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Reinhild Fürstenberg Lampenfieber im Job: Mit diesen Tipps bekommen Sie Ihre Unsicherheit in den Griff

Lampenfieber im Job
Wer Hemmungen hat, im Job vor vielen Menschen zu sprechen, kann gezielt dagegen angehen
© Deagreez / Getty Images
Steht Ihnen Ihre Schüchternheit beruflich im Weg? Das können Sie überwinden! Und das sollten Sie auch, denn andauerndes "Lampenfieber" ist alles andere als gesund.
Von Reinhild Fürstenberg

Frau G. ist 35 Jahre alt. Sie wurde vor drei Monaten aus einer Sachbearbeiter-Position in die Öffentlichkeitsarbeit versetzt. Diese Karrierechance wollte sie unbedingt nutzen, muss nun aber Sitzungen leiten, Vorträge halten, Interviews geben. Besonders, wenn sie vor mehreren Menschen sprechen muss, hat sie plötzlich mit starkem Lampenfieber zu tun: Sie errötet, zittert, ihr Herz rast, sie verliert den Faden und findet bereits Nächte vorher kaum noch in den Schlaf. Sie fühlt sich diesen Symptomen ohnmächtig und hilflos ausgeliefert.

Frau G. hat immer häufiger Angst, zur Arbeit zu gehen. Sie hat Bluthochdruck entwickelt und manchmal wird ihr aus heiterem Himmel schwindelig. Am Arbeitsplatz versucht sie, ihre Schwierigkeiten zu verbergen, was viel Energie kostet. Sie ist unkonzentriert, gereizt, vergesslich und weniger effektiv und muss daher häufiger Überstunden machen. Die Kolleg*innen verstehen die Veränderung nicht und einige gehen schon auf Distanz.

Reinhild Fürstenberg
Reinhild Fürstenberg ist Gesundheitswissenschaftlerin, systemische Beraterin und Familientherapeutin. Das von ihr geleitete Fürstenberg Institut aus Hamburg berät Unternehmen, Führungskräfte und Mitarbeiter, wie sie psychische Belastungen reduzieren, Veränderungen gesund gestalten und die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben verbessern können. Für den stern berichtet die Expertin in loser Folge von Fällen aus ihrer Beratung - und erklärt, was wir daraus lernen können. 
© Verena Reinke

Frau G. ist in einem Teufelskreis gelandet, aus dem sie sich nicht mehr selbst befreien kann. Ich kläre sie in unserer ersten Beratungsstunde erstmal grundsätzlich auf – denn schon Wissen schafft Sicherheit und Entlastung: Bei Lampenfieber handelt es sich um eine sogenannte "soziale Phobie", einer Untergruppe der sozialen Angststörungen, die punktuell auftritt und zunächst auch nicht behandlungsbedürftig ist.

Wenn Lampenfieber zu lähmender Angst wird

Grundsätzlich ist das Lampenfieber ein toller Trick unseres Körpers, uns auf ein (vermeintliches) Wagnis vorzubereiten und löst die dafür typischen Stress-Symptome aus: Die Nebennieren schütten Adrenalin und Noradrenalin aus, was uns leistungsfähiger, wendiger, schneller und konzentrierter sein lässt und uns auf Flucht oder Kampf vorbereitet. Oder eben auf den bevorstehenden Auftritt.

Handlungsbedarf besteht erst dann, wenn uns das Lampenfieber nicht mehr pusht, sondern uns die dahinter liegende Angst lähmt. Wenn also aus Lampenfieber Blockaden entstehen – erkennbar an Frau G.s Symptomen wie Gefühle der Ohnmacht und Hilflosigkeit, ihre Blackouts bei Reden und die daraus resultierende Angst vor der Angst.

Im weiteren Gesprächsverlauf arbeite ich mit Frau G. daran, das Risiko, sich zu blamieren oder Fehler zu machen, realistisch einzuschätzen. Untrennbar damit verbunden ist Frau G.s Angst, der Bewertung durch andere, oft fremde Personen hilflos ausgeliefert zu sein. Wie werden sie auf mich reagieren? Werden sie mich verurteilen? Meine Leistung belächeln? Das Aufdecken und Bearbeiten dieser dem Lampenfieber zugrundeliegenden mentalen Ursachen ist genauso wichtig wie die reine Arbeit am Umgang mit den körperlichen Stresssymptomen, die mit der Aufregung einhergehen.

Das Halstuch der Oma

So gebe ich Frau G. noch eine Handvoll praktischer Tipps zur Stressreduktion mit. Ich helfe ihr, eine Redesituation zu visualisieren, die richtig gut klappt. Außerdem arbeiten wir daran, die körperlichen Symptome wie z. B. ihre Kurzatmigkeit, als sinnvoll wahrzunehmen – und mit Tiefenatmung entgegenzusteuern.

Als Hausaufgabe bekommt Frau G. ein paar To-Dos sowie eine Beobachtungsaufgabe mit: Sie soll einmal täglich das Gelingen einer Redesituation visualisieren und sich einen kleinen Gegenstand suchen, der sie daran erinnert. Dazu soll sie die nächsten Male kurz vorher Laufen gehen, danach in die Tiefenatmung gehen und beobachten, welches der Hilfsmittel am stärksten wirkt. Frau G. ist begeistert. Ihr gefällt, dass sie nun aktiv etwas gegen ihr Lampenfieber tun kann und ihm nicht mehr hilflos ausgeliefert ist. Auch mag sie die Tools: Sie weiß schon jetzt, dass sie sich das Halstuch, dass sie von ihrer Oma geschenkt bekommen hat, um den Hals legen wird – ihre Oma hat immer an sie geglaubt und ihr eine unerschütterliche Sicherheit und Wärme vermittelt.

Mit welchem Gefühl sie denn jetzt nach Hause gehe, möchte ich noch wissen? Mit einem freien Gefühl!, sagt Frau G. Es sei verrückt, aber gerade freue sie sich schon darauf, ihr neues Wissen auf der nächsten Pressekonferenz anzuwenden. Und auf das nächste Beratungsgespräch, um in den vielen angesprochenen Themen noch weiter zu kommen und sicherer zu werden.

Hier für Sie meine Tipps gegen starkes Lampenfieber:

  • Laufen Sie! Kurz vorher oder am selben Morgen. Das verschafft Ihnen einen "Cortisol-Puffer". Aber natürlich geht auch jede andere Sportart, die Ihnen Spaß und Ihren Kopf frei macht.
  • Gehen Sie in die Tiefenatmung: langsam ausatmen - Pause - einatmen - Pause.
  • Visualisieren Sie Ihren Erfolg statt Misserfolge zu erinnern. Der Fokus aufs Ziel richtet Sie auf die Lösung aus.
  • Sollten Sie spezielle Techniken beherrschen, nutzen Sie sie! Wie z. B. das EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) oder EFT (Emotional Freedom Techniques, auch bekannt als Klopftechnik) – sie haben das Potenzial, unterbewusst wirkende Glaubenssätze aufzulösen.
  • Nutzen Sie jede Gelegenheit, zu üben! Routine verschafft Ruhe und Sicherheit. Dabei können auch Kolleg*innen und Freunde unterstützen.
  • Und holen Sie sich unbedingt Hilfe, wenn Sie Ihr Lampenfieber nicht von allein in den Griff bekommen! Es bietet sich eine Kombination aus selbstreflexiven und mentalen Techniken an, zusammen mit körperorientierten Techniken wie Atem- und Entspannungsübungen.

Anonymisiertes Fallbeispiel aus der Beratungspraxis des Fürstenberg Instituts. Der Fall wurde mit dem Einverständnis des Betroffenen anonymisiert.

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