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Umschulung zu Erziehern Hartz IV - das letzte Aufgebot


In Deutschland fehlen 25.000 Erzieher. Umgeschulte Arbeitslose sollen die Lücken stopfen. Doch langfristig müsse der Beruf attraktiver werden, so die Gewerkschaft. Sonst drohten Kitas ohne Personal.
Von Gernot Kramper

Erzieher ist ein Beruf mit Zukunft. Zwar steht kein neuer Babyboom bevor, aber da immer mehr Eltern ihre Kinder einer Kita anvertrauen wollen, steigt der Bedarf. Vom 1. August 2013 an haben Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder, die den ersten Geburtstag hinter sich haben. Die Kommunen können die Eltern dann nicht mehr abwimmeln. Obwohl der Beruf also krisensicher ist, fehlen etwa 25.000 Erzieher, so die Schätzung des Deutschen Jugendinstituts.

Etwa 5000 Stellen sollen nun durch die Qualifizierung von Langzeitarbeitslosen besetzt werden. "Unter den Langzeitarbeitslosen haben wir etwa 800.000 Menschen, die die schulischen Voraussetzungen dafür erfüllen", sagte das Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, Heinrich Alt. Durch intensive Beratung hofft er rund 5000 Arbeitslose für den Beruf der Erzieherin oder des Erziehers gewinnen zu können. Ausdrücklich soll die Teilnahme an dem Programm freiwillig sein. Eine wichtige Klarstellung, denn in anderen Fällen können Langzeitarbeitslose durch vielfältige Strafen zur Teilnahme an Maßnahmen gezwungen werden.

Umschulungen bislang verhindert

Aber kann man Arbeitslose überhaupt zu Erziehern umschulen? Bernhard Eibeck, Fachreferent der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, hält das nicht rundheraus für unmöglich. "In diesem großen Pool wird es auch geeignete Personen geben", sagte er stern.de. "Trotzdem ist das jetzt populärer Aktionismus." Denn Umschulungen hätte man schon viel früher haben können, wenn man gewollt hätte.

Eibeck erinnert daran, dass die Regelungen der Bundesagentur für Arbeit genau dies bislang verhindert hätteFE. "Damit eine Umschulung von der BA finanziert wird, ist es Voraussetzung, dass die geförderte Ausbildung ein Drittel kürzer ist, als der normale Ausbildungsgang." Bisher hätten sich die Träger so einer Schnellausbildung verweigert. "Leider kann man noch nicht erfahren, wie die Bundesanstalt sich das in Zukunft vorstellt. Finanzieren sie eine normale Ausbildung oder beharrt sie auf einem Turbo-Abschluss?"

Programmierter Mangel

Zum August 2013 stehen die Umgeschulten ohnehin nicht zur Verfügung. Die normale Ausbildung zu Erzieherin dauert meist drei Jahre, davon entfallen zwei auf die schulische Ausbildung an einer Fachschule und ein Jahr Praktikum. Erst 2015 dürften also die ersten Ex-Arbeitslosen mit der Arbeit als Erzieher beginnen. Bis dahin muss weiter improvisiert werden.

Überraschend kommt der Erziehermangel nicht. Der festgeschriebene Rechtsanspruch ist seit fünf Jahren bekannt. Und nicht nur der Ausbau der Kleinkinderbetreuung erhöht die Nachfrage nach Erziehern. Immer mehr Grundschulen bieten heutzutage eine Nachmittagsbetreuung an, eine Aufgabe, die von Erzieherinnen übernommen wird. Aber auch kleinere Gruppen und längere Öffnungszeiten in den bestehenden Einrichtungen führen zu mehr Arbeitsstunden.

Dauerhafter Gehaltsfrust

Während der Bedarf unaufhörlich steigt, ist Erzieher bei Schulabgängern kein Traumberuf. Wichtiger als ein Einmal-Programm mit Arbeitslosen sei es, den Beruf der Erzieherin dauerhaft aufzuwerten, sagt Gewerkschaftsexperte Eilbeck. Ein wichtiger Faktor sei dabei das Gehalt. Der Einstiegsverdienst einer Erzieherin liegt bei 2160 Euro, eine erfahrene Kraft erreicht etwa 2500 Euro. Je nach Steuerklasse bleiben dann etwa 1700 netto.

Die Gehälter liegen damit auf einem Level mit vielen Lehrberufen. Ein Unterschied ist allerdings, dass eine Schulabgängerin, die Erzieherin werden möchte, auf der Fachschule zunächst gar kein Gehalt bezieht. "Später vergleichen sich Erzieherinnen aber mit einer Grundschullehrerin und nicht mit einer Fleischfachverkäuferin an der Ladentheke," sagt Eibeck. Beides seien pädagogische Tätigkeiten mit ähnlichen Anforderungen. "In diesem persönlichen Vergleich fehlen dann 1000 Euro. Und darum empfinden viele Erzieherinnen ihr Gehalt als ungerecht und sind damit massiv unzufrieden."

Dauerhaft könne nur eine höhere Akademikerquote dieses Problem lösen. Dazu müssten entsprechende Studiengänge geschaffen werden. Höhere Gehälter werden jedoch zu steigenden Kosten führen. Nach Meinung des Gewerkschaftsexperten ist das aber alternativlos. "Mit dem jetzigen Gehaltsgefüge erreicht man eine gute Abiturientin nicht mehr. Etwas überspitzt kann man sagen: Für alle, die auch studieren könnten, ist der Beruf Erzieher derzeit wirtschaftlich keine Alternative."


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