HOME

stern-Logo Alles zum Coronavirus

"Ungutes Gefühl": Post austragen in der Corona-Krise: Ein Zusteller berichtet von seinem Job-Alltag

Kunden quittieren Pakete nicht mehr, manche öffnen die Tür gar nicht erst. Andere sind besonders freundlich und denken mit. Ein Hamburger Zusteller der Deutschen Post schildert, wie aktuell sein Arbeitsalltag aussieht.

Paketzusteller

Pakete und Briefe zustellen geht nicht per Home Office

Getty Images

Frank*, 54, arbeitet seit rund zehn Jahren als Zusteller bei der Deutschen Post in Hamburg. Wegen des Coronavirus ins Home Office gehen – das geht in seinem Job nicht. Er läuft weiterhin jeden Tag mit Briefen und Paketen die Straßen ab. Dem stern berichtet er vom Postaustragen im Ausnahmezustand: 

"Ich gehe natürlich aktuell mit einem unguten Gefühl zur Arbeit. Auf meiner Tour in der Hamburger Innenstadt habe ich fast nur Firmenkunden. Das heißt: Nicht einfach die Post in den Briefkasten werfen, sondern Kundenkontakt. Klingeln, sich öffnen lassen, Briefe und Pakete übergeben – und eigentlich auch quittieren lassen.

"Die reinste Virenschleuder"

Bis Anfang der Woche musste noch jeder Kunde mit dem Finger auf dem Smartscanner unterschreiben. Die reinste Virenschleuder! Unterschreiben mit dem Finger, das geht eigentlich gar nicht mehr. Seit Dienstag gibt es zum Glück die Ansage, dass nicht mehr der Kunde unterschreibt, sondern der Zusteller selbst. Gut so, manche Kunden hatten sich zuletzt auch schon geweigert, das Gerät anzufassen.

Ich habe mir in den letzten Tagen so viel die Hände gewaschen, dass sie schon ganz ausgetrocknet und rissig sind. Mittlerweile trage ich Handschuhe, meine eigenen Stoffhandschuhe - keine Ahnung, wieviel die bringen. Von der Post haben wir bislang keine Latexhandschuhe oder ähnliches gestellt bekommen. Wir versuchen uns auf der Arbeit die Schichten jetzt so einzuteilen, dass wir uns am zentralen Stützpunkt für die Pakete möglichst wenig über den Weg laufen, sodass wir Kollegen auch untereinander weniger Kontakt haben.

Die Atmosphäre in der Innenstadt ist teilweise gespenstisch. Es sind viel weniger Leute auf der Straße unterwegs als sonst. Bei manchen Firmen macht keiner mehr auf, um die Post anzunehmen. Die sind einfach zu. Ich muss die Post dann wieder mitnehmen.

Eichhörnchen springt auf einen Paketboten vor der Haustür – und die Reaktion ist ganz lässig

"Ich spüre viel Solidarität"

Die letzten Tage war ich emotional schon ziemlich down, aber jetzt denke ich auch: Tschakka, wir schaffen das. Manche Firmen stellen mittlerweile Kisten auf, in die ich die Post reinlegen kann, ohne zu engen Kontakt zu haben. Manche lassen auch Türen offenstehen, damit nicht mehr jede Klinke gedrückt werden muss.

Und viele halten bei der Postannahme zwar Abstand, aber grüßen besonders freundlich. Da fühlt man viel Solidarität mit uns Zustellern. Die Post muss ja auch den Laden am Laufen halten. Ich würde mir nur wünschen, dass auf unnötige Sendungen aktuell verzichtet wird. Werbeflyer müssen meiner Meinung nach derzeit nicht sein. Mal sehen, wie sich das alles die kommenden Wochen entwickelt. Mit so etwas hat ja keiner Erfahrung.

Mehr Sorgen als um mich, mache ich mir um meinen Schwiegervater, der ist über 70 und schwer lungenkrank. Und die Betreuungsfrage macht uns als Familie zu schaffen. Wir haben einen kleinen Sohn, den wir aktuell nicht in die Notbetreuung der Kita geben wollen. Daher machen wir zu Hause als Eltern auch quasi Schichtdienst."

*Name geändert

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity