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Lehrstellenmarkt: Mangelhaft in Deutsch und Mathe

Tausende Firmen suchen Auszubildende, können aber keine guten Kandidaten finden. Für Ulrich Brocker vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall ist die Ursache klar: Viele Jugendliche sind nicht ausbildungsreif. In einem Gastbeitrag für stern.de schreibt er über mögliche Lösungen und die Verantwortung der Wirtschaft.

Während Politik und Wirtschaft aufgrund des Ausbildungspaktes seit 2004 alles tun, um die Zahl der Ausbildungsplätze zu steigern, erreichen uns in diesen Tagen immer häufiger Nachrichten, dass viele Unternehmen keine Bewerber mehr finden. Die Zahl der Schulabsolventen geht stark zurück, und dieser Sachverhalt wird durch ein qualitatives Problem verschärft: Seit Jahren fehlen zu vielen Schulabgängern die Mindestvoraussetzungen, um eine Ausbildung beginnen zu können.

Rund 78.000 junge Menschen verlassen Jahr für Jahr die Schule, ohne zumindest einen Hauptschulabschluss in der Tasche zu haben. Das sind acht Prozent der 15- bis unter 17-Jährigen, die - wenn überhaupt - nur noch dank zusätzlicher Qualifizierungsmaßnahmen eine Ausbildung absolvieren können. Im Übrigen sind Jungen davon stärker betroffen als Mädchen, ausländische Jugendliche bleiben sogar doppelt so häufig ohne Schulabschluss wie deutsche.

Doch auch ein Schulabschluss garantiert noch keine Ausbildungsreife: Weitere zehn Prozent eines Jahrgangs haben keine ausreichenden Kenntnisse in den Kernfächern Deutsch und Mathematik. Besonders betroffen sind wiederum Jugendliche mit problematischem sozialem Hintergrund. Daran hat sich seit Jahren nichts geändert, und eine stärkere Entkoppelung von familiärer Herkunft und Bildungserfolg wird auch für die Zukunft nicht von alleine stattfinden. Leider macht sich auch und gerade hier bemerkbar, dass manche Eltern ihren Erziehungsauftrag nicht mehr erfüllen wollen oder können.

Staat muss Ausbildungs-Qualität sicherstellen

Die bevorstehenden Pensionierungswellen bei den Lehrern werden das Problem eher verschärfen. Denn die Schulen werden ihre Anstrengungen darauf konzentrieren, erst einmal den Unterrichtsbetrieb überhaupt sicherzustellen. Für eine Qualitätsverbesserung etwa durch eine bessere Betreuung wird es zumindest dann nicht mehr reichen. Diese Qualität sicherzustellen, ist aber eine staatliche Aufgabe.

Es sähe noch kritischer aus, würden nicht schon seit Jahren die Wirtschaft und ihre Verbände in die Bresche springen. Mehr als 43.000 Plätze wurden für die Einstiegsqualifizierung (EQ) zur Verfügung gestellt. Drei Viertel der Jugendlichen, die diese Chance nutzten, wurden danach in ein Ausbildungsverhältnis übernommen.

Ganz besonders die Metall- und Elektro-Industrie und ihre Verbände haben auf diese Schwachpunkte in den letzten Jahren reagiert. Sie haben viele Initiativen ins Leben gerufen, um die Ausbildungsfähigkeit zu verbessern, die Ausbildung zu modernisieren und den Firmen bei der Ausbildung selbst zu helfen.

Motivation aus der pratischen Anwendung

Allein die Verbände der Metall- und Elektro-Industrie unterstützen mit rund 500 Projekten die Aktivitäten der Unternehmen. Dafür geben sie etwa 45 Millionen Euro im Jahr aus. Die Aktivitäten reichen von Physik im Kindergarten über InfoMobile für die Schulen, Ausbildungsverbünde, gemeinsame Lehrwerkstätten und Aktionen für den Ingenieurberuf bis zu Weiterbildungsmaßnahmen. Allein durch die Qualifizierungsmaßnahmen sind in den letzten Jahren viele tausend zusätzliche Arbeitsplätze entstanden. Die Erfahrungen mit dieser Förderung sind sehr positiv.

Sie zeigen vor allem, dass Jugendliche sehr wohl zum Lernen zu bewegen sind. Ihre Motivation kommt aus der praktischen Anwendung des Lehrstoffes zum Beispiel in einem Betrieb, hier erfahren sie, wofür sie lernen. Der Schlüssel, Jugendliche in einer reizüberfluteten Welt zu motivieren, liegt also in einem stärkeren Praxisbezug des Schulunterrichts. Ergänzend dazu sind Politik und Sozialpartner aufgerufen, geeignete Berufsbilder für Jugendliche mit praktischer Begabung und theoretischen Schwächen zu entwickeln.