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Sexismusvorwürfe bei Uber: Wenn dein Chef dich belästigt und alle es leugnen

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist eine Diskriminierung und verboten. Doch immer noch setzen sich Menschen darüber hinweg. Eine Ex-Mitarbeiterin ließ am Wochenende beim Fahrdienst Uber die Bombe platzen: Eine Beschwerde hätte das Ende ihrer Karriere bedeutet.

Uber-Firmenschild

Uber-Sitz in San Francisco, USA: CEO Travis Kalanick ordnete am Montag umgehende Ermittlungen an, nachdem die Ingenieurin Susan Fowler behauptet hatte, eine Beschwerde über ihren Vorgesetzten wegen sexueller Belästigung hätte das Ende ihrer Karriere in dem Konzern bedeutet

Susan Fowler hat von November 2015 bis Dezember 2016 als Software-Ingenieurin für den Fahrdienst-Vermittler Uber gearbeitet, in dessen Zentrale in San Francisco. Inzwischen hat sie ihren Arbeitgeber gewechselt. Nicht weil sie nach einer neuen Herausforderung gesucht hat, sondern weil sie bei der Firma Dinge erlebt hat, die man in diesem Jahrtausend in Kalifornien nicht vermuten würde. Am vergangenen Wochenende hat Fowler in ihrem Blog davon berichtet, "solange die Erinnerung noch frisch ist" – und bereits zahlreiche Reaktionen erhalten. "Nachdenken über ein sehr, sehr seltsames Jahr bei Uber", heißt ihr ausführlicher Bericht.

Susan Fowler hat für Uber als Entwicklerin (SRE) gearbeitet, damals bestand der Bereich bei Uber aus diversen neuen Teams bestand, die sich mit Programmierschnittstellen herumschlugen. Nach ein paar Wochen Einarbeitung hatte Fowler das Team gefunden, in der sie ihre Kenntnisse am besten einbringen konnte – war bei ihrer Wahl aber an einen Chef aus der Hölle geraten. Schon an ihrem ersten offiziellen Arbeitstag schickte er ihr Nachrichten, die in die Kategorie sexuelle Belästigung fallen.

"Offene Beziehung, aber keine Chance bei den Frauen"

Der Manager klagte ihr im Firmenchat sein Leid über sein Privatleben, in dem er und seine Freundin eine offene Beziehung führten. Seiner Freundin fiele es leicht, immer wieder neue Partner zu finden, ihm jedoch nicht. Er sei deswegen auf der Suche nach Frauen, mit denen er Sex haben könne. Fowler verstand das so, wie es gemeint war: als ein eindeutiges Angebot. Sexuelle Belästigung einer beruflich abhängigen Mitarbeiterin. Fowler machte Screenshots von dem Chatverlauf und sandte sie an die Personalabteilung.

Weil Uber bereits ein großes Unternehmen war, glaubte Fowler, es gäbe dort einen professionellen Umgang mit Vorkommnissen wie diesen. Doch die Antwort, die sie bekam, fiel anders aus: Sowohl die Personalabteilung als auch die obere Chefetage ließen sie wissen, dass es sich zwar um sexuelle Belästigung handle, doch dass es für den Mann das erste Vergehen dieser Art sei. Der Manager sei ein Leistungsträger mit guten Bewertungen seiner Vorgesetzten und man würde ihn ungern bestrafen. Das alles sei wohl ein "harmloses Missverständnis".

Bestraft wurde Fowler

Fowler wurde vor die Wahl gestellt: Entweder sie wechsele das Team, sodass sie nie wieder mit dem Chef zusammenarbeiten müsse, oder sie bleibe, würde dann aber wohl mit schlechten Bewertungen rechnen müssen. Daran ließe sich jedoch nichts ändern. Man habe die Entscheidung ja ihr überlassen. In den USA bestimmen in Firmen wie Uber regelmäßige Bewertungen durch Vorgesetzte das Gehalt, Boni, Förderung und Aufstiegschancen.

Fowler hatte nicht den Eindruck, wirklich eine Wahl zu haben, ihre Expertise bestand genau in dem Aufgabenbereich des Team, dem sie sich angeschlossen hatte. Auch weitere Versuche, gegen ihren Chef vorzugehen, blieben erfolglos. Also wechselte Fowler schließlich das Team, arbeitete sich ein und war letztlich glücklich mit ihrer Arbeit. Sie schrieb sogar einen Bestseller über ihre Methodik.

Im Laufe der Zeit begegnete Fowler anderen weiblichen Entwicklern – und hörte plötzlich ähnliche Geschichten. Sogar über exakt den Manager, der auch sie belästigt hatte. Die Personalabteilung und das Management hatten gelogen, ihr Fall war nicht sein "erstes Vergehen" gewesen.

Berufliche Konsequenzen – nur für Fowler

Als sich die mangelnde Arbeitsstruktur in Fowlers Bereich nicht besserte, begannen ihre Entwickler-Kollegen sich auf andere Stellen zu bewerben. Auch sie entschloss sich zu wechseln – doch stieß auf Widerstand. Ihre Vorgesetzten sprachen von "nicht dokumentierten Leistungsproblemen". Fowler wusste es besser: Sie hatte alle Jobs pünktlich beendet, trotz der fragwürdigen Strukturen jede Deadline eingehalten und es gab bereits Chefs, die sie in ihrem Team haben wollten. Fowler hakte nach und erfuhr, dass "Leistungsprobleme nicht immer etwas mit der Arbeit, sondern manchmal auch jenseits von Job und Privatleben existieren" können. Was das bedeutet, vermochte Fowler nicht zu deuten. Sie gab auf und wartete auf die nächste Beurteilungsrunde.

Ein paar Monate später erhielt sie ausgezeichnete Kritik und versuchte erneut zu wechseln. Plötzlich erfuhr sie, dass ihre Bewertung umgeschrieben worden sei. Und das hatte neben den Gehalts- und Bonus-Einbußen noch andere Konsequenzen: Fowler verlor ihren Platz an der Stanford-Universität, wo sie an einem von Uber gesponserten Programm hätte teilnehmen können. Doch nun fehlten ihr die dafür notwendigen Empfehlungen.

Uber – kein Arbeitgeber für Frauen?

Fowler begann erneut, alles zu dokumentieren und sämtliche Geschehnisse oder E-Mails mit sexistischem Inhalt an die Personalabteilung weiterzuleiten. Die Ereignisse spitzten sich immer weiter zu, bis die Personalleiterin um ein Gespräch bat. Darin erklärte sie, dass es in allen Mails ja immer nur um Fowler gehe – ob sie nicht am Ende gar selbst das Problem sei. Fowler wurde befragt, ob die Frauen im SRE-Team befreundet seien, viel tratschen, chatten, mailen würden. Als Fowler entgegnete, dass nur sehr wenige Frauen in dem Bereich arbeiteten, fand die HR-Managerin einen neuen Dreh: Manchmal seien Menschen eines bestimmten Geschlechts und gewisser ethnischer Herkunft für manche Jobs einfach besser geeignet als andere. Das Verhältnis der Geschlechter im technischen Bereich dürfe sie also nicht überraschen.

Eine Woche drauf folgte ein finales Gespräch. Fowlers Chef sagte ihr, sie bewege sich auf sehr dünnem Eis, weil sie ihren Chef bei der Personalabteilung gemeldet habe. Sie könne deswegen umgehend entlassen werden. Fowler meldete diese Falschaussagen der Personalabteiling und dem CTO. 


Keine Woche später hatte Fowler ein Angebot für einen neuen Job. Sie kündigte. An ihrem letzten Tag bei Uber stellte sie eine Rechnung auf: Von mehr als 150 Ingenieuren in den SRE-Teams waren nur noch 3 Prozent Frauen übrig.

Inzwischen existieren rund 140.000 Tweets zu #Uber. Interne Untersuchungen sind angekündigt. Uber-Gründer und CEO Travis Kalanick hat seine volle Unterstützung zugesagt. 


bal