10 Jahre T-Aktie Kaufen, halten oder verkaufen?


Millionen Menschen haben in T-Aktien investiert - und haben Geld verloren. Nun hat die Telekom mit René Obermann einen neuen Vorstandsvorsitzenden. Was bedeutet das für die T-Aktionäre - und solche, die es werden wollen?
Von Johannes Röhrig

Eine Geschichte erzählen die Frankfurter Aktienexperten immer wieder gern: Im März 2000, als die Aktie der Deutschen Telekom ihren historischen Höchststand erreichte und der Neue Markt fiebrige Erwartungen weckte, rief ein Privatinvestor an und beschwerte sich bitterlich, er sei an der Börse schon wieder leer ausgegangen - zuletzt bei der "Inferno-Emission". Es dauerte eine Weile, bis man beim Deutschen Aktieninstitut (DAI) wusste, was der Mann meinte: Er hatte versucht, beim überzeichneten Debüt der Computerchipfirma Infineon zum Zuge zu kommen. Nicht nur der Name des Unternehmens war ihm fremd geblieben, sondern auch der Sinn einer Emission: Dass eine Aktie fortan gehandelt wird und er jederzeit Papiere kaufen konnte, wenn er das Unternehmen wertschätzte, wusste der Anrufer nicht.

Mal ehrlich, sind nicht viele von uns Inferno-Investoren gewesen? Planlos, hilflos, Geld los?

Zehn Jahre ist es am 18. November her, dass aus einem Volk eingeschworener Bundesschatzbrief-Anleger plötzlich Spekulanten wurden: Damals ging die Telekom an die Börse, für Millionen war dies die Initialzündung für das Wagnis Aktie. Rund 1,9 Millionen Privatanleger stiegen zu umgerechnet 14,32 Euro ein. Im Juni 1999 ging die zweite Tranche für 39,50 Euro an die Anleger. Wer damals kaufte, konnte Gewinne machen. Bis über 103 Euro kletterte das Papier.

Reklame ist kein Prüfsiegel

Drei Millionen Privatanleger erwarben die T-Aktie allerdings erst beim dritten Telekom-Börsengang im Juni 2000 - zu immerhin 66,50 Euro. Seitdem machten die Spätzeichner mit der Aktie große Verluste. Viele halten das Papier noch immer im Depot. Nach dem Motto: Ausstieg verpasst, jetzt ist ohnehin alles zu spät. Da wäre es tröstlich, wenn man zumindest einen Schuldigen für das Desaster haftbar machen könnte. Doch so leicht ist das nicht, wie die Rückschau zeigt:

- einige Anleger fühlen sich vom früheren "Tatort"-Kommissar Manfred Krug hinters Licht geführt, der einst als Werbefigur den Einstieg in die Telekom-Aktie pries. Nun ja, von Reklame darf man keine Prüfsiegel erwarten. - rund 16000 enttäuschte Anleger klagen gegen die Telekom, weil diese damals ihre Immobilien zu hoch bewertete. In der Sache haben sie wohl Recht. Aber kauften die Deutschen wirklich die T-Aktie, weil die Telekom so viele schöne Sendemasten und Schalthäuschen besitzt?

- schließlich gibt Ron Sommer den Buhmann ab, der alerte ehemalige Telekom-Chef. Sommer trieb den Konzern in die wilde Expansion und die Schulden in die Höhe; die Sorgen der Kleinaktionäre kümmerten den Manager-Star dabei wenig. Auf seiner letzten Aktionärsversammlung wurde er dafür ausgepfiffen wie kaum ein Unternehmenschef zuvor. Doch aus heutiger Sicht erweist sich selbst der milliardenteure Einstieg in das US-Handygeschäft, den Sommer im Jahr 2000 betrieb, strategisch als richtig. Wenigstens hier verbucht die Telekom noch Wachstum.

Der Staat schränkt Telekom ein

Augenwischerei betrieb allerdings der Bund. Der Staat ist noch heute mit fast 32 Prozent größter Telekom-Eigner. Viele - vor allem ältere - Kleinanleger glaubten damals, wo der Bund mitspielt, muss es besonders solide zugehen. Weit gefehlt: Die Einnahmen aus dem dritten Telekom-Börsengang, der so viele Aktionäre zu Verlierern machte, kassierte komplett der Staat – rund 13 Milliarden Euro. Um dann der Branche nur Monate später durch eine Versteigerung der Lizenzen für den neuen Handystandard UMTS Milliardenlasten aufzubürden, die auch die Telekom weiter in die Verschuldung trieben.

Tatsächlich ist es gerade die starke Rolle des Staates bei dem Ex-Monopolisten, die die Beweglichkeit des Unternehmens einschränkt. Denn der Bund will alles auf einmal: steigende Kurse, sinkende Telefonpreise für die Bevölkerung, sichere Arbeitsplätze für die 170.000 Telekom-Beschäftigten in Deutschland. Es sei ein Spagat, sagt der neue Telekom-Chef René Obermann, die Interessen zwischen Aktionären und Arbeitnehmern unter einen Hut zu kriegen.

Schlechte Zeiten - für Mitarbeiter

Was heißt das nun für die T-Aktie: kaufen - halten - oder verkaufen?

Im Unternehmen kriselt es gewaltig: Im Festnetz verliert die Telekom massenhaft Kundschaft. Das Handy-Geschäft boomt nur noch im Ausland. Bei schnellen Internetanschlüssen punktet die Konkurrenz. Skeptiker unter den Bankanalysten schätzen die Zwänge für die neuen Telekom-Spitze größer ein als die Chancen. Der 43-jährige Obermann machte seine Karriere zum großen Teil bei der Telekom, zuletzt als Chef des Handygeschäfts T-Mobile. In der Finanzbranche hätte man sich für den abgelösten Kai-Uwe Ricke einen Nachfolger von außerhalb gewünscht.

Die Optimisten allerdings glauben, dass sich die Telekom mittelfristig wandeln kann: zu mehr Stabilität im Inland, Kostensenkung und Wachstum im Ausland. In Europa steht die Telefonbranche vor neuen Fusionen. Die Telekom könnte auf der Gewinnerseite stehen. Gleichzeitig baut der Konzern im Inland massiv Stellen ab: 32000 Mitarbeiter sollen bis 2008 das Unternehmen verlassen. Und auch danach soll der Jobabbau weitergehen - schlecht für die Telekom-Mitarbeiter, gut für Aktionäre.

Pokern mit Absicherung

Heute besitzen fast zehn Millionen Menschen in Deutschland Aktien oder Fondsanteile - doppelt so viele wie vor dem Börsenstart der Telekom. Doch haben die Anleger aus dem Absturz des Neuen Marktes und dem Niedergang der T-Aktie gelernt? Eher nicht. "Die Deutschen neigen zum Aktienkauf, wenn die Kurse hoch sind, und sie verkaufen, wenn der Kurs im Keller hängt", sagt Franz-Josef Leven vom Aktieninstitut DAI.

Fazit für Kleinanleger: Wer heute bei einem Kurs um die 13,60 Euro die T-Aktie kauft, pokert mit überschaubarem Risiko. Das Papier verspricht zudem eine sichere Dividende. Und wer sich außerdem mit einer "Stop Loss"-Order absichert - also einem automatischen Verkauf, falls das Papier etwa unter zehn oder elf Euro fällt - der vermeidet die Fehler der ersten Anleger-Generationen.


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