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"Anne Will" Intensiv-Pfleger liest Lauterbach die Leviten – und der Gesundheitsminister kommt kaum zu Wort

Intensiv-Pfleger Ricardo Lange richtet bei "Anne Will" deutliche Worte an den Bundesgesundheitsminister
Intensiv-Pfleger Ricardo Lange richtet bei "Anne Will" deutliche Worte an den Bundesgesundheitsminister
© NDR/Wolfgang Borrs
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hatte bei "Anne Will" teilweise kaum eine Chance zu Wort zu kommen. Denn ein Intensiv-Pfleger machte seinem Ärger über die Corona-Politik Luft und nahm ihn gehörig in die Mangel. –
Von Charlotte Zink

Dass Karl Lauterbach sich äußerlich nur schwer aus der Ruhe bringen lässt, kam ihm am Sonntagabend bei Anne Will im Studio zugute. Denn kaum hatte die Moderatorin Intensiv-Pfleger Ricardo Lange in die Gesprächsrunde zum Thema Corona-Maßnahmen integriert, machte der auch schon seinem Ärger Luft – und schoss dabei zunächst vor allem gegen einen: den Gesundheitsminister.

Was es für ihn denn bedeute, dass das Gesundheitssystem überlastet sei, wollte Lange von Lauterbach wissen und führte aus: Sei es Überbelastung, wenn Menschen sterben? Wenn Personal auf den Fluren weinend zusammenbreche? Wenn Rettungsfahrzeuge bestimmte Krankenhäuser nicht mehr anfahren könnten?

Lauterbach kommt gegen Lange kaum zu Wort

"Natürlich ist das alles Überbelastung", antwortete Lauterbach ruhig. Weiter kam er jedoch nicht, denn Lange war mit seinen Ausführungen noch nicht am Ende. "Und wenn sie das verhindern wollen: Was macht die Bundesregierung?", fragte er weiter. Raum für eine Antwort blieb jedoch wieder nicht, denn aus dem Intensiv-Pfleger sprudelte es angesichts des Gesundheitsministers nur so heraus.

Es diskutierte bei "Anne Will" über die Corona-Politik:

  • Karl Lauterbach (SPD), Bundesminister für Gesundheit
  • Christine Aschenberg-Dugnus (FDP), Parlamentarische Geschäftsführerin und Mitglied im Gesundheitsausschuss
  • Ricardo Lange, Intensiv-Pfleger
  • Christina Berndt, Wissenschaftsredakteurin "Süddeutsche Zeitung"

"Sie greifen in das Grundrecht der Bürger ein und betonen, dass alles zum Wohle der Menschen geschieht, und dann haben sie nicht mal Daten an der Hand, ob Maßnahmen zielführend sind", so Lange weiter. "Jetzt soll er mal antworten!", funkte Will schließlich dazwischen.

Pflegeentlastungsgesetz in Vorbereitung

"Das waren ja jetzt viele Sachen", kommentierte Lauterbach trocken und ging auf Aufforderung zunächst auf Pflegeengpässe ein. "Die Lage, die sie beschreiben, ist mir bestens bekannt", so der Gesundheitsminister. Bereits seit Jahren arbeite er an Gegenmaßnahmen und habe sich beispielsweise erfolgreich für sie Einführung eines Gesetzes eingesetzt, das die Entlassung von Pflegekräften verhindere.

Zudem laufe die Vorbereitung eines Pflegeentlastungsgesetzes, dessen Eckpunkte noch vor der Sommerpause vorgestellt werden sollten. Pfleger Lange reichte das nicht. Er verwies aufgebracht darauf, dass es doch einen Mangel an Pflegekräften gebe und Kliniken bei der Angabe der Zahl von Pflegenden regelrecht "bescheißen" würden, um besser dazustehen. Lauterbach wiegelte ab: "Das bringt uns doch nicht weiter, hier sitzt doch wirklich jemand der ihnen helfen will."

Aschenberg-Dugnus will bessere Arbeitsbedingungen

Langes Groll bekam am Sonntagabend jedoch nicht nur er zu spüren. Auch FDP-Politikerin Christine Aschenberg-Dugnus fing sich eine Rüge ein. "Wir möchten Arbeitsbedingungen verbessern", warf sie in der Diskussion um die Arbeit von Pflegekräften ein. "Was heißt das? Werden Sie mal konkret!", forderte Lange.

Aschenberg-Dungus führte daraufhin aus, es müsse beispielsweise mehr Kita-Plätze für die Kinder von Pflegenden geben. Darüber hinaus verwies sie darauf, dass Regeln geändert werden könnten, um die Arbeit im Krankenhaus zu erleichtern, denn: "Pflegekräfte können mehr als sie dürfen!"

"Pflegekräfte machen viel mehr als sie dürfen"

Was zwar ganz gut und beschwichtigend klang, überzeugte Lange jedoch nicht. "Das ist genauso ein Quatsch!", erklärte er aufgebracht. Auf der Intensivstation machten Pflegekräfte schon viel mehr als sie eigentlich dürfen. Schuld sei der Mangel an Ärztepersonal.

Während Lauterbach Missstände im Bereich der Pflege nicht abstritt, ging er bei einem anderen Kritikpunkt des Pflegers jedoch deutlich in die Offensive. Der hatte seinen Auftritt bei Will nämlich auch genutzt, um anzuprangern, dass ein zu geringer Fokus auf den Menschen liege, die in der Folge der Corona-Maßnahmen gesundheitliche Schäden erlitten hätten. Beispielsweise weil Erkrankungen zu spät erkannt oder behandelt wurden.

Pfleger kritisiert Corona-Maßnahmen

Vor diesem Hintergrund kritisierte der Intensiv-Pfleger die Einführung von Corona-Maßnahmen, deren Wirksamkeit nicht durch Daten nachgewiesen sei.

Ein muskulöser, glatzköpfiger weißer Mann sitzt in grauem Hemd mit hellen Punkten vor einer blauen Wand

"Die Andeutung, die sie machen, ist problematisch", sagte Lauterbach. Lange ließe es so klingen als habe die Bundesregierung Maßnahmen ergriffen, die sie nicht hätte ergreifen dürfen, weil die Datenlage nicht ausgereicht habe. Das sei jedoch nicht der Fall gewesen. Lauterbach fügte auch hinzu: "Dass es Opfer gegeben hat, bestreitet niemand und jedes einzelne tut mir leid."

Mit Blick auf den Maßnahmenkatalog für den Herbst hielt er sich am Sonntagabend noch weitestgehend bedeckt unter Verweis darauf, dass er und Bundesjustizminister Marco Buschmann diese vertraulich diskutierten. Immerhin bekannte Lauterbach jedoch: "Ein Lockdown ist auszuschließen." Weitere Schulschließungen hielt er immerhin für "sehr sehr unwahrscheinlich".

tkr

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