VG-Wort Pixel

Pflegenotstand Intensivpfleger über Arbeitsbelastung: "Hätte ich nicht vorher schon gekündigt, dann spätestens während der Pandemie"

Inzidenz 0,0 – diese zwei Landkreise sind wieder coronafrei
Mehr
Ricardo Lange (39) arbeitete als Intensivpfleger in einer Klinik. Doch der Stress und die hohe Arbeitsbelastung machten ihn krank. Hier berichtet er, warum er in die Leiharbeit wechselte – und viele es ihm gleichtun.

Schon vor Corona wurden Pflegekräfte händeringend gesucht – die Pandemie verschärft die Situation weiter, wie Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen. Demnach ging die Zahl der Pflegebeschäftigten allein zwischen Mai und Ende Juli 2020 um mehr als 9000 zurück. Das entspricht einem Minus von 0,5 Prozent.

Ricardo Lange weiß, warum Menschen den Beruf verlassen. Der Intensivpfleger wechselte noch vor der Pandemie von einer Klinik in die Leiharbeit. Als Leasingkraft wird er nun an Berliner Krankenhäuser vermittelt. Hier spricht er über seine Beweggründe, die anspruchsvolle Arbeit mit Covid-Patienten und dringend nötige Veränderungen.

"Unter den Pflegekräften ist der Frust sehr groß"

"Das ist schon paradox: Wir Pflegekräfte schreien nach mehr Wertschätzung, aber wir schätzen unser eigenes Leben nicht wert. Mich haben Stress und Arbeitsbelastung krank gemacht, sodass ich gekündigt habe. Während eines Nachtdienstes vor drei Jahren merkte ich, dass es mir nicht gut geht. Es war ein Gefühl wie kurz vor Prüfungen: total aufgekratzt, unter Stress.

Intensivpfleger Ricardo Lange
Ricardo Lange (39) nach einer Schicht auf der Covid-Station, die Ränder der Schutzmaske zeichnen sich deutlich ab: "Intensivpflege war immer schon anstrengend – in der Pandemie kommt noch eine Schippe obendrauf"
© Ole Spata/dpa/privat

Der diensthabende Arzt schrieb ein EKG und schickte mich sofort in die Notaufnahme. Die Diagnose: Herzrhythmusstörungen und ein extrem hoher Blutdruck, über 200. Mein Herz war okay, hat aber völlig außer Takt geschlagen: 7000 unrhythmische Herzschläge pro Tag, die nicht da waren, wo sie sein sollten. Das war einfach der Stress. Ich musste unbedingt kürzertreten.

Ich arbeite seit acht Jahren als Intensivpfleger. Unter Stress arbeiten bin ich also gewöhnt. Bei jeder Schicht steht man unter Adrenalin und trägt Verantwortung für die Leben, die man betreut: Du weißt, wenn du einen Fehler machst, hat der Patient ein Problem. Intensivpflege war immer schon anstrengend, aber in den letzten Jahren wurde die Arbeitsbelastung immer größer und jetzt, in der Pandemie, kommt noch eine Schippe obendrauf.

Auch ich betreue seit einem Jahr nur Covid-Patienten, und das ist eine deutlich größere Belastung als normalerweise: allein das Anziehen der Schutzkleidung, stundenlang in einem Patientenzimmer sein, ohne Trinken, ohne auf die Toilette zu können. Mit FFP3-Maske, Face-Shield, dem Schutzkittel, unter dem sich die Hitze staut. Wie vorgeschrieben 30 Minuten Pause nach zwei Stunden zu machen – das funktioniert nicht. Wenn man irgendwann aus dem Zimmer rauskommt, ist man durchgeschwitzt bis zum Schlüpfer. Dann friert man, kühlt aus und durch die Maske habe ich oft ein entzündetes Gesicht.

Derzeit ist es echt schwer, die ausgelaugten Akkus wieder aufladen zu können, weil der private Ausgleich fehlt: Ich bin gern mal essen gegangen, ins Kino oder ins Fitnessstudio. Jetzt werden die Akkus immer leerer und man sieht kein Licht am Ende des Tunnels. Geht das noch zwei oder drei Monate so oder ein Jahr? So geht es aktuell vielen Pflegekräften.

Dazu kommen Urlaubssperren, man wird aus dem Urlaub oder aus freien Tagen zurückgeholt, weil Kolleginnen und Kollegen ausgefallen sind. Wenn man permanent einspringen muss und nach der Spätschicht, die um halb elf abends endet, am nächsten Tag um halb sieben bei der Frühschicht sein muss, ist das irgendwann zu viel. Das wirkt sich auch aufs Privatleben aus: Als ich noch festangestellt war, hatte ich in stressigen Monaten oft nur drei oder vier Tage frei. Und dann ist an diesen Tagen das Wetter schlecht oder man ist einfach zu kaputt, um was zu unternehmen. Das führt auch beim Partner zu Frust. Oder bei Freunden, wenn man dauernd Verabredungen absagen muss, weil der Dienst getauscht wird.

Dann kam jene Nachtschicht mit der Diagnose Herzrhythmusstörungen, und meine Entscheidung zu kündigen stand fest. Weil ich meinen Job liebe, aber nicht die Arbeitsbedingungen, entschied ich mich für die Leiharbeit. Diesen Schritt bereue ich bis heute nicht.

Als Leasingkraft werde ich an Berliner Krankenhäuser vermittelt, denen Personal fehlt. Im Schnitt sind das pro Monat etwa drei verschiedene Häuser. Ich empfinde das nicht als Nachteil. Nach einer gewissen Zeit kennt man alle großen Häuser und die Intensivteams. Auch die unterschiedlich langen Arbeitswege stören mich nicht.

Für mich überwiegen eindeutig die Vorteile: Ich schreibe meinen Dienstplan selber, gebe an, wann ich früh, spät oder nachts arbeiten kann, und biete noch drei Alternativen an, damit die Firma Ausweichtage hat. Ich kann auch mal im Sommer Urlaub eintragen, was ich als festangestellter, kinderloser Kollege nicht konnte.

Gleiches Gehalt bei weniger Stunden

Für dieses Modell muss man sehr flexibel sein – aber genau diese Flexibilität wird auch bezahlt: So kann ich jetzt statt 160 Stunden im Monat nur noch 136 arbeiten und komme auf das gleiche Gehalt. Statt acht freier Tage pro Monat habe ich jetzt zwölf. Ich lebe ja nicht, um zu arbeiten, sondern arbeite, um zu leben.

Man hört immer wieder, Leiharbeit sei unsolidarisch. Es heißt, wir Leasingkräfte picken uns die tollsten Dienste raus. Aber das stimmt nicht. Unser Dienstplan ist unsere einzige Konstante: Oft erfährt man kurz vorher, in welchem Haus, auf welcher Station man seinen Dienst antritt. Ist es die kardiologische Intensivstation oder die Pandemiestation? Wir verdienen nicht für die gleiche Arbeit mehr Geld, sondern für die Flexibilität. Viele verteufeln die Leiharbeit – aber ich finde, wir unterstützen die Kolleginnen und Kollegen und puffern den Personalmangel ab. Wenn die Politik möchte, dass nicht alle Pflegekräfte in die Leiharbeit abwandern, muss sie die Bedingungen ändern. Festangestellten Pflegekräften sollte auch mehr Flexibilität bei der Arbeitseinteilung zugesprochen werden und sie müssten höhere Gehälter bekommen. Personalmangel ist patientengefährdend.

Es gibt so viele Kolleginnen und Kollegen, die wegen des Stresses und der Schichtarbeit Magen- oder Schlafprobleme haben. Irgendwann stehen die dann so wie ich vor der Wahl: Gibt man den Job ganz auf, oder wechselt man in die Leiharbeit? Ich kenne viele, die in die Leiharbeit gewechselt haben. Natürlich ist meine Arbeitsbelastung während einer Schicht genauso groß wie die von festangestellten Pflegekräften. Aber wir haben weniger Schichten. Und natürlich werden auch wir immer wieder gefragt, ob wir einspringen können. Aber nicht so häufig. Und klar, natürlich springe ich ein: Weil ich Intensivpfleger bin, weil mir die Patienten am Herzen liegen, weil ich meine Kollegen mag und sie unterstützen möchte.

Tobi Schlegl berichtet über Krankenhauserfahrung: "Das will ich nie wieder erleben"

Unter den Pflegekräften ist der Frust sehr groß, vor allem was die Politik angeht. Immer nur "Danke, Danke, Danke". Aber vom "Danke" kann ich mir nichts kaufen. Hätte ich nicht vorher schon gekündigt, dann spätestens während der Pandemie. Viele Pflegekräfte sagen deutlich "wir sind die Angearschten". Viele drohen, dass sie kündigen und etwas komplett anderes machen wollen. Aber sie tun es nicht.

Wer jetzt noch in der Pflege arbeitet, hat ein hohes Verantwortungsbewusstsein. Wenn wir alle einfach nur Dienst nach Vorschrift machen würden, nicht mehr einspringen, wenn Personal ausfällt: Dann wären die Kliniken am Ende. Das System funktioniert nur, weil wir uns selbst aufopfern."

"Pflege braucht Würde" – das fordert die Bundestagspetition des stern, die mehr als 325.000 Menschen unterschrieben haben. Weitere Informationen über die Petition finden Sie hier.

Protokoll aufgezeichnet von Angelika Dietrich

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker