Siezen oder duzen? "Das können Sie halten, wie du willst"

Wann und wem man das Sie oder das Du anbietet, ist von Fall zu Fall unterschiedlich
Wann und wem man das Sie oder das Du anbietet, ist von Fall zu Fall unterschiedlich
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Was der alte SPD-Zuchtmeister Herbert Wehner einem verschreckten Genossen geantwortet hat, gilt auch noch heute: Wer Du sagt oder Sie, bewegt sich mitunter auf gefährlichem Glatteis. Es gibt allerdings Regeln, die unsicheren Zeitgenossen helfen, wieder festen Boden unter die Füße zu kriegen
Von Almut F. Kaspar

Warum du das hier lesen sollst? Weil du dich damit sicherer auf dem gesellschaftlichen Parkett bewegen kannst. Weil du - gib es ruhig zu! - immer noch unschlüssig bist, wie du dich richtig verhältst im Dschungel der menschlichen Kommunikation. Weil du hier Tipps bekommst, wann du jemanden duzen kannst und wann nicht.

Sind Sie jetzt verschreckt, weil wir hier sofort per Du sind? Oder nicht, weil Sie ja ohnehin gern jeden duzen? So oder so: Dann haben wir die erste Lektion gelernt. Und die lautet: Es kommt auf den Standpunkt an.

Per Du im "Schweden Prinzip"

Da wir es aber hier nicht mit dem internen Mitarbeiter-Appell von Ikea zu tun haben oder mit dem Jahresabschluss-Bericht des SPD-Vorsitzenden Kurt Beck an seine Parteigenossen, bleiben wir beim Sie. Womit wir auch schon bei der zweiten Lektion sind: Es gibt Betriebe, in denen sich alle Mitarbeiter duzen, vom Deutschland-Chef bis zum Inbusschlüssel-Verwalter, beim Möbelhaus Ikea nennt man das dann das "Schweden-Prinzip", da gehört man zur Familie, und deshalb ist das Sie dort fehl am Platz. Genauso verfährt man bei den Sozialdemokraten, wo das Genossen-Du zum guten Ton gehört.

Wer ein grundsätzlicher Siezer ist wie ich, hat es mittlerweile schwer. Denn es wird geduzt in Deutschland. Querbeet. Auf Teufel komm raus. Weil wir ja alle so hip und unendlich cool sind. Es gibt Berufsgruppen, in denen ein Sie gar nicht mehr vorhanden ist. Modedesigner und Filmleute, auch Journalisten und Künstler - vor allem die Kreativen wissen gar nicht wohin mit ihrem antrainierten angelsächsischen Business-Du. Immer nach dem Motto: Wir denken nicht in Hierarchien. Wenn "heute journal"-Moderator Claus Kleber per Schalte mit seinem Korrespondenten-Kollegen in Damaskus verbunden ist, benutzt er natürlich das hemdsärmelige Du, das er aus Amerika mitgebracht hat.

Jetzt greift das Du auch schon auf die konservativen Banker über. Bei der Nürnberger Teambank zum Beispiel haben sich alle 1 250 Beschäftigten zu duzen. Schrecklich. Auf den Teambank-Visitenkarten gibt es auch keine Titel oder Positionen mehr, und der Vorstandsvorsitzende Theophil Graband ist eben nur noch der Theo. Egal, ob für den Vorstandskollegen oder für den Pförtner. Werden berufliche Barrieren tatsächlich schneller abgebaut, wenn man beim Du bleibt? Sind Geschäftsverbindungen dann wirklich ungezwungener und erfolgreicher?

Hamburger Sie und Münchner Du

Natürlich muss man auch als eingeschworener Siezer Kompromisse eingehen. Etwa beim Elternabend in der Schule oder im Kinderladen. Da wird eben geduzt, und wer beim Sie bleiben will, gilt sofort als Außenseiter. Oder stellen Sie sich vor, Sie werden in den Betriebsrat Ihrer Firma gewählt: Da ist es aus mit Sie. In diesen Arbeitnehmer-Gremien können Sie erst recht nicht mit dem Hamburger Sie kommen, dieser hanseatisch-gediegenen Form des Duzens, dem Du mit dem Airbag der bürgerlichen Etikette: "Hans, wären Sie bitte so freundlich, mir einen Kaffee nachzuschenken?" Das machen Sie dort einmal und nie wieder.

Das Hamburger Sie findet sein Gegenstück im Münchner Du, das auch als Kassiererinnen-Du bekannt ist. Kennen Sie nicht? Natürlich. Das hören Sie immer im Supermarkt über die Lautsprecheranlage: "Frau Müller, kannst du mal Kasse 8 machen."

Selbst in der großen Politik wird fast durchgehend geduzt - und das oftmals demonstrativ vor laufender Kamera. Wer erinnert sich nicht an so manche Auftritte unseres Ex-Kanzlers Gerhard Schröder, der alle Staatsmänner schulterklopfend begrüßte und mit einem beharrlichen Du ansprach: "Hello Bill, you're welcome." Dabei muss man wissen, dass selbst Hillary Clinton ihren Mann in der Öffentlichkeit mit "Mister President" ansprach.

"Gesundheit!" wünscht man nicht mehr

Du oder Sie? So einfach ist die Frage nicht zu beantworten, weil sich auch Manieren ständig verändern. Selbst der Knigge, das Standardwerk für Stil- und Etikette-Fragen, ist davor nicht gefeit. Wussten Sie zum Beispiel, dass man neuerdings nicht mehr "Gesundheit!" wünschen darf, wenn der Mensch gegenüber niesen musste. Ist aber so: Weil dann eine Schwäche des Gegenübers unterstrichen würde. Wäre genauso, als wenn Sie gefurzt hätten und ich Ihnen daraufhin ein herzhaftes "Gesundheit!" hinterher rufen würde.

Trotzdem gibt es Regeln, die man kennen sollte. Grundregel Nr. 1: Der Ranghöhere (oder der Ältere) bietet dem Rangniederen (oder dem Jüngeren) das Du an. Grundregel Nr. 2: Ein Du darf auch abgelehnt werden. Grundregel Nr. 3: Für ein Du reicht ein Handschlag - man muss nicht unbedingt Brüderschaft trinken.

Und man sollte wissen: Ein Sie schafft Distanz und gewährt Diskretion. Wer einen anderen siezt, kann mit dem aber genauso vertrauensvoll zusammenarbeiten oder umgehen wie mit einem, den man duzt. Ein Du hingegen ist nicht gleichbedeutend mit Freundschaft. Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre soll seine Lebensgefährtin Simone de Beauvoir bis ins hohe Alter gesiezt haben. Nur eine Marotte? Oder auch eine Geste höchsten Respekts? Als Schülerin war ich stolz wie Oskar, als ich plötzlich - gerade mal 16 geworden - von meinen Lehrern gesiezt wurde.

Das nicht ganz ernst gemeinte Du

Im beruflichen Umfeld ist es mit dem Siezen und mit dem Duzen etwas komplizierter als im Privatissimum. Wenn es zur Firmenkultur gehört, dass der Kollege geduzt wird, wäre es fast anmaßend, beim Sie bleiben zu wollen. Andererseits dürfte man sich mindestens seltsam vorkommen, wenn der Chef, der sonst alle duzt, ausgerechnet mit Ihnen per Sie verkehrt.

In keinem Firmen- oder Wirtschaftsknigge fehlt die Frage, wie man tags darauf verfährt, wenn der Chef einem in feucht-fröhlicher Runde leutselig das Du angeboten hat. Die Antwort: Abwarten und in Deckung bleiben. Erst wenn Sie ganz sicher sind, dass er es ernst gemeint hat und sich auch noch daran erinnern kann, sprechen Sie ihn mit Du an. Sonst kann es peinlich werden - nicht nur für ihn, sondern vor allem für Sie.

Wenn Sie selbst das Du angeboten bekommen, es aber für schicklicher halten, lieber weiter beim Sie zu bleiben, lehnen Sie ab. Gehen Sie dabei aber so freundlich wie nur möglich vor. Und verweisen Sie auf Ihre Prinzipien, denen Sie treu sein wollen. Sie müssen dann allerdings davon ausgehen, dass Sie von dieser Person nie wieder das Du angetragen bekommen. Was Sie aber nicht sonderlich jucken muss. Denn wenn Sie selbst es irgendwann wollen, wird diese Person umso erfreuter darauf eingehen.

Honecker und Mielke haben sich geduzt

Nun kommt es ab und zu vor, dass selbst ich als eingefleischter Siezer auch mal geduzt werden will. Einfach so. Zum Beispiel, wenn ich für meinen achtjährigen Sohn im Szeneladen Skater-Klamotten kaufe. Wenn ich dort gesiezt werde, tut es weh. Weil ich hier einfach zu alt bin für ein Du. Es schmerzt dagegen weniger, wenn ich weiß, dass sich mit dem Sie für die Erwachsenen über 30 hier eine jugendliche Subkultur gegen die Vereinnahmung durch alte Knochen wie mich (ich bin gerade mal 41) schützen will.

Eine ähnliche Lektion hat übrigens auch mal Wolf Biermann nach seiner Ausbürgerung aus der DDR duzenden Verehrern im Westen erteilt. Er bleibe lieber beim Sie, hat Biermann freundlich entgegnet, was sie aber nicht falsch verstehen sollten: Im Osten hatten die Oppositionellen lieber auf dem Sie beharrt, weil sich die verhassten Genossen Mielke, Honecker und Konsorten ständig geduzt hätten. Auch ein Standpunkt, der uns lehrt: So einfach ist das alles nicht mit dem Du und mit dem Sie.

Wie man es macht, macht man es falsch. Dabei ist es doch ganz einfach: Familie und enge Freunde werden geduzt. Fremde grundsätzlich erst mal gesiezt, mit Ausnahme von Kindern. Ob man sich duzt oder siezt, hat auch etwas mit Stil zu tun. Deshalb nicht bei der erstbesten Gelegenheit den Verbrüderungsakt anbieten. Etwas Zurückhaltung schafft Sympathien und Zeit, sein Gegenüber besser kennen zu lernen.

"Das können Sie halten, wie du willst."

Besonders schwierig wird es, wenn sich Gleichaltrige treffen. Ab welchem Alter sieze ich mein Gegenüber? Ab 30? Ab 40? Und der 50er? Wird der "Alte" automatisch gesiezt? Was passiert, wenn man auf einer Party von Gleichaltrigen gesiezt wird? Panisch Reißaus nehmen? Oder gelassen bleiben und schauen, mit wem ich es da zu tun habe? Man sollte auch tunlichst daran denken, dass ein nicht ausdrücklich angebotenes Du beleidigend wirken kann. Und ein gezielt eingesetztes Siezen kann auch irritieren. Möglicherweise ein Signal, um eine Person aus dem Kreise der Vertrauten auszugrenzen? Dennoch: Ein Sie kann unglaublich charmant sein. Wenn der Abend es mit sich bringt, löst sich der "Knoten" von selbst - und wenn nicht, dann verkehrt man eben weiter auf einer Ebene, die zu nichts verpflichtet. Nach wie vor gilt die allgemein bekannte Regel: Ein "Du Arschloch" ist schneller rausgerutscht als ein "Sie Arschloch".

Selbst Herbert Wehner, der alte Zuchtmeister der SPD, ist einmal ins Schwimmen geraten. Als ihn ein einfacher Genosse fragte, ob er ihn jetzt duzen solle, antwortete Wehner in seiner sprichwörtlichen Grimmigkeit: "Das können Sie halten, wie du willst." Überliefert ist leider nicht, wie es der Genosse dann tatsächlich praktiziert hat.


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