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Leiharbeit in Deutschland Flexibel, billig und schnell kündbar

Die Reform der Leiharbeit hat der Branche zu einem Boom verholfen. Das Beispiel Schlecker zeigt aber: Mittlerweile wird sie von den Unternehmen missbraucht, um die Gewinne zu steigern.
Von Marcus Gatzke

Sie bezeichnet sich als "moderne Sklavin". Sevinc Karatoc gab ein unbefristetes Arbeitsverhältnis auf, um bei Volkswagen in Wolfsburg eine Stelle als Zeitarbeiterin anzunehmen. Die Hoffnung: irgendwann einmal eine Festanstellung bei VW, einem Konzern, bei dem auch schon der Vater Jahrzehnte gut und gerne gearbeitet hat. Doch die Hoffnung erfüllte sich nie. Stattdessen gab es Unmengen von Nacht- und Wochenendschichten, sie musste an Feiertagen ran und die Verträge wurden immer erst auf den letzten Drücker verlängert. Unsicherheit pur.

Karatoc steht stellvertretend für ein ganze Armee von Beschäftigten, die sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten hangeln. Unternehmerisches Risiko wird so vom Arbeitgeber auf den Arbeitnehmer übertragen. Die Drogeriekette Schlecker gründete sogar die Vermittlungsagentur Meniar, um die eigenen Beschäftigten durch billigere Leiharbeiter zu ersetzen und löste damit eine Welle des Protestes aus.

Unternehmen nutzen Zeitarbeit aus

In Deutschland gibt es rund eine halbe Millionen Zeitarbeiter - rund ein Drittel weniger als noch 2008, zu Beginn der weltweiten Wirtschaftskrise. Leiharbeiter gehören zu den ersten, die in der Krise ihren Arbeitsplatz verloren haben. Sie sind überwiegend männlich, jung und gering qualifiziert. Ein Viertel ist jünger als 25 Jahre, rund jeder Dritte hat lediglich einen Hauptschulabschluss oder Mittlere Reife ohne Berufsausbildung.

Die IG Metall geht davon aus, dass der kommende Aufschwung die Zahl der Zeitarbeiter wieder drastisch erhöhen wird. Die Krise hätte gezeigt, wie einfach Leiharbeiter entlassen werden können, argumentiert die Gewerkschaft. Das sei ein starker Anreiz, auch bei steigendem Umsatz verstärkt auf Leiharbeiter zu setzen.

Zeitarbeit ist längst viel mehr als nur ein Instrument zur Überbrückung von kurzfristigen Personalengpässen. Eine Studie des Sozialwissenschaftlers Klaus Dörre von der Universität Jena zeigt, dass die Leiharbeit zunehmend "strategisch" eingesetzt wird. Strategisch bedeutet: Die Personalkosten sollen sinken, um die Rendite abzusichern. die IG Metall erwartet, dass es mittelfristig bis zu 2,5 Millionen Leiharbeiter in Deutschland geben könnte. Das wären ungefähr neun Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten.

2004 wurde die Branche unter der damaligen rot-grünen Bundesregierung radikal liberalisiert. Seitdem wächst diese Beschäftigungsform so stark wie keine andere in Deutschland. Das "Jobwunder" der Jahre 2005-2008 geht zum größten Teil auf das Konto der Zeitarbeit. Andererseits spaltet diese Branche die Gesellschaft gnadenlos - in gut abgesicherte Stammbelegschaften und jederzeit austauschbare Randbelegschaften. In Menschen, die gelassen in die Zukunft schauen können und Menschen, die nie wissen, was übermorgen kommt. In solche, deren Arbeit immer mehr wert wird und solche, deren Arbeit systematisch entwertet wird: Das Einstiegsgehalt für einfache Tätigkeiten liegt je nach Tarifvertrag bei 7,38 Euro oder sogar nur 6,53 Euro. Im Osten sind die Löhne noch niedriger. Und auch der angebliche "Klebeeffekt" wird schön geredet: Nur etwa zehn Prozent der Leiharbeiter werden von der Firma, an die sie vermietet sind, fest übernommen.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie andere Länder in Europa die Leiharbeit regeln und was Deutschland jetzt machen muss.

Von der Leyen hat sich eingeschaltet

Die Gewerkschaften wollen den Missbrauch der Leiharbeit nicht länger hinnehmen und fordern eine politische Debatte. Die wurde jetzt auch angestoßen. Und zwar von Ursula von der Leyen (CDU), der neuen Bundesarbeitsministerin in der schwarz-gelben Regierung. Auslöser sind die Beschäftigungspraktiken bei der Drogeriekette Schlecker. "Mein Ministerium wird die Vorgänge genau prüfen", sagte die Ministerin. Schlupflöcher müssten geschlossen werden. Schlecker hat mittlerweile die Zusammenarbeit mit der Leiharbeitsfirma Meniar beendet. Ab sofort würden "keine neuen Arbeitnehmerüberlassungsverträge" mehr abgeschlossen, heißt es aus der Schlecker-Zentrale.

Für die Gewerkschaft ist Schlecker jedoch kein Einzelfall: Auch in Branchen wie der Metall- und Elektroindustrie oder im Maschinenbau gebe es Betriebe, die eigene Leiharbeitsfirmen gegründet hätten, um ihre Stammbelegschaften zu ersetzen, sagt nordrhein-westfälische DGB-Vorsitzende Guntram Schneider. Vom Einkommen bis zu den Arbeitsbedingungen würden die Leiharbeiter schlechter behandelt. "Wir erleben seit Jahren den schleichenden Prozess, dass Stammbelegschaften durch Leiharbeitnehmer ersetzt werden."

Gleiches Geld für gleiche Arbeit

Für Martin Kannegiesser, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, stellt die Zeitarbeit dagegen eine "Brücke in den Arbeitsmarkt" dar, vor allem Langzeitarbeitslose profitierten davon. "Von Verdrängung der Stammbelegschaften kann keine Rede sein", sagt Kannegiesser. Zudem bräuchten die Unternehmen die Flexibilität.

Die sollen sie auch haben. Aber nicht länger zum Schnäppchenpreis. Eine Studie des Instituts für Arbeit und Qualifikation zeigt: Fast alle anderen westeuropäischen Nationen haben Leiharbeit fairer geregelt als Deutschland.

Besonders interessant ist Frankreich. Hier gilt tatsächlich gleiches Geld für gleiche Arbeit. Leiharbeiter erhalten zudem eine "Prekaritätsprämie" in Höhe von zehn Prozent der Bruttolohnsume, weil ihre Beschäftigung so unsicher ist. Zusätzlich müssen die Zeitarbeitsunternehmen Geld in einen Weiterbildungsfonds zahlen. In Frankreich werden die Leiharbeiter also für ihre Flexibilität belohnt - und nicht mit schlechten Löhnen bestraft wie in Deutschland. In Holland steigen Leiharbeiter mit 8, 24 Euro ein. Zudem haben sie einen Anspruch darauf nach 6,5 Monaten fest eingestellt zu werden.

In Österreich liegt der Stundenlohn für einfache Tätigkeiten bei 7,63 Euro die Stunde. In Hochlohn-Branchen wie der Metall- und Chemieindustrie erhalten österreichische Zeitarbeiter Zuschläge, damit der Lohnabstand zur Stammbelegschaft verringert wird. Sie profitieren auch von Tariferhöhungen der Stammbelegschaften. In Schweden und Dänemark haben die Gewerkschaften sehr starke Tarifverträge ausgehandelt, die Leiharbeiter den Stammbelegschaften fast gleichstellen.

Für den Sozialwissenschaftler Klaus Dörre ist vor allem die französische Variante interessant. "Eine harte, aber faire Lösung. Die Beschäftigung ist unsicher, wird aber sehr gut bezahlt." Und auch die Zeitarbeits-Unternehmen verdienen prächtig: So machte der Branchen-Primus Adecco 2008 ein Drittel seines Umsatzes und Gewinns in Frankreich. Der deutsche Markt trug gerade mal acht Prozent bei.

Mitarbeit: Massimo Bognanni und Doris Schneyink

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