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Mathe-Akademie für Grundschuleltern Mathe-Coach: "Ich vermittle Eltern ein Fundament, mit dem sie Mathe begreifbar machen können"

Mutter und Tochter sitzen mit farbigen Klötzchen am Tisch
Wenn Mengen visualisiert werden, etwa durch Bauklötzchen, lernen Kinder Zahlenräume besser einzuschätzen
© LightFieldStudios / Getty Images
Wie schwierig es für Eltern ist, den Präsenzunterricht in der Schule zu ersetzen, haben viele während der Lockdown-Zeiten zu spüren bekommen. Der Kölner Mathe-Profi Torsten Landwehr hat für sie nun eine Akademie zusammengestellt, die Spaß ins Lernen bringt – ohne Lockdown noch viel mehr.

Mathematik gehört zu den Schulfächern, vor denen viele Kinder regelrecht Panik entwickeln. Der Stoff will einfach nicht in ihren Kopf, jede Aufgabe scheint nur dazu da zu sein, sie zu quälen. Der Kölner Mathe-Coach Torsten Landwehr kennt das Problem, er ist Gründer und Leiter des Rechentherapiezentrums Köln und Kopf von Mathevision.de, einem Projekt für alle Schüler:innen und Erwachsene mit Mathestress. Seit mehr als 25 Jahren hilft er mit seinem Programm, egal, ob es sich um kleinere Schulprobleme oder schwere Dyskalkulie handelt. Sein neuester Coup ist eine Mathe-Akademie für Grundschuleltern. Auf die Idee kam er während der Corona-Pandemie, als er feststellte, wie praxisfern Kinder im Distanzunterricht lernen müssen. Oft erhalten sie Aufgabenzettel, die sie bearbeiten müssen, und das war's.

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Landwehr weiß, dass das Verständnis für Mathe ganz anders beginnen muss: anschaulich und im Wortsinn beGREIFbar. Seine Hilfsmittel findet er dafür im Haushalt: eine analoge Uhr, eine analoge Waage, ein Quecksilberthermometer, einen Zollstock zum Beispiel. Durch analoge Geräte lernen Kinder, Zahlenräume einzuschätzen, in der digitalen Welt sind diese nicht sichtbar. Was zeitaufwendig klingt, ist ganz das Gegenteil. Das Lernen mit den Eltern beginnt dann zum Beispiel durch die Integration in den Haushalt, vom Tischdecken (Teller und Besteck zählen) übers Backen (wiegen und messen) bis hin zum gemeinsamen Einkauf (kopfrechnen). "Selbst auf jedem Spaziergang lassen sich Matheaufgaben erfinden, die den Kindern Spaß machen", sagt Landwehr. Wie das geht (und einiges mehr), lernen Eltern in seiner Akademie. Der stern hat mit Torsten Landwehr gesprochen.

Sie haben eine Mathe-Akademie für Grundschuleltern zusammengestellt, online und in Form von Videos. Erreicht man online und mit Videos nicht eher Kinder und Jugendliche als Eltern?

Spätestens seit der Corona-Zeit haben Erwachsene einen anderen Zugang zu Onlinevideos bekommen und sind sehr viel aufgeschlossener dafür. Sie wissen es nun sehr zu schätzen, auch bequem von zu Hause aus Lehrinhalte konsumieren zu können. Wir haben unsere Arbeit im Rechentherapiezentrum während der Pandemie komplett auf Onlineförderung umgestellt, da war die Resonanz anfangs etwas zurückhaltend, mittlerweile ist das ganz normal und total akzeptiert.

Torsten Landwehr
Torsten Landwehr hilft seit mehr als fünfundzwanzig Jahren Kindern und Erwachsenen dabei, ihre Probleme in Mathe zu überwinden. Bevor bei ihm zu Stift und Papier gegriffen wird, steht immer erst einmal an, Mathematik mit simplen Alltagsgegenständen und in Rollenspielen lebendig werden zu lassen. So können auch "hoffnungslose Fälle" noch die Kurve kriegen. Er ist Gründer und Leiter des Rechentherapiezentrums Köln, einer überregional bekannten Einrichtung für Schüler und Erwachsene mit Dyskalkulie (online und offline).
© Karena Pallgen

Können Eltern so schlecht rechnen, dass sie Nachhilfe in Grundschulstoff brauchen?

Nein, ich bringe den Eltern ja nicht das Rechnen bei, sondern vermittle ihnen ein Fundament, mit dem sie Mathe begreifbar machen können. Das führt für sie zu einer zeitlichen Entlastung – das ist das Wichtigste, denn Eltern waren in den vergangenen anderthalb Jahren arg gebeutelt. Sie wurden als Hilfslehrer eingesetzt, ohne zu wissen, wie sie Mathe erklären sollen. Ich habe viele überforderte Eltern erlebt, die gesagt haben: "Obwohl wir täglich üben, klappt nichts." Dabei haben sie sehr viel Zeit, Nerven und Energie da hineingesteckt – was oft zu Stress führte.

Sie duzen die Eltern in Ihren Videos und erklären den Zugang zu den Grundrechenarten sehr simpel und visualisiert. Verstehen Eltern sonst nicht, worauf es ankommt?

Das Duzen ist in der Gesellschaft mittlerweile so etabliert, dass ich mich dafür entschieden habe. Auch weil Studien belegt haben, dass die Ansprache per Du einen höheren Wissenstransfer ermöglicht. Zunächst hatte ich überlegt, Videos für Kinder zu machen, dabei fehlte aber eine wichtige Komponente: Mathe wird eigentlich über Handeln, über Gegenstände und Anschauungsmaterial gelernt, und das ist durch die Schulschließungen seit Corona fast völlig unter den Tisch gefallen. Die Kinder lernen also eigentlich nur noch wie Automaten – ohne das Verständnis, wie ein Thema funktioniert. Sie lernen Rechenstrategien, aber begreifen sie nicht.
Ich möchte erreichen, dass die Kinder dieses anschauliche Lernen jetzt durch die Eltern nachgereicht bekommen, weil das in meinen Augen der größte Mangel ist, der in Mathe durch Corona entstanden ist: das Fehlende begreifen können. Deshalb versuche ich, die Eltern ins Boot zu holen. Diese Lücke kann in meinen Augen normale Nachhilfe nicht schließen. Hier können die Eltern einsteigen und Mathematik mehr in den Alltag integrieren, daher sind es nun Videos für Eltern geworden, in denen erklärt wird, wie das ganz einfach geht. Außerdem sind die Kinder seit der Pandemie so gesättigt davon, vorm Computer zu sitzen und sich Videotutorials anzugucken, dass sie die persönliche Ansprache viel dringender brauchen. 

Haben die Lehrer:innen denn vor Corona anschaulich unterrichtet? In meiner Schulzeit habe ich das nur bei einem Mathelehrer erlebt, in Geometrie.
Jein.Es gibt Lehrer:innen und Schulen, die ganz hervorragende Arbeit in Mathe machen, es gibt aber auch viele Kinder, die fast überhaupt nicht in den Genuss von anschaulichem und handelndem Matheunterricht kommen. In großen Klassen mit 25 oder 30 Kindern liegt es da vor allem am Geschick des oder der Lehrer:in. Dabei ist das die Basis für echtes Matheverständnis.
Aktuell erlebe ich jedoch noch mehr Kinder, die – gerade in der Grundschule – zwar in Tests Einsen und Zweien schreiben, aber eigentlich gar nicht verstehen, wie die Rechenwege funktionieren. Das liegt daran, dass vor allem das Ergebnis und nicht der Rechenweg über die Note entscheidet. Dabei sind die Wege eigentlich wichtig. Um zu erkennen, ob ein Kind Mathe wirklich versteht, gibt es in der Mathe-Akademie drei Videos mit entsprechenden Unterlagen für einen Mathecheck. Damit können Eltern das überprüfen.

Ihr Onlinekurs aus sechs Modulen mit 31 Lektionen kostet knapp 150 Euro und dauert rund dreieinhalb Stunden. Was unterscheidet ihn von kostenlosen Youtube-Videos?

Ich finde, auf Youtube gibt es extrem viele sehr, sehr gute Dinge. Was ich dort nicht finde, ist eine gewisse Chronologie, sodass man ein Gesamtpaket hat. Hinzu kommt, dass ich seit mehr als 25 Jahren in diesem Bereich tätig bin und nach einem Konzept arbeite, das ich so noch nie auf Youtube gesehen habe: Es steht immer die Praxis, mit konkreten Dingen in realen Situationen zu arbeiten, im Vordergrund, und die wird dann immer weiter abstrahiert. Hinzu kommt das gemeinsame Forschen mit dem Kind. Das hat mich auf die Idee gebracht, eine richtige Akademie daraus zu machen, für die Eltern zahlen. 
Auf Youtube gibt es aber Leute wie Daniel Jung oder Lehrer Schmidt, die inzwischen auch Pakete verkaufen, wo man so was kauft wie "8. Klasse" oder ein bestimmtes Thema. Aber alles, was ich auf Youtube sehe, setzt in meinen Augen zu hoch an. Das hilft zwar vielen Schüler:innen, aber wenn sie es nicht begreifen, dient das nur zum Auswendiglernen. Ich gehe einen Schritt tiefer und möchte die Kinder noch mal anders mitnehmen. Dass man dazu die Eltern mit ins Boot holt, kenne ich so von anderen Angeboten auch nicht. Gerade solche Tipps, wie man mit den Kindern backt oder kocht, welche rein analogen Geräte man dazu braucht, um Mengenverhältnisse sichtbar zu machen oder wie man beim Spazierengehen Textaufgaben findet, die gibt es in meinen Augen so sonst nicht.

Sie empfehlen Eltern, Mathe und Zahlen in den Alltag zu integrieren: beim gemeinsamen Einkaufen, Backen und Spielen. Haben Eltern die Zeit dafür – neben dem Beruf?

Das ist die große Krux: Man muss es eigentlich andersherum sehen. Jede:r sollte sich die Frage stellen, wie viel Zeit man in der Woche damit verbringt, mit dem Kind Mathe zu üben. Oder wie viel Nachhilfe findet statt? Das Ziel ist herauszufinden, wo es klemmt und wie man Unklarheiten leicht beheben kann. Und das ist zeitlich gut umsetzbar, auch wenn man berufstätig und alles total eng getaktet ist. Aber meine kleinen Impulse halte ich für sehr effektiv. Ich möchte ja mit der Akademie gerade erreichen, dass nicht eine Stunde am Tag mit dem Kind Mathe gemacht wird, sondern vielleicht eine halbe Stunde pro Woche und die nebenher. Da wird zum Beispiel aus drei Stapeln Gläsern beim Spülmaschineausräumen gleich eine Malaufgabe. Und in solchen Situationen finden Kinder das meistens super, insbesondere, wenn man das vielleicht noch mit einem Spiel verbindet. Das ist deutlich sinnvoller als eine Seite mit 50 Plus- oder Minusaufgaben.

Gibt es denn wirklich so viele Kinder, die in der Grundschule schon Hilfe brauchen?

Die Gefahr in der Grundschule ist, dass man Aufgaben über Auswendiglernen oder irgendwelche Tricks löst, aber nicht versteht, was dahintersteckt. Und genau da versuche ich anzusetzen. Denn selbst wenn die Kinder in der Grundschule gut zurechtkommen, passiert es später, sofern sie die Grundlagen nicht verstanden haben: Wenn Gleichungen, Brüche oder Funktionen kommen, steigen sie aus, weil ihnen der Bezug zur Praxis fehlt. Dabei hat Mathe in den ersten acht bis neun Jahren extrem viel mit realen Dingen um uns herum zu tun. Mit einem analogen Thermometer kann selbst ein Erstklässler diese Aufgabe lösen: Heute sind es drei Grad über null, morgen sind es fünf Grad weniger, also zwei Grad unter null. Wir haben hier Schüler:innen aus der siebten Klasse und zeigen denen erst einmal, was ein analoges Thermometer ist. Die checken das vorher nicht und versuchen, das Rechnen mit negativen Zahlen auswendig zu lernen. Oder wenn es bei minus zwei Grad dann noch mal drei Grad weniger sind, denken sie: Ah, minus und minus ist plus. Es dauert manchmal Stunden, bis ihnen das wirklich klar wird. Der perfekte Weg ist, dass sie ein Thermometer kennen und der Lehrer in der siebten Klasse sagt: "Wir rechnen jetzt mit positiven und negativen Zahlen", und sie denken, das ist ja Pillepalle, weil sie das Thermometer kennen. Und mit dem Praxisteil der Akademie haben sie durch ihre Eltern ein gutes Fundament für später.

Sie warnen Eltern davor, den Kindern Tricks und Eselsbrücken beizubringen. Ich finde es sehr hilfreich, zu wissen, und habe kürzlich erst gelernt, dass 3 Prozent von 50 das Gleiche ist wie 50 Prozent von 3 – und dass das für alle anderen Zahlen auch gilt. Worin liegt hier die Gefahr bei solchen "Tricks"?

Es hat alles so seine Berechtigung. Die Tricks sind super, um später schnell zu rechnen. Das Entscheidende dabei ist, dass Sie ein Gefühl dafür bekommen, was 3 Prozent von 50 sind. Wenn Sie jetzt zum Beispiel ausgerechnet hätten, 3 Prozent von 50 sind 20, und dann nicht denken, dass das nicht sein kann, dann ist es kritisch. Und das passiert eben über das auswendig Gelernte und ohne Verständnis Erarbeitete. Ich versuche, die Kinder dahin zu bringen, ein Gefühl dafür zu bekommen.

Haben Sie nicht die Befürchtung, sich mit Ihrer Eltern-Akademie selbst Kunden für Ihr Rechentherapiezentrum wegzunehmen?

Das kann natürlich sein, es kann sich aber auch ergänzen.Es kann ja jede:r entscheiden, welcher Weg besser ist. Man kann die Arbeit hier, für die man vielleicht ein Stundenpaket abgeschlossen hat, mit der Akademie für Eltern ja auch begleiten, dann braucht man vielleicht nicht so lange.

Gibt es bereits Feedback zur Eltern-Akademie? Zum Beispiel, dass dadurch das Streit- und Stresspotenzial minimiert worden ist?

Zu der Akademie gibt es noch kein Feedback, weil die noch ganz frisch ist. Aber ich habe manches davon schon in Vorträgen vorgestellt und dort viel Positives darüber gehört, dass die Eltern das gut einsetzen können und es gut und stressfrei funktioniert. Für die Akademie gab es eine Testphase vor den Sommerferien, und jetzt geht es richtig los.

Torsten Landwehr und seine Projekte finden Sie hier: Mathe-AkademieRechentherapiezentrum Köln, Mathevision.de, Facebook, Youtube


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