HOME
Interview

Nach Tod von DJ Avicii: Scooter-Mitglied Michael Simon: "Man wird nonstop mit Drogen und Alkohol konfrontiert"

Der Tod von Star-DJ Avicii schockte am vergangenen Wochenende nicht nur Fans des Ausnahmekünstlers. DJ und Scooter-Mitglied Michael Simon ist seit 30 Jahren im Geschäft. Mit dem stern sprach er über die Schattenseiten eines Traumberufes. 

Avicii Michael Simon

Michael Simon feiert mit H.P. Baxxter (r.) und Scooter in diesem Jahr 25-jähriges Bandjubiläum. Als DJ ist er seit 30 Jahren im Geschäft. Auch für ihn war der Tod von Avicii ein Schock. 

Picture Alliance

Herr Simon, nach Aviciis Tod geben viele der Elektro-Szene die Schuld. Wie sehen Sie das?

Natürlich ist es ein harter Job. Man muss viel reisen, ist viel unterwegs. Und man wird nonstop mit Drogen und Alkohol konfrontiert. Das Angebot ist immer da. Du kannst dich den ganzen Abend betrinken und mit einem Kater durch die Welt reisen. Ich kenne genug DJs, die das tun oder getan haben. Und viele sind daran kaputt gegangen oder sogar gestorben. Ich hatte einen Kollegen, der viel aufgelegt hat und Gelbsucht hatte aufgrund der Drogen. Der ist daran gestorben. Aber jeder Künstler muss selbst sehen, wann er sich ausklinken muss. Ich selbst habe für mich irgendwann entschieden, das nicht zu tun. Und nur deshalb kann ich den Job schon so lange machen und bin mit Mitte 40 immer noch dabei. Ich bin nur gesund, weil ich mich von den Dingen distanziert habe. Klar, trinke ich auch mal Alkohol, aber ich gehe nicht sturzbetrunken auf die Bühne. Das ginge gar nicht. Man kann immer leicht sagen, dass die Szene Schuld ist. Aber die Künstler sind für sich selbst verantwortlich.

Avicii soll innerhalb von drei Jahren 700 Shows gespielt haben. Wie ist der Alltag als DJ?

Auch ein Steve Aoki spielt so viele Konzerte im Jahr. Das ist absurd. Ich kann mir das nicht vorstellen. Wir reisen zwar oft im Privatjet, wohnen in Fünf-Sterne-Hotels, fahren in Limousinen rum – und trotzdem, selbst wenn ich nichts trinke, ist eine Reise anstrengend genug. Unsere Konzerte sind überall auf der Welt. Da steigt man nicht eben in einen Flieger nach Mallorca und ist in zwei Stunden da. Wir sind teilweise acht, neun, zehn Stunden unterwegs. Wenn man dann keinen Ausgleich hat und ein paar Tage die Woche zuhause verbringt, dann geht man schnell kaputt. Das kann der menschliche Körper gar nicht aushalten. 300 Tage im Jahr, an denen man betrunken ist, reist und auftritt – das ist eine tickende Zeitbombe!

Geht sowas nur mit Drogen?

Natürlich muss man sich dann aufpushen. Man steht vor vielen Menschen, und die Verlockung ist groß, sich was reinzuziehen. Ob Drogen oder Alkohol. Ich habe die Dokumentation auf Netflix über Avicii gesehen und mich gefragt: Warum tut er sich das an? Finanziell hat er es nicht mehr nötig gehabt. Aber da macht wahrscheinlich das Management Druck. Immerhin verdienen ja alle Menschen, die dich auf Tour begleiten, an dir mit. Die sind alle von dir abhängig.  

Ist das ein spezielles Problem der Elektro-Szene?

Nein, das ist wohl bei einem Festival-Rock-DJ nicht anders. Die müssen auch Party machen. Ich habe als Resident-DJ teilweise acht, neun Stunden am Stück aufgelegt. Heute könnte ich das nicht mehr. Will man wirklich jahrelang dabei bleiben, muss man realisieren, dass das ein Beruf ist und es als Beruf wahrnehmen. Nur so geht es.

Was ist die Gefahr bei den Festivals?

Die Fans und Besucher zahlen unglaublich viel Geld, freuen sich auf den Abend. Die erwarten, dass du eine gewisse Show hinlegst. Die DJs von heute stehen nicht mehr cool an ihrem Pult, wie man es von Underground-Techno-DJs kennt. Die tanzen und springen über die Bühne. Und die Menschen, die viel Geld für Tickets bezahlen und für die das ein Highlight im Jahr ist, wollen unterhalten werden. Der Unterschied ist: Der Künstler macht das dann 300 Mal im Jahr, der Fan vielleicht ein- bis zweimal.

Wie leicht ist es, an Drogen ranzukommen?

Wenn du fragst, kannst du alles haben. Das ist das kleinste Problem. Backstage steht alles zur Verfügung. Man sagt vorher, was man haben will. Wenn ich sage, ich will Orangensaft, dann steht da Orangensaft. Aber wenn ich sage, ich will Bier, Champagner und Wodka, steht das auch da. Gerade wenn man jung ist, will man mit allen feiern. Das macht Spaß, man will Mädels aufreißen, man möchte die Welt sehen. Aber du musst auch Nein sagen können und einen starken Charakter haben. Es ist kein Job für Weicheier.

Wird es mit den Drogen schlimmer?

Drogen haben immer alle genommen. Schlimmer ist es nicht geworden. Aber früher hat man vielleicht mal einen Joint geraucht und sich eine LSD reingeschmissen – heute gibt es mehr Vielfalt und viel mehr Chemie.

Inwiefern ist es leichter, sich dagegen zu wehren, wenn man länger dabei ist?

Man muss sich natürlich erarbeiten, "Nein" sagen zu können. Am Anfang habe ich natürlich auch alles probiert. Ich war jung, ich war neugierig. Da sind Drogen, Alkohol, Mädels. Und es fängt ja häufig als ein Hobby an. Als ich 1988 angefangen habe, war das eine kleine Bewegung. Als ich meinen Freunden erzählte, ich wolle DJ werden, haben mich alle ausgelacht. Dann habe ich auf einmal damit Geld verdient. Und dann kamen diese ganzen Raves, "Tomorrowland", die "Love Parade", und aus einer kleinen Bewegung wurde etwas Riesiges. Und wenn es dann zum Beruf wird, ist die Party eigentlich vorbei. Oder sollte es zumindest sein.

Gab es da für Sie einen Aha-Moment?

Ja, relativ früh am Anfang. Da hatte mir jemand eine Ecstasy-Tablette ins Glas getan beim Auflegen. Und aus irgendeinem Grund hatte ich von dem einen Ding einen absoluten Horrortrip. Das hat mir Angst eingejagt, und ich hatte von da an großen Respekt vor den Drogen. Ich wollte mich nicht wieder so fühlen. Für mich war das ein Schockmoment. Und natürlich war es auch schockierend, immer zu sehen, wie andere durch die Drogen kaputt gegangen sind. Ich habe in der Zeit auch ein paar Freunde verloren, die exzessiv gefeiert haben und gestorben sind. Heute gehe ich fünf Mal in der Woche joggen, esse gesund und passe auf mich auf. 

Wird man zum Außenseiter wenn man nicht mitmacht?

Ja klar, das ist natürlich so. Wenn ich abends sage, dass ich nichts trinke, weil ich sowieso schon müde bin, oder am nächsten Tag eine lange Reise ansteht, dann sind da schon immer Leute, die einen zum Trinken drängen. Es ist ja immer eine Horde Menschen um einen herum. Da werden dir immer wieder Drinks angeboten und wenn man sie nicht nimmt, ist man natürlich langweilig. 

Gab es da ein besonders krasses Erlebnis in Ihrer Karriere?

Als ich 16 war, hatte ich meinen ersten DJ-Auftritt. Als ich in die Disko gekommen bin, stand da der Besitzer und hielt mir ein Tablett mit Koks hin. "Hier, nimm doch mal", sagte er zu mir. Das war schon schamlos. Ich hab das Angebot abgelehnt. Ich hatte damals Angst, weil ich Koks noch mit Heroin verglichen habe und dachte, ich würde sofort abhängig werden, wenn ich das probiere. 

Vermutlich sind da auch keine Eltern, die auf die jungen Leute aufpassen?

Nein, Quatsch. Du kannst machen was du willst. Das interessiert auch keinen. Woher sollen die Eltern das auch wissen. Und du musst es vielleicht auch mal mitmachen, um zu sehen, dass es auf Dauer nicht funktionieren kann.

Avicii galt als sehr nett. Vielleicht zu nett?

Das kann ich mir schon vorstellen. Vielleicht hat er sich auch dazu zwingen lassen. Und das ist ein Problem, weil die Entourage ein Nein oft nicht akzeptiert.

Man hat gelesen, Avicii sei teilweise auf die Bühne gekrochen. Hat Sie das überrascht?

Ich weiß natürlich nicht, ob das so stimmt. Ich habe noch nicht erlebt, dass jemand krank vor mir auf die Bühne gekrochen ist. Dass Künstler sturzbetrunken auf die Bühne gegangen sind, habe ich natürlich schon mitbekommen. Am Anfang habe ich auch vor den Auftritten getrunken. Heute tue ich das gar nicht mehr, weil ich die absolute Kontrolle haben will, während ich auflege.

Inwiefern spüren Sie den Druck von Veranstaltern und Managern?

In der Branche herrscht natürlich ein großer Druck, da die Veranstaltungen eine hohe Investition sind und Headliner-DJs wie Avicii dafür sorgen, dass eine Veranstaltung ein Erfolg wird. Für Veranstalter zählt natürlich der Profit, wie in jeder anderen Branche. Nur sollte das Menschliche nicht unberücksichtigt bleiben. Da steht ein Manager unter ganz besonderem Druck, seinen Schützling sehr bewusst zu vermarkten, ohne ihn auszuverkaufen und seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Das ist sicher eine verantwortungsvolle und wichtige Aufgabe. 

Wie viele Auftritte haben Sie im Jahr?

Dieses Jahr haben wir viele Auftritte, weil wir 25-jähriges Scooter-Jubiläum haben. Mit DJ-Auftritten sind es vielleicht so 100 in diesem Jahr. Das ist immer noch genug, um sich kaputt zu machen. Das kann ich nur, weil ich konditionell fit bin.

Hilft es, dass Sie eine Gruppe sind?

Es ist gut, weil man nicht alleine reist. Es ist ein bisschen wie in einer Familie. Ist man alleine, kann das schon deprimierend sein. Alleine im Flieger, alleine im Hotelzimmer. Dann kommt man in den Club, wo alle am Feiern sind, und ist auch da alleine.

Avicii ist jetzt in einer Ruhephase gestorben, er war im Urlaub, hat sich eigentlich erholt.

Das sind die Nachwirkungen von einem Leben auf der Überholspur. Davon kannst du dich irgendwann nicht mehr erholen, wenn der Körper kaputt ist.

Zum Tod des Weltstars: Felix Jaehn: Ohne Avicii wäre ich nicht, wo ich heute bin