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Lehrerausbildung: Traumberuf Lehrer?

Ihr Ruf könnte kaum schlechter sein: Nicht erst seit der Pisa-Studie gelten Lehrer als überbezahlte "faule Säcke". Doch so attraktiv, wie viele meinen, scheint der Lehrerberuf nicht zu sein.

Ihr Ruf könnte schlechter kaum sein: Nicht erst seit der Pisa-Studie gelten Lehrer als überbezahlte "faule Säcke". Doch so attraktiv, wie viele meinen, scheint der Lehrerberuf nicht zu sein: Schon jetzt sind kompetente Lehrkräfte je nach Fächern und Schulart Mangelware.

Ihr Ruf könnte schlechter kaum sein: Nicht erst seit der Pisa-Studie gelten Lehrer als überbezahlte "faule Säcke", die jede Menge Ferien und außerdem noch nachmittags frei haben. Dass Pädagogen derzeit mit durchschnittlich 60 Jahren in Pension gehen, und ein Großteil den Schuldienst bereits deutlich früher wegen psychosomatischer Probleme quittiert, trägt zusätzlich dazu bei, das Bild vom arbeitsscheuen Lehrer zu verbreiten.

Doch so attraktiv, wie viele meinen, scheint der Lehrerberuf nicht zu sein: Schon jetzt sind kompetente Lehrkräfte je nach Fächern und Schulart Mangelware - bis 2015 werden nach Berechnungen der Kultusministerkonferenz (KMK) rund 74.000 Lehrer fehlen. Die Folge: "Wir werden in den nächsten Jahren nahezu jeden nehmen müssen" - egal wie gut oder schlecht er qualifiziert sei, sagt Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbands (DL).

Pädagogenausbildung - jede Menge Reformbedarf

Doch auch bei der Ausbildung besteht nach Ansicht vieler junger Lehrer dringend Reformbedarf: "Das Studium ist viel zu verkopft - die Pädagogik kommt viel zu kurz", kritisiert etwa die 30-jährige Gymnasiallehrerin Daniela aus der Nähe von Heidelberg. Und auch fachlich habe das abstrakte Studium mit dem Schulalltag nur wenig zu tun, sagt sie. "Das, was man in der Schule macht, muss man sich komplett neu aneignen."

Dass er nicht wirklich wusste, worauf er sich als Lehrer einließ, musste auch der 33-jährige Bernd erfahren. Erst zu Beginn des zweijährigen Referendariats wurde ihm bewusst, dass er massive Schwierigkeiten hatte, sich vor 30 pubertierenden Schülern Respekt zu verschaffen. Eine Erkenntnis, die für ihn - wie auch für viele andere - zu spät kommt.

Lehrer übernehmen quasi Sozialarbeiterfunktion

Ein solcher Realitätsschock trifft vor allem die angehenden Gymnasiallehrer, die nicht wie ihre Kollegen für die anderen Schularten an Pädagogischen oder Erziehungswissenschaftlichen Hochschulen ausgebildet werden. Mittlerweile haben viele Länder Lehramtsstudium und Schule etwas besser verzahnt und schreiben für Studenten mehrwöchige Schulpraktika oder Praxissemester vor, wie Kraus berichtet.

Aber auch der zunehmenden Gewalt an vielen Schulen fühlen sich junge Lehrer nicht gewachsen. Wie massiv die Schwierigkeiten gerade für Berufsanfänger sind, zeigt die Erfahrung eines Berliner Referendars, der im Internetforum "referendar.de" von seinen ersten Schulerfahrungen berichtet: Die Schüler sperrten ihn wiederholt in einen Schrank und zündeten seine "Buddenbrooks"-Ausgabe auf dem Schulhof an. Ein Problem, mit dem auch erfahrene Lehrer erst umzugehen lernen müssen: "Da ist man nicht darauf vorbereitet, dass man quasi Sozialarbeiterfunktion mit übernimmt", sagt auch die 51-jährige Anette, die in der Nähe von Frankfurt an einer Grundschule mit hohem Ausländeranteil unterrichtet.

Schwächen der Schüler werden nicht genug erkannt

Ein Problem vieler Lehrer sieht Kraus auch in der "mangelnden Fähigkeit, die Schwächen ihrer Schüler zu erkennen". Hier habe Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern noch deutlich Nachholbedarf. Und auch in Sachen "schüleraktivierende Maßnahmen" wie Gruppen- und Partnerarbeit könnten die Deutschen ihren Kollegen im Ausland noch einiges abschauen.

Von der Europäisierung der Lehrerausbildung in Form einer Zweiteilung in Bachelor- und Masterstudiengängen, wie sie bereits in einigen Bundesländern erprobt und zum Teil schon eingeführt wurde, hält Kraus allerdings nichts. "Damit würden wir die Vorteile des schulformbezogenen Studiums in Deutschland aufs Spiel setzen", sagt er. Und damit sei Deutschland, dessen Schulsystem sich von dem anderer europäischer Länder zum Teil massiv unterscheide, bislang "nicht schlecht gefahren".

Experten warnen vor Schnellschüssen

Von Schnellschüssen bei der Reform der Lehrerausbildung hält auch der münsteraner Pädagogikprofessor Ewald Terhart, der für die KMK die Lehrerausbildung untersucht hat, nicht viel. Zwar habe es "seit 1999 in fast allen Bundesländern Reformprojekte" gegeben, sagt er. "Bislang sind die verschiedenen Konzepte jedoch noch nicht auf ihre Wirksamkeit überprüft worden." Diesem "Feld von Einschätzungen und Hoffnungen" müssten dringend empirische Erkenntnisse entgegengesetzt werden. Und auch bei der "völlig unterbelichteten" Lehrerfortbildung sieht der Pädogogik-Experte dringend Handlungsbedarf.

Vor allem gelte es jedoch, auch für Lehrer Bildungsstandards zu schaffen, fordert Terhart. Die Chancen, dass sich die Kultusminister der Länder darauf einigten, stünden gut. "Die Vorlagen gibt es schon." Und Dank des Pisa-Schocks sei mittlerweile auch das Bewusstsein bei den Ländern da, "dass man sich verständigen muss".

Mirjam Söchtig, AP