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Trendwende Die beeindruckende Rückkehr des Notebooks: "Den einen PC für alle – den gibt es nicht mehr"

Die Zeit, in der ein Computer pro Familie ausreichte, ist lange vorbei (Symbolbild)
Die Zeit, in der ein Computer pro Familie ausreichte, ist lange vorbei (Symbolbild)
© fizkes / Getty Images
Mit der Corona-Pandemie kamen Homeoffice und der Unterricht zuhause – und ein unverhofftes Comeback des Heimcomputers. Doch das kam nicht aus dem Nichts.

Mit einem Schlag saßen im letzten Frühjahr Millionen von Menschen Zuhause. Und stellten fest: Für das ernsthafte Lernen oder Arbeiten in den eigenen vier Wänden reichte der alte PC und das Smartphone dann doch nicht aus. Die Folge: ein regelrechter Boom bei den Laptop-Käufen. Doch dahinter steckt nicht nur Notwendigkeit. 

"Wenn man erst gar keinen Laptop hatte, brauchte man den natürlich erst mal, etwa für die Schule”, erklärt Alex Cho, der die PC-Sparte des Computer-Giganten HP leitet. Ganz so einfach wie früher war das aber nicht, glaubt Acers Europa-Chef Emmanuel Fromont. "Wozu hat man den alten Rechner genutzt? Ein bisschen surfen, mal eine E-Mail das war‘s. Da war egal, wenn die Webcam schlecht war oder der Rechner zwei Minuten zum Start brauchte. Nun war es plötzlich nicht mehr akzeptabel.” 

Zwischen Panik und Begeisterung

Doch selbst wenn ein ausreichend fitter Computer im Haus war, standen viele Familien auf einmal vor einem Problem: Ein Gerät reichte plötzlich nicht mehr aus. "Früher hatte ein Haushalt einen PC für alle, mit dem Smartphone hatte dann jeder ein eigenes Gerät", erläutert Fromont. "Mit der Pandemie reichte das aber nicht mehr. Aus einem Laptop pro Haushalt wird jetzt einer pro Person."  Die Verkaufszahlen schnellten nach oben. Im Vergleich zum Jahr 2019 setzte HP weltweit 17,1 Prozent mehr Laptops ab, meldete Forbes. Asus meldete ein Wachstum von 21,4 Prozent, bei Acer waren es satte 23,6 Prozent mehr als im Vorjahr.  

 "Natürlich gab es auch eine Art Panikkauf – die Leute mussten schnell besorgen, was sie brauchten", erläutert Formont. Doch er glaubt, dass der Trend mit dem Ende der Pandemie nicht aufhören wird. "Es geht darüber hinaus: Die Menschen haben den PC für sich wiederentdeckt. Das ist für uns die spannendere und wichtigere Entwicklung."

Dafür sprechen auch die Zahlen. Nachdem Apple 2010 mit dem ersten iPad den Tablet-Markt geöffnet hatte, gingen die Laptop-Käufe unter Druck der neuen Geräte-Kategorie kontinuierlich nach unten. Seit 2017 gab es dann eine langsame Trendwende. Bis die Käufe im letzten Jahr explodierten. Auch dieses Jahr dürften sie noch einmal deutlich zulegen, um dann bis 2025 auf einem ähnlichen Niveau zu bleiben, glauben Prognosen von "Statista". 

Geprägt vom Smartphone

Der Einfluss von Tablet und Smartphone hat den Markt verändert, erklärt HP-Manager Cho.  "Es hat sich viel von den reinen Datenblättern dahin verschoben, was Kunden wirklich brauchen, welche Nutzungserfahrung sie wollen”, glaubt er. Entsprechend habe sich auch die Entwicklung der Geräte verändert. "Wir können heute viel besser nachvollziehen, wie Menschen die Geräte nutzen, welche Faktoren sie stören. Wir haben etwa viel Zeit und Arbeit in die Entwicklung unserer Keyboards gesteckt.” 

Trendwende : Die beeindruckende Rückkehr des Notebooks: "Den einen PC für alle – den gibt es nicht mehr"

Während es bei Rechnern früher vor allem um die technischen Daten ging, hat sich der Fokus verschoben: Die Menschen wollen die Qualitäten, die sie von Tablet und Smartphone gewohnt sind, auch am PC sehen. "Man will plötzlich eine bessere Kamera, ein besseres Display, an dem man wirklich acht Stunden am, Tag verbringen möchte", beobachtet Fromont.

Die Kamera als neuer Star

Diese Verschiebung war schon über mehrere Jahre zu beobachten, durch die Pandemie wurde sie aber erheblich beschleunigt, sind sich die Hersteller einig. In einigen Fällen hat der Zwangsumzug ins Homeoffice Bedürfnisse aber auch neue geweckt. "Kaum jemand hat vorher seinen Rechner dazu benutzt, ernsthaft per Video zu telefonieren. Das passierte nur per Facetime oder Whatsapp am Telefon. Am Rechner war das eine absolute Nische", so der Acer-Manager.

Das beobachtete man auch bei HP. "Heute haben die Nutzer andere Ansprüche, wir achten mehr auf die – wie ich es nenne – Augen, Ohren und den Mund des Gerätes”, bringt es Cho auf den Punkt. "Man muss sich zeigen können, das Gerät muss einen gut hören und die Anzeige muss stimmen. Also  haben wir viel Energie darauf verwendet, die Kamera so gut wie möglich zu machen. Wir unterdrücken Hintergrundgeräusche bei den Mikros mit Hilfe von künstlicher Intelligenz und setzen auf tolle Displays.”

Weg vom Ramsch

Eine weitere Veränderung ist das Bewusstsein der Menschen für die Wertigkeit der Rechner. Auch dieser Trend begann lange vor der Pandemie. "Es fand aber definitiv noch einmal eine Beschleunigung statt”, glaubt Fromont. "Die Menschen sehen den Rechner heute eher als Investment: Will ich wirklich das günstige Modell, das ich bald wieder ersetzen muss. Oder gebe ich ein paar Hundert Euro mehr aus und gönne mir ein schönes Gerät, das mich dann fünf, sechs Jahre begleiten kann.”

Diese Entwicklung ist relativ neu. Betrachtet man den Laptop-Markt der letzten Jahre, fanden sich im Premium-Segment – mit Ausnahme von Apple-Geräten – vor allem Business- und Gaming-Notebooks. Das habe sich klar geändert so Fromont. "Betrachtet man die GFK-Zahlen für das letzte Jahr hat sich der durchschnittliche Kaufpreis in Europa um fast 100 Euro erhöht.” Die aktuelle Chip-Knappheit auf dem Markt spielt seiner Ansicht dabei nur eine kleine Rolle. "Es ist klar eine höhere Bereitschaft da, mehr Geld auszugeben.”

Neue Formen

Mit dem Macbook Air hatte Apple bereits 2008 gezeigt, dass Notebooks nicht klobig und hässlich sein müssen. Nachdem die anderen Hersteller lange den Erfolg zu kopieren versuchten, haben sie sich längst von dem Vorbild gelöst, probieren eigene, neue Formfaktoren aus. Ein Beispiel sind Rechner, deren Display sich als Tablet abnehmen lässt oder Modelle, die durch ein Umklappen der Tastatur hinter das Display das Geschehen auf dem Bildschirm in den Vordergrund schieben. "Manche wollen mit den Geräten mehr hin- und herlaufen, darauf schreiben”, erklärt Cho die Erkenntnisse aus den Nutzungsbeobachtungen. "Darum kann man manche nun falten, sie bieten einen Stift.”

Dabei ändert sich auch das Herangehen der Hersteller an die Frage, wie sie den Rechner gestalten. "Zu Anfang wollten wir wissen: Wie nutzen die Menschen die Rechner wirklich. Und wir schickten Leute los, um einfach Fotos von Menschen zu machen, die gerade einen Laptop benutzen”, erzählt Cho. "Das war unheimlich wertvoll. Wir konnten beobachten, wie die Leute wirklich damit umgehen – und dann damit arbeiten. Daraus entstand dann ein eigenes Team für Nutzererfahrung innerhalb des Designteams.”

"Die Jugend will Touch"

Dabei funktioniert aber nicht jede neue Idee. "Manche Formfaktoren stellen sich als weniger erfolgreich heraus, als wir das erwartet hätten”, erklärt Fromont. "Ein Beispiel sind abnehmbare Displays, die sich dann als Tablet benutzen lassen. Die Nachfrage danach ist nicht besonders groß", erläutert er. Eine Rolle dabei dürfte spielen, dass Microsoft mit seiner Surface-Serie den Formfaktor sehr früh besetzte und prägte – und Kunden, die ein solches Gerät suchen eben zu einem Surface greifen.

Generell eroberten die Hybrid-Geräte aber ihren Platz, so Fromont. "Wenn auch vielleicht nicht so schnell, wie alle geglaubt hatten. Vielleicht ist die Benutzererfahrung noch nicht genau die, die man sich davon erhoffen würde." Das könnte sich mit Veränderungen von Windows aber jederzeit ändern. "Die junge Generation will Touch", ist er überzeugt.

Technik-Accessoire

Überhaupt erwarteten die Kunden heute mehr, dass sich die Geräte mehr an ihre Bedürfnisse und ihren Geschmack anpassen, glaubt Cho. "Der Laptop kann – nicht nur bei Privatkunden, sondern auch bei Firmengeräten – eine Reflexion der Person werden, die ihn benutzt”, ist er überzeugt. "Da spielt auch Personalisierung, Materialien, Farben und so weiter eine Rolle.” HP setzt etwa in den letzten Jahren öfter auf experimentelle Materialien, umhüllt Notebooks wie das Spectre Folio mit Leder (hier finden Sie einen Test des Geräts). Dass die Geräte in mehreren Farboptionen angeboten werden, statt immer im selben langweiligen Schwarz oder Silber, ist ebenfalls bei mehreren Herstellern Normalität geworden. "Diese Art zu denken ist eine Art Muskel, den wir erst entwickeln mussten", erklärt Cho.

"Wir haben Notebook-Designer, die genau schauen: Was sind die nächsten Trendfarben, wo geht es ästhetisch hin", bestätigt auch Fromont. "Technik als Accessoire wird auf jeden Fall immer wichtiger. Ein Notebook ist da sicher das Extrembeispiel. Aber bei Smartphones und so weiter ist das klar zu beobachten. Wir haben sogar einige Produkte, die ich eher als Technik-Schmuck bezeichnen würde. Das richtet sich aber zugegeben eher an den asiatischen Markt", lacht er. "Da passiert einfach sehr viel. Eines ist letztlich klar: Den einen PC, der allen Nutzungsansprüchen passt – den gibt es nicht mehr."


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