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ESG-Investment Nachhaltig investieren mit grünem Gewissen

Windkraftanlagen vor einem Sonnenuntergang.
Grüne Investments versprechen rentable Geldanlagen, die zudem Nachhaltigkeit fördern. Noch ist der Markt jedoch überschaubar. (Symbolbild). 
© Jan Woitas / DPA
Geldanlagen, die zu sauberen Meeren und weniger Kriegen führen: Grüne Investments sind aktuell angesagt wie nie. Doch wie kann man sich sicher sein, dass das eigene Investment zu einer besseren Welt beiträgt? Experten nehmen den Gesetzgeber in die Pflicht.

Gutes tun und dabei Geld verdienen: Grüne Investments bieten zahlreiche Möglichkeiten zu einer umweltfreundlicheren Welt beizutragen. Nachhaltige Geldanlagen, wie ein Windpark in Norwegens Fjorden oder ein Wasserkraftwerk mit imposantem Staudamm in Portugal boomen. Viele Anbieter werben mit verlockenden Naturbildern. Doch Verbraucherschützer bezweifeln, dass überall Umweltschutz drinsteckt, wo Nachhaltigkeit draufsteht und fordern klarere Kriterien für den wachsenden Markt.

Mehr Menschen wollen mit gutem Gewissen investieren

Der Trend ist eindeutig: Immer mehr Menschen ist es wichtig, ihr Geld nicht in x-beliebige Unternehmen anzulegen, sondern dabei auch ein gutes Gewissen zu haben. Zuerst waren es vor allem Großanleger, doch jetzt investieren auch immer mehr Privatleute in Produkte, die sich Umwelt, Soziales sowie einen fairen und verantwortungsbewussten Umgang mit den Beschäftigten auf die Fahnen schreiben. Binnen weniger Jahre ist das Volumen nachhaltiger Fonds laut Branchenverband BVI um mehr als 100 Milliarden Euro gewachsen. Privatanleger haben allein im Jahr 2019 ihre Investments in diesem Bereich fast verdoppelt, wie Daten des Forums Nachhaltige Geldanlagen zeigen.

Gemessen am Gesamtmarkt sind nachhaltige Fonds zwar noch eine Nische, der grüne Zeitgeist treibe das Thema aber voran, sagen Experten: Fridays for Future, der Kohleausstieg, die Berühmtheit von Aktivistin Greta Thunberg. Einer Umfrage für den Verbraucherzentrale Bundesverband zufolge ist jeder zweite Verbraucher grundsätzlich dazu bereit, Geld nachhaltig anzulegen. Knapp vier von fünf wollen dabei aber nicht auf Rendite verzichten.

Experte: Nachhaltige Investitionen versprechen Rendite

Andreas Oehler, der sich als Professor für Finanzwirtschaft der Universität Bamberg mit nachhaltigen Geldanlagen befasst, meint, dass sie das in der Regel auch nicht müssen. "Die frühere Regel, dass nachhaltig investieren ein Verzicht auf Rendite bedeutet, gilt nicht mehr", sagt er. In den vergangenen Jahren hätten Fonds, die glaubhaft nachhaltig arbeiteten, bei gleichem Risiko gleiche oder höhere Renditen erbracht als herkömmliche Anlagen.

Nachhaltig anlegen kann man auf vielfältige Art und Weise: vom Direktinvestment in Windräder über grüne Bundesanleihen bis hin zu aktiv gemanagten Fonds und ETFs, die einen Aktienindex nachbilden. Meist werden bei solchen Fonds Aktien von Firmen ausgeschlossen, die Geld mit Kohle, Öl, Alkohol oder Waffen verdienen. Doch allgemeingültige Kriterien oder eine Art Gütesiegel gibt es nicht.

Nachhaltigkeit braucht Regeln

"Nachhaltigkeit ist ein fantastisches Werbeversprechen", sagt Verbraucherzentralen-Chef Klaus Müller. Doch häufig sei es schwer zu überprüfen, wie nachhaltig ein Unternehmen oder Produkt tatsächlich sei. Nach Ansicht von Oehler muss zum Beispiel gesetzlich festgelegt werden, ob Atomkraft als nachhaltig gilt und ob nur geächtete Waffen oder alle Waffen ausgeschlossen sein sollen. Außerdem sollten Schwellenwerte festgelegt werden: Da gehe es etwa um die Frage, ob bei einem nachhaltigen Fonds noch fünf Prozent des Umsatzes aus Kinderarbeit oder Atomenergie stammen dürften oder nicht.  "Deswegen braucht es dringend eine gesetzliche Definition von Nachhaltigkeit, die Verbrauchern Sicherheit gibt", fordert er.

Das sieht auch die EU-Kommission so. Zumindest für den europäischen Markt will sie daher ein einheitliches System der Klassifizierung der Nachhaltigkeit einführen: die EU-Taxonomie. Das System orientiert sich an den EU-Klimazielen und überprüft, inwieweit das Handeln eines Unternehmens diesen Zielen zugute kommt oder ihnen zuwiderläuft. Wenn die Taxonomie 2021 verbindlich wird, müssen Unternehmen die entsprechenden Daten offenlegen. Am Ende schwebt der EU eine Art Nachhaltigkeits-Gütesiegel vor, vergleichbar mit dem Siegel zur Energieeffizienzklasse bei Elektrogeräten.

Außerdem könnten Bankberater bald verpflichtet sein, Privatkunden zu fragen, ob sie ihr Geld lieber nachhaltig anlegen wollen. Doch wie können Verbraucher sichergehen, dass nachhaltige Anlagen auch wirklich zu mehr Nachhaltigkeit führen, also für weniger Treibhausgase, sauberere Meere oder weniger Waffen sorgen?

Nachhaltiges Investment könnte die Welt besser machen - langfristig

Die Wirtschaftswissenschaftler Marco Wilkens und Christian Klein kommen in einem Gutachten für die Verbraucherzentralen zu dem Schluss, dass direkte Effekte über den Kapitalmarkt zwar möglich, aktuell aber kaum nachweisbar sind. "Angebote der Finanzindustrie, die mit einem direkten Beitrag ihrer Anlageprodukte zu bestimmten Nachhaltigkeitszielen werben, und zugleich marktübliche Renditen versprechen, müssten demnach kritisch hinterfragt werden", folgern die Verbraucherschützer.

"Die große Gefahr für Verbraucher ist, dass Anbieter das Grüne vom Himmel versprechen, ohne dass sich tatsächlich etwas bewegt", sagt Müller. Oehler fordert, dass sie die Einhaltung ihrer Versprechen nachvollziehbar belegen müssen. "Die Anbieter sollten einen definierten Katalog an Informationen vorlegen müssen. "Er warnt aber vor zu hohen Erwartungen: "Man sollte nicht der Illusion unterliegen, genau das zu bekommen, was man sich vorstellt. Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung erhält man nur näherungsweise und mit bescheidener Transparenz." Das sei aber kein Grund, nicht in nachhaltige Fonds zu investieren.

Auch wenn das Heer der kleinen Privatanleger derzeit die Märkte wahrscheinlich stärker durch ein nachhaltiges Konsumverhalten bewegt, schärfen die Zuwächse in der grünen Geldanlage  Bewusstsein der Unternehmen. Umweltschutz, schonender Umgang mit Ressourcen und die faire Behandlung der Mitarbeiter könnten langfristig zur "harten" Währung werden, der sich am Markt kapitalisieren ließe. Das wäre doch ein guter Anfang.

jus/ Theresa Münch DPA

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