Computerhersteller Acer Im globalen Kriegsraum


Das taiwanesische Unternehmen Acer ist mittlerweile zum weltweit drittgrößten Computerhersteller aufgestiegen. Welche Strategie verfolgt der Konzern? stern.de hat die Acer-Zentrale in Taiwan besucht - und der Firmenleitung das Geheimnis ihres Erfolges entlockt.
Von Ellen Deng und Adrian Geiges

Im sogenannten "Kriegsraum" auf der achten Etage der Acer-Zentrale in Taiwans Hauptstadt Taipei starren Präsident Gianfranco Lanci und drei weitere Manager auf Fernsehmonitore. Sie sehen den Europa-Chef im schweizerischen Lugano, den US-Chef im kalifornischen San Jose und den Asien-Pazifik-Chef in Kuala Lumpur. Diese melden die letzten Verkaufsergebnisse auf Englisch. Das ist seit langem die Firmensprache bei Acer, obwohl man in Taiwan Chinesisch spricht. Vor sieben Jahren wurden die chinesischen Schriftzeichen sogar aus dem Firmen-Logo genommen.

Europa-Chef Walter Deppeler ist Schweizer, US-Chef Rudi Schmidleithner Österreicher - und Gianfranco Lanci, Welt-Präsident der taiwanesischen Firma, Italiener! Der 53-Jährige wohnt in Mailand, hat sein Büro in Lugano und ein weiteres in Taipei, dort ist er aber nur einmal im Monat für eine Woche. "Es ist egal, wo ich bin, wir sprechen bei Acer von einer virtuellen Zentrale", sagt er beim Treffen mit stern.de. "Diese Videokonferenz ist ein Beispiel dafür, wie wir unsere Geschäfte führen."

Mit Leben und Arbeit in Taiwan kommt Lanci gut zurecht, "Freizeit habe ich allerdings kaum. Und wenn, dann gehe ich in Restaurants, es gibt hier alle Küchen: Chinesische, französische, italienische..." Im Büro fehlt ihm auch nichts, sein Schreibtisch ist sowieso leer: "Papier brauche ich nicht - wozu hat man einen Computer?", fragt der Computerhersteller. Das einzige, was er aus Italien mitgebracht hat, ist eine Espresso-Maschine.

Kooperationen mit BWM und Ferrari

In Europa ist Acer beim Verkauf von Notebooks die Nummer eins. "Globalisierung ist gut für Europa", erklärt Lanci und wendet sich gegen verbreitete Ängste. Global erfolgreich seien Unternehmen nur, wenn sie auch global arbeiten. Dann bräuchten sie mehr, nicht weniger Mitarbeiter in entwickelten Märkten. Acer ist ein Beispiel dafür: Von den 5.200 Angestellten weltweit sitzt nur ein knappes Drittel in Taiwan, etwa die gleiche Zahl im EMEA-Bereich (Europa, Naher Osten und Afrika).

Ein anderes Büro hängt voll mit Fotos, die Jim Wong, Präsident der IT Products Business Group von Acer, beim Golfspiel mit Freunden zeigen. Gerade bei Computern komme es darauf an, ein Gespür für die Wünsche der Verbraucher zu haben, meint er. Dabei gehe es mehr um schickes und modernes Aussehen als um Technik, "wie beim Auto, da schaut man auch auf das Äußere mehr als auf den Motor". Er zeigt das Aspire-Notebook mit dem Gemstone(Edelstein)-Design, aggressive Farben, innen hell, außen dunkel. Entwickelt wurde es von der Design-Gruppe von BMW, den Vergleich von Wong bestätigend. Mit Ferrari hat Acer eine noch weitergehende Kooperation, bietet ein Ferrari-Notebook an.

Übernahmefreudige Nummer drei am Weltmarkt

Gleichzeitig versucht Acer, leistungsfähigere Produkte zu entwickeln, etwa in Konkurrenz zu Blackberry kleine Geräte, mit denen man unterwegs nicht nur telefonieren, sondern auch E-Mails empfangen kann. Hauptproblem, so Präsident Lanci, sei dabei etwas, was Acer nicht selbst erforscht: "Die Laufzeit der Batterien ist zu kurz - wenn die, wie heute noch, nach vier bis fünf Stunden leer sind, kann von mobil keine Rede sein", höhnt er.

In diesem Jahr ist Acer an Lenovo vorbeigebraust und zum drittgrößten Computerhersteller weltweit geworden, nach HP und Dell. Dazu trug vor allem der Kauf der amerikanischen Firma Gateway bei. Im Moment versucht Acer, von der Europäischen Union die Zustimmung zur Übernahme des französisch-britischen Konzerns Packard Bell zu bekommen.

Massenentlassungen sind in China kein Problem

Acers Erfolgsrezept schon in den vergangenen Jahren: Das Unternehmen konzentriert sich auf die Entwicklung von Produkten und ihr Marketing. Auf den direkten Verkauf verzichtet Acer, überläßt diesen Handelsfirmen und hat deshalb ein gutes Verhältnis zu diesen. Auch Fabriken besitzt Acer keine mehr - die Herstellung wurde an Subunternehmer ausgelagert und findet, wen wundert es, in der Volksrepublik China statt. Acer-Vorstandsvorsitzender J.T. Wang macht keinen Hehl daraus warum: "Wenn Nachfrage und Angebot nicht stabil sind, kann man in China sehr schnell Tausende Arbeiter in einer Woche anheuern - oder sie auch ohne jegliche Probleme wieder entlassen." Jim Wong ergänzt, Acer habe in jeder Fabrik dort zwei Mitarbeiter, die die Qualität der Produkte kontrollieren.

Far Eastern Plaza Hotel, Shangri-La-Ballraum: Hunderte Banker und Finanzjournalisten haben sich zur Acer-Investoren-Konferenz versammelt. Jemand fragt Präsident Lanci, ob die Handarbeit an den Computern nach Vietnam und Indien gehen wird, weil die Löhne in China steigen. "Das wird bestimmt so kommen", sagt der Italiener. "Und in 50 bis 100 Jahren werden auch diese Arbeiten wieder in Europa gemacht werden."


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