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Deal mit Gazprom: RWE rüstet sich für das Zeitalter nach der Atomkraft

Der Atomausstieg könnte für RWE einfacher von der Hand gehen als gedacht. Der russische Gazprom-Konzern will im Gegenzug für billiges Gas ins Geschäft mit der Stromerzeugung einsteigen. Gleichzeitig kündigt RWE an, einen Teil seines Stromnetzes zu verkaufen.

Der staatlich verordnete Atomausstieg hat die deutschen Stromriesen schwer getroffen. Ihnen entgehen Milliarden, die Börsenkurse sind rapide gesunken. Dennoch möchte die Bundesregierung, dass die Konzerne für den Übergang ins grüne Stromzeitalter in flexible Gaskraftwerke investieren. Die Konzerne haben bis jetzt abgewunken: "Unrentabel", sagen sie. RWE scheint jedoch ein Befreiungsschlag zu gelingen.

Der deutsche Stromproduzent Nummer eins ist auf dem Weg zu einem Bündnis mit dem russischen Gasriesen Gazprom. Der drängt schon lange auf einen Einstieg in Deutschland. Beide Konzerne haben jetzt öffentlich ihren Willen zu konkreten Verhandlungen kundgetan. Es geht nicht um ein Aktienpaket am Konzern, sondern um eine Beteiligung am Gas- und Steinkohlekraftwerkspark in Westeuropa.

Bau neuer Gaskraftwerke geplant

Es wäre ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Gazprom lockert die Daumenschrauben seiner langfristigen Gasverträge mit RWE und bekommt dafür Zugriff auf die Stromproduktion. 27.000 Megawatt hat RWE in Westeuropa schon am Netz. Mehr als 8000 kommen bis 2014 hinzu. Außerdem will Gazprom mit RWE neue Gaskraftwerke in Deutschland bauen. Zwar würde der Bau nicht billiger, aber mit günstigem Gas wäre der Betrieb günstiger. Auch bestehende Gaskraftwerke könnten günstig beliefert werden.

Ob RWE und Gazprom ein gleichberechtigtes Joint Venture aushandeln, ist noch nicht klar. Vielleicht gibt es auch nur eine Rahmengesellschaft und für jedes Kraftwerk werden separat Beteiligungen festgelegt. Solche Deals wären aber sicher ein Fall für die Kartellbehörden.

Der lachende Dritte - Gazprom

Gazprom will auf jeden Fall vom deutschen Atomausstieg profitieren. Nach der geplanten Stilllegung der Meiler benötige der deutsche Markt pro Jahr zusätzlich rund 20 Milliarden Kubikmeter Gas, schätzt Gazprom-Vizevorstand Alexander Medwedew. Damit sollen neue Kraftwerke betrieben werden, die den Ausfall von etwa 20 Gigawatt AKW-Leistung ausgleichen sollen.

Bereits jetzt ist Deutschland mit rund 35,3 Milliarden Kubikmetern der mit Abstand größte Abnehmer von russischem Gas. Damit die Sicherheit der Gastransporte in das wichtige Absatzland Deutschland auf Dauer gesichert ist, baut Gazprom gemeinsam unter anderem mit dem deutschen BASF-Konzern die Ostsee-Pipeline Nord Stream von Russland nach Mecklenburg-Vorpommern. Parallel entsteht - ebenfalls unter Gazprom-Federführung - das Gasprojekt South Stream zur Versorgung Südeuropas.

Mit dieser "Gaszange" hilft Gazprom seinem Mehrheitseigner, der russischen Regierung, dabei, das unbeliebte EU-Vorhaben Nabucco zu behindern. Mit der geplanten Nabucco-Leitung vom Kaspischen Meer - RWE ist am Projekt beteiligt - will die EU unabhängiger vom russischen Gas werden. Das passt Moskau nicht. Das heikle Thema sei bei den Gesprächen bislang ausgeklammert worden, erklärte ein Konzernsprecher.

RWE verkauft Teil des Stromnetzes

Weitere Luft auf dem Weg zum "grüneren" Konzern verschafft sich RWE mit dem Verkauf des Großteils seines Höchstspannungsnetzes. Die Tochtergesellschaft Amprion geht zu 74,9 Prozent an ein Konsortium von Finanzinvestoren unter Führung der Commerzbank-Tochter Commerz Real. Der Preis liegt bei rund einer Milliarde Euro. Auch hier hat das Kartellamt noch das letzte Wort. Ist das Geschäft perfekt, muss RWE die geplanten drei Milliarden Euro zum Netzausbau in den kommenden zehn Jahren nicht mehr allein zahlen.

Wolfgang Dahlmann, DPA / DPA