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"Anne Will" Angst vor Inflation und enormen Gas-Nachzahlungen: "Die Leute sind fertig mit den Nerven"

Kevin Kühnert
Kevin Kühnert (SPD, Generalsekretär): "Die Leute sind fertig mit den Nerven, nur Daumendrücken nützt nichts".
© NDR/Wolfgang Borrs
Was passiert, wenn Putin den Gashahn nicht nur temporär, sondern vollends zudreht? Einigkeit herrschte in der Talkrunde von "Anne Will" dabei vornehmlich in einem Punkt: Teuer wird es.

Von Ingo Scheel

Russland hat jüngst die Gaslieferungen gedrosselt, Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck daraufhin die Alarmstufe des "Notfallplan Gas" ausgerufen. Was werden die Konsequenzen sein, wie verlässlich ist die Energiesicherheit, wie tief müssen die Deutschen demnächst in die Tasche greifen, um das alles zu bezahlen? Die Bundesregierung will künftig mehr auf Kohlekraftwerke setzen, auch die Laufzeiten der AKW stehen zur Diskussion. Und: Sollte die Bevölkerung angesichts hoher Energie- und Lebenshaltungskosten ein weiteres Mal entlastet werden?

Das diskutierten am Abend bei "Anne Will" folgende Gäste:

  • Kevin Kühnert (SPD, Generalsekretär)
  • Johannes Vogel (FDP, stellvertretender Bundesvorsitzender und Erster Parlamentarischer Geschäftsführer)
  • Claudia Kemfert (Abteilungsleiterin Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung)
  • Jens Spahn (CDU, Präsidiumsmitglied und stellvertretender Fraktionsvorsitzender, zuständig für die Themen Wirtschaft, Klima, Energie, Mittelstand und Tourismus)
  • Anna Mayr (Hauptstadtkorrespondentin "Die ZEIT")

Es braucht in diesen Tagen, da man seine Grillwurst oder den Ofenkäse noch im Schweiße seines Angesichts auf einem Einmal-Grill im Gras einer überfüllten Stadwiese kross brät, vielleicht etwas Fantasie für diesen Gedanken, aber: Der nächste Winter kommt bestimmt. Wenn dann die Gasspeicher nicht bei 80 oder 90% Füllpegel stehen, bekommen wir Probleme, vor allem mit den Nebenkosten. Gaskrise in Deutschland – wie hart werden die Folgen? – so lautete die Kernfrage am Vorabend bei Anne Will. Ganz am Ende nannte Claudia Kemfert ein paar konkrete Zahlen, bis dahin aber lieferte sich die Gästerunde – statt Antworten – schwerpunktmäßig ein Gefecht aus Verfehlungsvorwürfen und Abhängigkeitschelte.

"Anne Will": Jens Spahn kritisiert fehlenden Fahrplan der Regierung

Allen voran Jens Spahn, der es nach seiner Corona-Karriere fast zu genießen schien, endlich einmal auf der anderen Seite zu stehen, nicht den vorwurfsvollen Zeigefinger auf der Brust zu spüren, sondern selbst, so formulierte er es wiederholt, "einiges an Fragen stellen zu wollen". Was ist seit Februar passiert? Warum gibt es bis heute keinen vernünftigen Fahrplan?

So wirklich konkrete Antworten gab es nicht darauf. Kevin Kühnert warnte zunächst einmal davor, Putin immer noch "ernsthaft psychologisieren" zu wollen. Man müsse jetzt handeln, sich generell unabhängiger machen, auch das Einsparen von Gas incentivieren, also finanziell belohnen. Während das noch nach einem Arbeitspapier in der Entstehungsphase klang, war Anna Mayr bereits auf die Straße gegangen, auf eine in Großlohe nämlich, jenem Stadteil im Osten Hamburgs, in dem einst das Elternhaus von Olaf Scholz stand.

"Die Inflation landet bei den kleinen Leuten"

Ihre Erkenntnisse vor Ort: "Krieg machen die Großen, die Inflation landet bei den kleinen Leuten". Mayr, deren Eltern selbst lange Zeit arbeitslos waren, malte düstere Szenarien, sprach von Verteilungskämpfen und der Befürchtung, dass es nicht so friedlich bleiben würde, wenn der Kostenhammer fällt. Sie nannte das Schlagwort von der "ökonomischen Triage", bei der nicht jeder immer alles kaufen könne, was er braucht, sondern generell ein Zustand des "wenigers" dräut. Menschen, die sonst am 27. des Monats zur Tafel gehen müssten, weil das Geld alle ist, womöglich schon fünf Tage früher den Weg dorthin antreten müssten, ein Zustand, den man unbedingt vermeiden müsse. "Maßnahmen müssen darauf ausgerichtet sein, kleine und mittlere Einkommen ganz gezielt zu erreichen", so Kühnert.

Johannes Vogel holte zunächst einmal das ganz große Besteck aus der Schublade: "Bei den großen Herausforderungen sind wir katastrophal planlos", seine Statusmeldung mit Blick auf die Energiekrise, die Bundeswehr und weitere Baustellen, forderte jedoch umgehend ein Ende des politischen Klein-Kleins, auch wenn "früher sicher besser gewesen wäre". "Drei Register" gälte es zu ziehen: Soviel wie möglich einkaufen, sparen und dem Verstromen von Gas ein Ende zu setzen.

Was den Rückgriff auf Kohle als Energielieferant angeht, sah Kevin Kühnert das als "schiere Notwendigkeit", man müsse mit der Realität umgehen – "die Leute sind fertig mit den Nerven, nur Daumendrücken nützt nichts". Ob damit auch die eigentlich dem Untergang geweihte Atomkraft noch einmal den Weg aus der Mottenkiste finden würde, mochte niemand so recht prognostizieren.

Alarmstufe Gas: Das sieht der staatliche "Notfallplan Gas" vor

1000 bis 2000 Euro zur Seite legen

Und während Claudia Kemfert zunächst noch abgewiegelt hatte, dass wir "ein reiches Land" seien, das "hohe Preise zahlen könne", legte sie gegen Ende der Sendung den Finger in die schmerzhafte Wunde und bezifferte den Preis, den jeder einzelne für die "verschleppte Energiewende" bezahlen müsse – auf das Drei- bis Vierfache der bisherigen Heizkosten könnte es im schlechtesten Fall hinauslaufen. Ihr Rat: 1000 bis 2000 Euro beiseite legen für den übernächsten Winter, dann nämlich droht das wirklich dicke Ende. Zahlen, angesichts derer man bestimmt nicht nur in Großlohe bereits jetzt fröstelt.

ch

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