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Aida Cruises: Reederei auf Expansionskurs

Der Kreuzfahrtenmarkt boomt nun auch in Deutschland, und mit Rückenwind von der eigenen Konzernmutter Carnival Cruises will sich auch die Rostocker Reederei Aida davon ein Stück sichern. Erster Schritt: Aida stockt die Flotte auf.

Ein Job auf einem Aida-Clubschiff? Nein, das kam für Globetrotterin Anja Ronge-Pohl eigentlich nicht in Frage. Party rund um die Uhr, schrilles Publikum, kein Platz für Etikette, das alles passte für die seeerfahrene Tourismusmanagerin nicht mit der Idee der Kreuzschifffahrt zusammen. Mit solchen Vorurteilen belächelten einst viele Kenner der Branche den Versuch eines Rostocker Schifffahrtsunternehmens, frischen Wind in den traditionsreichen, etwas verstaubten Kreuzfahrturlaub zu bringen. Vor genau zehn Jahren ging das erste, bunt bemalte Aida-Clubschiff auf Fahrt. Heute sind es vier, noch einmal so viele wurden bereits auf der Meyer Werft Papenburg als Neubauten in Auftrag gegeben.

Deutsche entdecken den Urlaub auf See

Mit Rückenwind der Mutter Carnival Cruises ist die Rostocker Reederei Aida Cruises auf Expansionskurs. 1,3 Milliarden Euro werden investiert, die Zahl der Passagierbetten auf Schiffen der Reederei steigt von jetzt 5400 auf 12.000. "Wir holen das nach, was in den anderen Ländern vor 10 oder 20 Jahren stattgefunden hat", sagt Unternehmenssprecher Hansjörg Kunze. Die Deutschen entdeckten Urlaub auf See für sich. Waren es vor zehn Jahren unter 0,1 Prozent der Bundesbürger, die eine Kreuzfahrt buchten, sind es jetzt zwischen 0,8 und einem Prozent. "Deutschland ist der am schnellsten wachsende Kreuzfahrtmarkt in Europa, daran wollen wir teilhaben", sagt der Sprecher.

Genau genommen haben die Rostocker diesen Trend wesentlich mitbestimmt. Das erste Aida-Schiff, später in Aidacara umbenannt, war eine kleine Sensation. Mit einem verführerischen Kussmund und erotischem Augenaufschlag am Bug wurde der Kreuzfahrer nicht nur zum beliebtesten Fotomotiv in den Häfen der Welt. Die bunte, etwas freche Bemalung stand auch als Zeichen für das Leben an Bord. Erstmals auf dem europäischen Markt wurden speziell Familien mit Kindern, Großeltern mit Enkeln, mehrere Generationen und auch viele Interessensgruppen von Sport- bis Kulturfans angesprochen. Das Durchschnittsalter sank von über 60 auf 42 Jahre. "Da sind die Kinder nicht mitberechnet", wie Präsident Michael Thamm nicht müde wird zu betonen. Und von ihnen gibt es eine Menge an Bord, mitunter mehrere hundert bei den bis zu 1400 Passagieren.

Pluspunkt: Keine Kleiderordnung

Ein Kreuzfahrtschiff ohne Tischzwang und Kleiderordnung, dennoch mit Fünf-Sterne-Gastronomie und niveauvoller Unterhaltung - das Angebot für deutsche Urlauber kam offenbar genau richtig. Seit Indienststellung der ersten Aida, damals getauft von Bundespräsidentengattin Christiane Herzog, fährt die Flotte trotz stetiger Aufstockung mit einer Auslastung von mehr als 90 Prozent. "Die Branche funktioniert angebotsgetrieben, das heißt, neue Schiffe ziehen neues Publikum nach", erläutert Kunze. Schon Wochen vor ihrer Indienststellung waren die Aida-Neubauten ausgebucht.

Ab Frühjahr 2007 kommt das erste Schiff der so genannten Phönix-Klasse zum Einsatz. Es ist größer als alle Vorgänger und bietet bis zu 2050 Passagieren plus Besatzung Raum. Wenn dafür auch das dienstälteste Clubschiff, die 1990 in Italien gebaute und vor sechs Jahren modernisierte Aidablu verkauft wird, müssen doch langfristig neue Fahrtgebiete für die Flotte erschlossen werden. Nord- und Ostsee seien groß im Kommen, wie Thamm prognostiziert. Schon jetzt lägen diese Reviere in der Gunst deutscher Passagiere vor Mittelamerika, Karibik und Kanaren. Aber auch neue Reiseziele in Asien, Afrika und Amerika sind im Gespräch.

Immer wieder neue Länder, entspannte Gäste auf einem "stilvollen Schiff voller Pfiffigkeiten" - letztlich habe die Sucht auch sie erfasst, sagt Anja Ronge-Pohl lächelnd. Die gebürtige Dänin ist seit Jahresbeginn Hotelmanagerin auf der Aidaaura. Die 36-Jährige leitet zwei Drittel der knapp 400 Crewmitglieder an. Deren Durchschnittsalter liegt mit 30 Jahren sogar noch weit unter dem des ohnehin schon "jugendlichen" Aida-Publikums.

Katrin Schüler/DDP / DDP