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STUDIE: Neue Rezepte für Eltern

Rot-Grün steuert um: Statt in die Familien sollen künftig in die Betreuung der Kinder Milliarden investiert werden. Studien zeigen: Davon profitiert die ganze Gesellschaft.

Freitag 12.30 Uhr. Torsten Engelhardt saust auf seinem Motorroller »Gillera Runner« durch Hamburg. Er hat ein wichtiges Meeting: Kurz nach eins muss er das Mittagessen für drei hungrige Achtjährige auf dem Tisch haben. Dann kommen sein Sohn Oscar und dessen Freunde Lando und Mika aus der Schule. Heute gibt es Frikadellen, Kartoffelbrei und Pilze.

Als Oscar noch in den Kindergarten ging, war alles viel einfacher: Der Kleine wurde den ganzen Tag betreut, Engelhardt war als Journalist für Zeitungen wie »Die Woche« und die »Financial Times Deutschland« unterwegs. Seine Frau Astrid, gelernte Bühnenbildnerin, baute ihre Korsettwerkstatt auf. Doch als Oscar vergangenes Jahr in die Schule kam, brach von einem Tag auf den anderen das Familienmodell zusammen. Denn seitdem steht der Sohn mittags vor der Tür. Torsten Engelhardt kündigte und gründete mit zwei Kollegen »das AMT«, ein Journalistenbüro, um flexibler arbeiten zu können. Und die Engelhardts organisierten zusammen mit acht anderen Eltern einen Mittagstisch: Reihum bekochen und betreuen sie ihre fünf Söhne von 13 bis 15 Uhr.

So wurschteln sich Millionen von berufstätigen Eltern durch den Alltag. Torsten Engelhardt hat sogar seinen Job aufgegeben, weil er sich nicht vorstellen konnte, »dass sich einer meiner bisherigen Chefs auf ein solches Modell einlassen würde«.

Kinder gelten noch immer als enormes Risiko für die Karriere. Eine Umfrage unter Eltern, ihren kinderlosen Kollegen und Personalchefs für das stern-spezial-Heft Campus & Karriere zeigt: Die Schwierigkeiten stecken vor allem in den Köpfen. Wenn man ein Kind bekommt, leidet der Beruf, glauben zwei Drittel aller Angestellten ohne Kind. Jede dritte Frau würde deshalb sogar auf Kinder verzichten. Und die Chefs? Jeder dritte denkt, dass Angestellte mit Kindern weniger flexibel sind. Und jeder siebte fürchtet, dass der Einsatz für die Firma nachlässt. Dabei zeigt die Studie auch: Es geht. Von den befragten Eltern sagen 73 Prozent: »Ja, ich bekomme Kind und Karriere unter einen Hut.«

Kreisverkehr oder Kinderbetreuung?

Allerdings: »Die Politik reagiert viel zu langsam«, sagt Torsten Engelhardt. Er hofft, dass jetzt die Ganztagsschulen ausgebaut werden, von denen alle so viel reden. Aber ob Oscar davon noch profitiert? In den Koalitionsverhandlungen haben sich Grüne und SPD darauf geeinigt, bis 2006 rund sechs Milliarden Euro in den Ausbau von Ganztagsschulen und Krippenplätzen zu investieren. Katharina Spieß vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin sieht darin eine »historische Zäsur«. Doch die Volkswirtin sagt auch: »Das reicht nicht. Neben dem Bund sind weiterhin auch die Länder und Kommunen gefordert. Sie müssen entscheiden: Wollen sie einen neuen Kreisverkehr oder mehr Kinderbetreuung?« Sie hat ausgerechnet, dass allein für den Ausbau der Betreuung von Kindern von bis zu sechs Jahren zusätzlich 2,6 Milliarden Euro pro Jahr nötig wären.

Profitieren würde davon zum Beispiel die Familie Kinschert/Diehl aus Wolfsburg. Ina Kinschert, 37, und Dietmar Diehl, 43, teilen sich die Betreuung ihrer Tochter Malin, 1. Beide arbeiten bei VW: sie als Sekretärin im Versuchsbau, er als Ingenieur in der Lackiererei. Jeder arbeitet eine Woche, dann wird getauscht. Ina Kinschert und ihr Mann nutzen das neue Elternzeit-Gesetz, das ihnen seit 2001 ermöglicht, parallel bis zu drei Jahre lang Teilzeit zu arbeiten. Doch danach, wenn Malin drei Jahre alt ist, fangen die Schwierigkeiten erst an.

Denn trotz des Rechtsanspruchs gibt es in Westdeutschland nicht genug Ganztagsplätze für Kinder ab drei Jahren. Der Anspruch gilt nur für vier Stunden pro Tag. Katharina Spieß vom DIW schlägt ein Gutschein-Modell vor. »Eltern sollen nicht länger als Bittsteller, sondern wie Kunden behandelt werden«, sagt sie. Statt den Kitas Geld zu zahlen, sollen die Eltern Gutscheine erhalten, die sie beim Kindergarten ihrer Wahl einlösen. Der Vorteil: Das Angebot müsste sich nach der Nachfrage richten. Die Kindergärten müssten sich um die Eltern bemühen, ihre Öffnungszeiten nach deren Bedürfnissen richten - und nicht wie bisher umgekehrt.

Das würde Bund und Länder zwar viel Geld kosten, doch die Investition zahlt sich aus. Im Auftrag des Sozialdepartment Zürich haben Experten ausgerechnet, dass für jeden Franken, der für Kindertagesstätten ausgegeben wird, etwa vier Franken an die Stadt zurückfließen. Ihr Kalkül geht so: Die knapp tausend Angestellten der Kindertagesstätten haben Jobs und zahlen Steuern. Die Eltern der Kinder arbeiten ebenfalls, zahlen Steuern und brauchen keine Sozialhilfe. Weil die Frauen dank der Kindergärten nicht lange aus ihrem Job aussteigen, können sie weiter die Karriereleiter hochklettern und noch mehr Geld verdienen. Und Zürich kassiert noch mehr Steuern. Außerdem sind Kinder, die in Kindergärten gehen, sozial stärker integriert. Sie kommen besser in der Schule klar und werden seltener kriminell, wie Langzeitstudien aus den USA ebenfalls belegen. Und selbst die Schweizer Unternehmen profitieren: Kindergärten sind ein Standortvorteil. Denn junge, qualifizierte Arbeitskräfte suchen ihren Job nicht zuletzt danach aus, wie gut das Angebot am Wohnort für Familien ist.

Nicht nur Chefs, auch Frauen müssen umdenken

Was sich in der Schweiz lohnt, würde sich auch in Deutschland rentieren. Katharina Spieß: »Wenn Frauen arbeiten, kassiert der Staat erhebliche Summen an Einkommensteuer, und die Sozialversicherungen bekommen mehr Beiträge. Und wenn die Alleinerziehenden durch eine bedarfsgerechte Kinderbetreuung endlich aus der Sozialhilfe rauskämen, sparen auch die Kommunen.«

In Deutschland gibt es für Kinder Bares statt Betreuung: 71 Prozent des familienpolitischen Budgets bestehen aus Geld (zum Beispiel Kinder- und Erziehungsgeld) und nur 29 Prozent aus Dienstleistungen wie Kindergärten. In Dänemark ist das genau andersherum. Dort sind 59 Prozent Dienstleistung. Werner Eichhorst, der für die Bertelsmannstiftung die Vereinbarkeit von Beruf und Familie untersucht hat, sagt: »Es ist ironisch, aber das deutsche Modell ist teuer und ineffizient. Im internationalen Vergleich schneidet es schlecht ab.«

Auch das Ehegattensplitting ist problematisch: Es subventioniert die Hausfrauenehe. Gut die Hälfte aller deutschen Paare leben nach diesem Einverdiener-Modell. Doch nur knapp sechs Prozent wollen das, so das Ergebnis der Bertelsmann-Studie. 90 Prozent der Mütter im Osten und 70 Prozent im Westen würden gern arbeiten. Aber sie können nicht, weil es nicht genügend Kindergärten gibt, so das Ergebnis einer Studie des Bundesfamilienministeriums. Ein Blick über die Grenze zeigt, wie es anderswo funktioniert: In Island, Dänemark oder Norwegen bekommen die Frauen nicht nur mehr Kinder, es arbeiten auch mehr. Weil es genug Kindergärten gibt.

Und wenn Unternehmen Eltern unterstützen, hat das nichts mit Nächstenliebe zu tun. Im Gegenteil: Sie profitieren. Weil Ina Kinschert und Dietmar Diehl sich mit ihren Chefs auf ihr »Schichtmodell« geeinigt haben, spart VW die teure Suche und Einarbeitung neuer Mitarbeiter. Dietmar Diehl: »Ich bin motivierter, möchte beweisen, dass es geht, und ich bin VW dankbar.« Von Karriereknick keine Spur. »Nicht nur die Chefs, auch die Frauen müssen umdenken«, sagt Ina Kinschert. »Die müssen aufhören zu denken: Nein, mein Mann kann das nicht.«

Selbst Schwiegermütter müssen neue Rollenmodelle zulassen. Dietmars wollten jeden Morgen kommen, um ihm zu helfen. Begründung: »Er ist doch ein Mann.«

Catrin Boldebuck