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Lebenswerk: Herr der Gläschen

Mit Bio-Babykost hat der gläubige Katholik Claus Hipp die wohl ungewöhnlichste Erfolgsstory der deutschen Wirtschaft geschrieben.

Ein Mann hat eine Idee, und er findet die Idee irre gut. Alle sagen: "Der spinnt, der Hipp." Das ist dem Hipp sehr egal. So überzeugt ist er von seiner Idee. So fest glaubt er an sie, und mit dem Glauben kennt Claus Hipp sich als strammer Katholik aus: "Glauben heißt, etwas für wahr halten, was man nicht weiß."

Tja. Inzwischen weiß nicht nur Hipp, dass seine Idee sehr gut war. Er hat es allen bewiesen. Hipp, 66, ist der Herr der Gläschen, der ängstliche Muttis beruhigt einschlafen lässt, weil sie vertrauen: darauf, dass die Firma mit dem quietschbunten Herzchenlogo ihre Babys wahrscheinlich besser versorgt, als sie es mit ihren selbst angebrannten Möhren und dem übergekochten Milchreis könnten. Besser, weil mit Verstand: Ernährungswissenschaftler komponieren Menüs, Agrarwissenschaftler belehren Bauern, Unkraut wird von Hand gerupft, Reis per Minisauger verlesen, wild wachsende Bananen sind satellitenüberwacht, Kälber dürfen bei ihren Müttern saugen. Die Zutaten werden auf 800 Schadstoffe untersucht, bevor sie ins Glas kommen, zusätzlich durchläuft das Endprodukt 260 Kontrollen.

"Dafür stehe ich mit meinem Namen", sagt Hipp in seinen Fernsehspots. Groß ist er, breitschultrig. Chaotisch steht sein schlohweißer Haarkranz vom Kopf ab. Ohne Krawatte und die Budapester an den Füßen wäre er die perfekte Besetzung von Heidis Großvater, dem Almöhi. Als "Bauer mit feinen Händen" würde er sich einem Blinden beschreiben. Claus Hipp bekommt täglich fotogespickte Mutti-Fanbriefe. "Ich lese sie alle selbst", sagt er, der Marktführer. Nach Hipp kommt der Nestlé-Konzern mit der Alete-Kollektion und die ebenfalls zum Unternehmen gehörende Günstigmarke Bebivita.

Hipp hat also bewiesen,

dass Öko erfolgreich sein kann. Umsatz 240 Millionen Euro, Gewinn im zweistelligen Millionenbereich, 1000 Mitarbeiter, Betriebsstätten in Deutschland, Kroatien, Ungarn, der Ukraine. 3000 Bauern bewirtschaften 15000 Hektar für Hipp. Eine Million Gläschen rollen täglich in seinem Pfaffenhofener Werk vom Band.

Aber dafür gibt es nur den halben Preis. Die andere Hälfte geht an seine Zähigkeit. Für Unternehmer wahnwitzige 32 Jahre lang musste Hipp nämlich darauf warten, dass der Funke seiner Idee auf die Kunden übersprang und sie bereit waren, für Bio etwas mehr zu bezahlen. Es müssen 32 spannungsreiche Jahre gewesen sein: voller Sorgen, Frust - und Hoffnung. In Hipps Erinnerung sind sie verblasst angesichts der dreimal so langen Hipp-Historie.

Weil Claus Hipps Großmutter ihre 1899 geborenen Zwillinge nicht voll stillen konnte, mixte Großvater Joseph, von Beruf Bäcker, aus Kuhmilch und Zwieback einen Babybrei, den er auch seinen Kunden anbot. Claus Hipps Vater Georg machte 1932 daraus ein Unternehmen für Babynahrung. Heute produziert die Firma 207 Artikel, von der Schwangerenergänzungsnahrung "Natal aktiv" bis zum "hippness crisp Müsli". Und Hipp ist nicht nur der bekannteste Bio-Bauer Deutschlands, sondern auch der weltgrößte Verarbeiter von organisch-biologischen Rohstoffen.

War der Weg dorthin

auch steinig, so verliert jedenfalls Hipp kein Wort darüber: "Zweifel hatte ich nie", und danke, "ich schlafe gut. Wenn mein Körper fünf Minuten nicht gefordert wird, stellt er auf Schlaf um". Letzteres ein Wesenszug, der ihm noch immer nützlich ist, wenn er mit eitlen Rednern konfrontiert wird. Seine wichtigste Eigenschaft aber ist sein Glauben: "Er ist wie ein Geländer, an dem ich mich festhalten kann."

Auch die Mitte der 50er Jahre noch irre Bio-Idee entspringt seinem Glauben: daran, dass es einen Gott gibt und seine Schöpfung, die Erde, mit ihrem Reichtum an faszinierenden Lebewesen, ausgeklügelten Naturphänomenen und der Fähigkeit, neues Leben hervorzubringen. Dass der Mensch sich die Erde untertan machen soll, wie in Genesis, Kapitel 1, steht, versteht Hipp als Handlungsanweisung: "Wir dürfen keine Schäden machen, die die kommende Generation nicht mehr beseitigen kann." Hipp erklärt das Prinzip Nachhaltigkeit am Beispiel eines Apfelbaums. Man darf sich die Äpfel nehmen, aber nicht den Baum umhauen. Weil, logisch: kein Apfelbaum - keine Äpfel.

Zu Hipps schönsten Kindheitserinnerungen gehören die Ferien auf dem Bauernhof seiner Großmutter. Im Winter der Geruch des Holzfeuers im Ofen, im Sommer die Arbeit auf der Heuwiese. Er ist das Produkt einer grenzüberschreitenden Liebe. Seine Mutter, Schweizer Bauerstochter, hatte seinen Vater Georg, seit Kindesbeinen mit dem Haustürvertrieb von Babynahrung aus dem Hause Hipp beschäftigt, gegen alle Anstrengungen ihrer Schweizer Sippe geheiratet. Nikolaus nennt sie ihren Ältesten - nach dem Heiligen Nikolaus von der Flühe, den sie um Unterstützung in Sachen Liebe gebeten hat. Gerufen wird er Claus. Fast noch größer als die Liebe zu ihrem Gatten ist ihre Liebe zur Natur. Wenn der Sohn aus Spaß Gras rupft, zieht sie ihn an den Haaren, "so fühlt sich das für die Pflanzen an".

Seine Kinderjahre

sind Kriegsjahre: Er verbringt sie teils in Pfaffenhofen, wo sein Vater Georg den "kriegswichtigen Betrieb" führt, und teils in Münchner Luftschutzkellern. Der Onkel sitzt im KZ, weil Hitler ihm übel nimmt, dass der ihm Jahre zuvor als Bürgermeister von Regensburg mal Redeverbot erteilt hat. Die Pfaffenhofener wissen das und benehmen sich so eklig, dass der Vater bis 1945 sein Unternehmen von München aus leitet.

Nach dem Krieg kommt fast der Untergang: die Währungsunion. In Erwartung demnächst ausbrechender Konsumfreude stapelt der Vater die Lager voll. Aber als die blitzblanke D-Mark kommt, ist die Ware veraltet und Hipp so gut wie pleite. Quasi in letzter Sekunde ergattert der Vater bei den Amis einen Auftrag: Er soll die Schulspeisung mischen. Verabredet wird ein Prozent "Schwund" so wertvoller Zutaten wie Milchpulver und Kakao. Dieses eine Prozent hilft der Hipp-Sippe wieder auf die Beine - mittlerweile hat Nikolaus fünf Geschwister.

Die Begegnung seines Lebens hat Claus Hipp mitten in der Spätpubertät. Wie es sich für solche Begegnungen gehört, hat sie das Schicksal eingefädelt, und sie erfolgt auf Umwegen. 1954 erkrankt ein Geschäftsführer. Er geht zum Arzt, und das ist zufällig der Schweizer Müsli-Papst Doktor Bircher-Benner. Der verschreibt dem Geschäftsführer - was wohl? Genau: Müsli.

Der Hippsche Unternehmermut führt zur Idee, den Schweizern Bircher Müsli zu verkaufen. Das muss aus naturreinem Getreide gemixt werden. An das ranzukommen ist in den 50er Jahren ein Riesenproblem, es wird gesprüht und gestreut, was die Chemieindustrie hergibt. Wer damals saubere Feldfrüchte suchte, konnte eigentlich nur bei einem landen: Hans Müller, Ex-Lehrer, Schweizer Nationalrat und angefeindeter Begründer des organisch-biologischen Landbaus. Bei dem bleibt der junge Hipp kleben. Nächtelang hört er Müllers Predigten: wie die Chemie die Kleinbauern in den Suff treibt, wie sie die Erde verseucht und den Menschen. Hipp lernt, ein Agrarstudium im Zeitraffer, wie ökologische Landwirtschaft geht: mit abwechslungsreicher Aussaat auf den Feldern, mit Nistplätzen für Vögel als natürliche Schädlingsbekämpfer und mit Charakterstärke. "Er hat mir beigebracht, wie sehr man angegriffen wird, wenn man einen anderen Weg geht. Stark wird man, wenn man das Rechte tut."

Da trifft es sich, dass die Eltern bei Pfaffenhofen einen alten Hof gekauft haben. Claus bekommt die Geschäftsführung übertragen. Mit Feuereifer stürzt er sich in die Mission, stellt den Betrieb auf Bio um und bequatscht die Bauern der Umgebung, die ihm fast alle den Vogel zeigen. Leider muss er dann auf dem eigenen Hof Säcke voll Chemie entdecken - der Verwalter hat sie versteckt. Vom Gymnasiasten zur Rede gestellt, erweist sich der 18 Jahre Ältere "als Sturkopf". "Du müsstest den entlassen", sagt Hipp zu seinem Vater. Und der: "Wieso ich? Du bist der Geschäftsführer." Hipp feuert den Verwalter.

Die nächste unerfreuliche Begegnung hat Hipp - das heißt, eigentlich sein Pferd - 1967 mit einer jungen Dame namens Ute, Turnierreiterin. Das Pferd tritt sie. Sein Besitzer schickt zur Entschuldigung Blumen. Die Empfängerin lässt den Strauß vertrocknen. Hipp schickt noch einen. Inzwischen sind sie ein eingespieltes Team und Eltern von fünf Kindern. Ute Hipp managt neben der Familie den Bauernhof mit 20 Pferden und 80 Kühen. Nur die Söhne, Stefan und Sebastian, sitzen, neben Claus Hipps Brüdern, in der Geschäftsleitung.

Tradition ist fast alles

bei den Hipps, nur wer sich bewusst ist, wo er herkommt, schlägt den richtigen Weg ein. Die Möbel in der obersten Etage der Firma sind oft wuchtige, Patina-überzogene Hinterlassenschaften aus der ahnenreichen Verwandtschaft. Wer hier sitzt, hat den Wappenspruch der Familie quasi schon mit dem Babybrei geschluckt: "Fürchte Gott, tue recht, scheue niemanden." Ein guter Unternehmer ist nur, wer auch ein guter Christ ist. Das klingt toll, führt aber zu Konflikten: 1993 wollte Drogeriekönig Anton Schlecker Hipps Preise drücken. Die Schlecker-Preise hätten bedeutet, Banales statt Bio in die Gläschen zu füllen. Nicht mit Hipp. Er nahm es hin, aus den Regalen zu fliegen. Umsatzrückgang 20 Prozent, 300 Mitarbeiter entlassen. Zwei Jahre später war der Spuk vorbei, Schlecker konnte doch nicht auf die teureren Hipp-Gläschen verzichten.

Getragen von der Annahme, dass Gott nichts gegen Wettbewerb hat, weil der ja "für die Menschen viel Gutes hervorbringt", hat Hipp auch sonst ein gutes Geschäftsmann-Gewissen, zahlt seine Steuern in Deutschland und hält sich an die Vorschriften, auch wenn er findet, dass es hierzulande zu viele gibt. Seine Firma wird mit Biomasse geheizt, in der Kantine gibt es Wasser aus der eigenen Quelle, und am Aufzug hängt ein Schild mit der Aufforderung, zu Energiesparzwecken die Treppen zu nehmen, was von denen, die rund um Hipp in der dritten Etage arbeiten, freundlich ignoriert wird.

Zwei Stunden mit Hipp, und man beginnt, den weißen Haarkranz für einen Heiligenschein zu halten. Auf Löchern reagiert er mit Lächeln, ihm unangenehme Fragen beantwortet er offen, aber stets mit dem Zusatz: "Bitte schreiben Sie das nicht." Etwa, dass Hipp die Adressen junger Eltern beim Standesamt einsammelt und sie dann mit Proben eindeckt. Kritik ärgert ihn, "weil sie unberechtigt ist". Grundsätzlich. Zankereien, behauptet er, gebe es nicht im Hause Hipp - dank seines Harmoniebedürfnisses. Es sei nicht immer einfach gewesen, mit und unter diesem Vorbild zu leben, berichtet sein jüngerer Bruder Paulus. In der Firma treffen sich die Brüder täglich, privat gehen sie sich aus dem Weg. Sohn Sebastian, 33, bewundert den Vater als Visionär und schnell Entschlossenen. "Er sagt immer: "Lieber zehn Entscheidungen schnell und ein paar falsch als zu lange warten.""

Dafür ist Nikolaus Hipp viel zu beschäftigt. Morgens um sechs besteigt er seinen alten Mercedes der E-Klasse, der knapp 550 000 Kilometer runter hat und natürlich mit Pflanzenöl betankt wird, schließt auf dem Weg zur Firma die Kapelle Herrenrast auf, dann folgen Arbeit, Sitzungen und gelegentliche Ausflüge zu seinen Bauern und Produktionsstätten. Abends um fünf begibt er sich in ein Forsthaus, sein Refugium, zieht Bienenwachskerzen, versorgt die Katzengemeinde dort und malt an seinen abstrakten, harmonischen Bildern, die ihm jährlich bis zu 100000 Euro einbringen. Welche Hipp wohltätigen Zwecken zuführt. Außerdem ist er ordentlicher Kunstprofessor an der Uni in Tiflis, Oboist in einem Münchner Laienorchester und Mesmer der Kapelle, die er auf dem Weg nach Hause wieder abschließt, nachdem er den Müll der Besucher aufgelesen hat. Gegen halb elf ist der Biodynamiker am Ende. Hipp geht ins Bett.

Beate Flemming / print