im technischen Bereich

Vor allem im Maschinenbau, in der Elektrotechnik und der Pharmazie sowie bei unternehmensnahen Dienstleistungen klafft eine wachsende Fachkräfte-Lücke, sagt Oliver Heikaus, Referatsleiter Arbeitsmarkt und Zuwanderung beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag. "Im Zuge des demografischen Wandels wird sich das Problem noch verschärfen. Wenn Deutschland nicht ins Hintertreffen geraten will, müssen wir den Arbeitsmarkt noch stärker öffnen für qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland."

Solche Forderungen stoßen jedoch teils auf wenig Gegenliebe. Vertreter von Gewerkschaften und aus der Politik machen vor allem die Unternehmen für die Probleme verantwortlich. Auf die trüberen Konjunkturaussichten früherer Jahre hätten viele Firmen mit Einstellungsstopps und dem Einsatz unbezahlter Praktikanten reagiert. Da sei es kein Wunder, dass sich der hoch qualifizierte Nachwuchs eher in Länder wie die USA oder die Schweiz orientiert, wo eine gute Ausbildung auch entsprechend honoriert werde. Vor allem müsse es jetzt darum gehen, die derzeit rund vier Millionen Arbeitslosen ins Erwerbsleben einzubinden. Doch DIHK-Experte Heikaus gibt zu bedenken: "Viele Langzeit-Arbeitslose haben keine abgeschlossene Berufsausbildung und können die größer werdende Fachkräfte-Lücke zumindest kurzfristig kaum schließen."

Nicht nur Produktion wird ausgelagert

Aber auch Hochschulen kritisieren eine unstete Personalpolitik vieler Unternehmen. "Wir können an den Universitäten keine Just-in-time-Produktion von Absolventen leisten", sagt Bernd Huber, Rektor der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Die LMU als eine der drei ersten Elite-Unis in Deutschland will unter anderem mit strafferen Berufungsverfahren und speziellen Programmen für Nachwuchswissenschaftler dem Spitzenkräfte-Schwund entgegensteuern.

Doch dabei gilt es, schnell zu handeln. Schon jetzt zeichne sich ab, dass nach der Phase der Produktionsverlagerungen auch höher qualifizierte Tätigkeiten wie Forschung und Entwicklung ins Ausland gegeben werden, sagt Sörge Drosten von der Unternehmensberatung Kienbaum. Und ifo-Experte Werding mahnt vor allem angesichts des demografischen Wandels zu raschem Handeln: Da der Fachkräfte-Bedarf künftig noch wachsen werde, müsse sich Deutschland bald attraktiver machen für qualifizierte Bewerber aus dem Ausland. "Es wird oft so getan, als hätten wir noch bis 2012/2013 Zeit, aber das ist nicht wahr. Zuwanderung funktioniert nicht auf Knopfdruck."

mit DPA/DDP / DDP