Autoindustrie "Ich wette, die brauchen Mehrarbeit"


Die Absatzzahlen von Neuwagen brechen ein, einige Autobauer stoppen ihre Produktion zeitweise ganz. Im stern.de-Interview sagt Werner Neugebauer, IG Metall-Bezirksleiter Bayern und Mitglied im Aufsichtsrat von BMW, seit wann sich die Probleme abzeichnen und fordert von der Politik Klarheit bei der CO2-Besteuerung.

Seit wann sind die Probleme bei BMW bekannt?

Wir hatten bereits im Mai eine Aufsichtsratssitzung in Steyr, auf der die schwierige Situation für BMW in den USA besprochen wurde. 60 oder 70 Prozent des Geschäftes laufen dort über Leasingverträge. Viele amerikanische Kunden konnten aufgrund der Immobilienkrise ihre Verträge nicht zu Ende führen, und die Restwerte der Autos haben sich in den USA natürlich massiv nach unten bewegt. BMW musste fast 600 Millionen Euro zurückstellen. Als Anfang August auch noch schlechte Zahlen aus England und Spanien gemeldet wurden, hat man beschlossen, 25.000 Fahrzeuge aus der Produktion herauszunehmen. Wie gesagt, das war Anfang August, da redete in Deutschland noch niemand von einer Finanzkrise.

Aber auch in Deutschland geht die Nachfrage zurück.

Ja, aber der Hauptgrund ist die CO₂-Diskussion. Die Menschen sind verunsichert. Die sagen, wenn ich jetzt ein Auto kaufe und es sechs oder acht Jahre fahre, dann will ich wissen, wie der CO₂-Ausstoß besteuert wird. Man will doch nicht hinterher als Umweltsau dastehen. Diese Verunsicherung gibt es nicht nur bei BMW. Aber weder die Autohersteller, noch die Politik haben eine Antwort darauf. Nun kommt noch die Finanzkrise dazu und die Menschen sagen, ich weiß nicht, wie es um mein Geld steht, ich leg lieber etwas zurück, anstatt zu konsumieren. Aber der Kern des Problems ist die Unklarheit in Sachen CO₂-Besteuerung und nicht, ob ein Auto 500 Euro teurer oder billiger ist.

Die Autohersteller reden von der größten Krise aller Zeiten, und BMW drosselt die Produktion nochmals um 40.000.

BMW hat bis September 2008 1,7 Prozent mehr Fahrzeuge gebaut als im Vergleichzeitraum des Vorjahres. Und 2007 war ein hervorragendes Jahr. Jetzt produzieren die insgesamt 65.000 weniger und landen am Jahresende bei etwa 1,4 Millionen Autos. Das ist ein Rückgang von etwa fünf Prozent. Ich freue mich darüber nicht. Natürlich ist das ein Rückschritt. Aber wir tun ja gerade so, als ob die ganze Republik zusammenbrechen würde. Ich muss in den Zeitungen lesen, dass der Gewinn um 63 Prozent eingebrochen ist. Ja, im dritten Quartal 2008 im Vergleich zum dritten Quartal 2007, das eines der besten in der Geschichte von BMW war! Und es ist immer noch ein Gewinn. Am Jahresende wird BMW etwa zwei Milliarden Euro verdient haben. Solche Krisen möchte ich einmal haben.

Welches Interesse haben die Autobauer an negativen Schlagzeilen?

Ich kenne BMW seit 37 Jahren. Was glauben Sie, wie viele Jahre wir hatten, wo alle Leute sich gefreut haben, dass sie zwischen Weihnachten und Heilige Dreikönige daheim bleiben konnten. Da hat keiner "Krise" geschrieen. Da hat keiner versucht, Katastrophenszenarien herzustellen. Aber aktuell kann man das ganz gut brauchen. Man braucht es wegen der CO₂-Debatte und um von den eigentlichen Problemen abzulenken; man braucht es, damit die Bundesregierung ihren Geldbeutel aufmacht. Und man hat es für die Tarifrunde in der Metallindustrie gebraucht.

Was ist Ihre Prognose für das nächste Jahr? Wird sich die Absatzkrise verschärfen?

Was wir unbedingt brauchen, um diese Vertrauenskrise zu beenden, ist Klarheit. Die Politik muss eindeutig sagen, wie die CO₂-Besteuerung in Zukunft aussehen soll. Und in der Autoindustrie passiert Folgendes: Jetzt haben fast alle Autobauer ihre Produktion abgesenkt. Das führt zu einem Absturz bei den Zulieferern. Ich verwette mindestens eine gute bayrische Brotzeit, dass spätestens im Februar bei allen, die jetzt auf Null gestellt haben, Mehrarbeit geleistet werden muss, um die Nachfrage wieder zu stillen.

Interview: Doris Schneyink

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