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Deutschland: Happy Birthday, Finanzkrise

Es war ein D-Day für die Geldwelt: Vor einem Jahr erfasste die US-Kreditkrise auch Deutschland. 34,4 Milliarden Euro verschlang das Desaster hierzulande seither. stern-Reporter Andreas Hoffmann berichtet, wie die Krise in Deutschland wirkt, was sie für die Bürger bedeutet - und weshalb sie möglicherweise noch lange nicht ausgestanden ist.

Ein Jubiläum steht an. Doch kein Staatsakt ist geplant. Kein Sekt wird perlen. Niemand will feiern, obwohl der Anlass gewaltig ist. Natürlich nicht. Denn der 30. Juli 2007 war für die Geldwelt ein D-Day, der Tag an dem die US-Finanzkrise in Deutschland landete.

Es begann mit einer weithin unbekannten Bank namens IKB. Weil sie sich mit US-Immobilienpapieren verspekuliert hatte, brauchte sie Milliarden. Bald benötigten andere Hilfe, die SachsenLB, WestLB und die BayernLB. Der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt verlor sein Amt, der bayrische Finanzminister Erwin Huber könnte ihm eines Tages folgen. Finanzminister Peer Steinbrück sprach von einer "Kernschmelze", und der Weltökonom Helmut Schmidt deprimierte damit, dass man gegen die Finanzkrise machtlos sei wie gegen schlechtes Wetter.

Und nun, ein Jahr später - ist die Finanzkrise vorbei? Was hat sie uns gekostet? Wer darauf Antworten sucht, hört nur: "Wir wissen es nicht, aber die Krise könnte lange dauern und teuer werden."

Wie viel sind 400.000.000.000 Euro?

Bert Rürup ist ein Mensch, der professionell Antworten gibt. Zur Rente, zum Gesundheitswesen, zur Konjunktur, zum Arbeitsmarkt, zum Haushalt. Er steht dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung vor, dem Olymp der Ökonomen. Vor kurzem veröffentlichte diese Expertenrunde ein Gutachten zur Finanzkrise, und auf Seite 133 steht eine Tabelle, die frösteln lässt. Sie verweist auf eine Studie der Weltbank-Ökonomin Daniela Klingebiel und des US-Professors Gerard Caprio. Die beiden haben zahlreiche Bankenkrisen der vergangenen 30 Jahre untersucht und fanden heraus: Die mittlere Krise dauert fünf Jahre und kostet den Staat 16 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Demnach stünden den Deutschen noch vier Jahre bevor und knapp 400 Milliarden Euro Kosten.

400.000.000.000 Euro. Eine Horrorzahl. Das entspricht den anderthalbfachen Ausgaben des Bundeshaushalts. Bert Rürup hält die Zahl "für durchaus plausibel", betont aber: "Man kann solche Kosten nur sehr begrenzt vorhersagen." Er und sein Kollegen haben sich daher die Gegenwart angeschaut und berechnet, was sich in Deutschland bislang an möglichen Verlusten angehäuft hat: 34,4 Milliarden Euro. Etwa 19,8 Milliarden davon müsste der Staat tragen, weil ihm letztlich die kriselnden Landesbanken SachsenLB, BayernLB und WestLB gehören und er maßgeblich die Rettung der IKB bezahlt hat. Den Rest trügen die Eigentümer der Geschäfts- und Genossenschaftsbanken - also Aktionäre und Genossen.

Die Schulden der Bürger steigen

19,8 Milliarden Euro vom Staat und damit von uns allen für die Finanzkrise. Viel Geld. Damit ließe sich das Kindergeld fünf Jahre lang um 20 Euro erhöhen. Oder die Steuern größtenteils so senken, wie es die CSU fordert. Oder. Oder. Oder. Stattdessen steigen die Schulden der Bürger, am stärksten in Sachsen, wie die US-Investmentbank Merrill Lynch ermittelt hat. 1000 Euro muss vielleicht jeder Sachse schultern, damit die Krise der SachsenLB gemeistert werden kann.

Antje Hermenau kann die Folgen für den Freistaat vorrechnen. Sie sitzt vor einem Eisbecher. Früher vertrat sie die Grünen im Bundestag, heute wirkt sie im Dresdner Landtag, als grüne Fraktionschefin. Hermenau hat lange blonde Haare, sie ist eine resolute Frau, der die Worte aus dem Mund sprudeln. Sie redet von der Landesregierung, wie sie die Bürger täuscht und dass es nach der Wahl auffliegen werde. "Wir werden noch Sparorgien bekommen", sagt sie. Und sie ärgert sich über die verpasste Chance. Die Drei-Milliarden-Chance.

Drei Milliarden könnte die SachsenLB den Freistaat kosten. Geld, das sich gut hätte anlegen lassen. Das Land hätte Schulden abbauen können und weniger Zinsen zahlen müssen. Von dem gesparten Geld hätte die Regierung zusätzliche Lehrer für Problemschulen einstellen können. Sie hätte kleine und mittlere Firmen fördern, die Forschung vorantreiben können. Es klingt sehr plausibel, was Antje Hermenau sagt. Bislang musste allerdings der Freistaat für die jetzige Krise keinen Cent zahlen; bislang garantiert das Land nur, dass es Verluste der SachsenLB bis zu knapp drei Milliarden Euro übernimmt. Wird mehr fällig, muss der neue Eigentümer der Bank, die LBBW, einspringen. Ähnlich ist es bei den anderen Landesbanken. Für die BayernLB und WestLB gelten Garantien von bis zu elf Milliarden. Verluste bis zu dieser Summe tragen die Eigentümer. Das sind vor allem Länder und Sparkassen. Echtes Geld zum Überleben benötigte bislang vor allem die Mittelstandsbank IKB: 8,5 Milliarden Euro. Am meisten gab die staatliche Förderbank KfW.

Der Kämmerer legt Reserven an

Ein Blick nach Düsseldorf, dem nach Frankfurt zweitwichtigsten Finanzplatz. Hier schrammten zwei Geldinstitute knapp an der Pleite vorbei, die IKB und die WestLB, eine dritte, die Düsseldorfer Hypo musste verkauft werden. Helmut Rattenhuber sitzt an einem langen Holztisch. Der Stadtkämmerer schaut aus dem Fenster, in der Ferne glitzert der Rhein in der Sonne. Im Juli 2007 brauchte Rattenhuber einige Wochen, um die Folgen der Krise für seinen Haushalt zu verstehen. Es begann mit Briefen, die in seinem Amt eintrudelten. Unternehmen kündigten an, sie würden weniger Steuern zahlen und begründeten dies mit Verlusten in den USA. Er legte in seinem Etat 50 Millionen Euro zurück, als Reserve. Denn im laufenden Jahr würden die Firmen ihre Verluste geltend machen, sagt er, und er müsse dann Steuervorauszahlungen des vergangenen Jahres zurückerstatten.

Alles in allem könnte die Finanzkrise die Stadt 100 Millionen Euro für dieses und das vergangene Jahr kosten. Die Millionen hätte Rattenhuber gern zurückgelegt, um für steigende Beamtenpensionen vorzusorgen, er sagt aber: "Wir mussten keine Ausgaben kürzen, weder bei Kindertagesstätten oder anderen Projekten." Bundesweit dürfte der Einnahmeschwund der öffentlichen Kassen als Folge der Krise bei einer Milliarde Euro liegen, schätzt Bert Rürup. Zugleich wird der Staat wegen der guten Konjunktur 16 Milliarden Steuern mehr einnehmen, erwarten die Fachleute.

Häuserkauf ohne Eigenkapital

Seltsam. Ständig lesen wir von Milliarden, die durch den Schornstein rauchen, aber in der Praxis hört sich alles halb so schlimm an. Wie passt das zusammen? Vielleicht gleicht die Finanzkrise einem Gewitter. In der Ferne ballen sich die Wolken zu einer schwarzen Front zusammen, weswegen die einen berechnen, wie viel Liter Regen hierzulande niederprasseln werden. Die anderen aber hoffen, dass die dunklen Wolken vorbeiziehen und nur ein paar Tropfen fallen. Momentan ballt sich wieder das Gewitter, nachdem Indymac, eine der führenden US-Bausparbanken, Pleite ging, und die US-Hypothekenfinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae eine milliardenschwere Überlebenshilfe erhielten. An der Ursache der Krise, den Immobilienkrediten in den USA, hat sich wenig geändert.

Anfang 2000 begannen viele Amerikaner Häuser zu kaufen, obwohl sie sich das eigentlich nicht leisten konnten. Das war aber kein Problem, da sie leicht Kredit erhielten - den sogenannten Subprime-Kredit. Er war Teil eines scheinbar todsicheren Geschäfts: Der Kunde kündigte seinen Kredit, wenn der Zins sank, und nahm einen neuen, größeren auf - mit niedrigerem Zins. Das Darlehen bekam er, weil die Immobilienpreise nach oben schossen. Wer sich in Miami im Jahr 2000 ein Ferienhaus für 200.000 Dollar zugelegt hatte, konnte es 2006 für 560.000 Dollar verkaufen. Mit dem neuen Kredit hatte der Kunde mehr Geld, konnte Luxusautos aus Deutschland oder Spielzeug aus Asien kaufen. Nur der Princeton-Ökonom Paul Krugman wunderte sich: "Dieser Tage verdienen Amerikaner ihren Lebensunterhalt, indem sie sich gegenseitig Häuser verkaufen und mit Geld bezahlen, dass von China geliehen wurde."

Begehrte Papiere mit unbekanntem Inhalt

Die Banken befeuerten die Sucht nach Krediten, indem sie neue Wertpapiere wie "CDO" oder "ABS" entwickelten. Sie schnürten die Kredite mit vielen anderen Krediten zusammen, verkauften sie weiter an andere Banken, die wiederum die Bündel verpackten und weiterreichten. Am Ende wusste keiner, was sich unter dem vielen Geschenkpapier befand. Zunächst aber waren die Papiere begehrt, da sie hübschen Gewinn abwarfen, was besonders deutsche Landesbanken anlockte. Sie suchten lukrative Geschäfte, weil ihnen Sparkassen und Privatbanken kaum Kunden ließen. Als immer mehr Amerikaner die Hypothekenraten nicht mehr bezahlen konnten, begann der Niedergang. Die Immobilienpreise sanken und mit ihnen die vielen Wertpapiere. Plötzlich stellten die Banker fest, dass sie in ihren Tresoren nicht todsichere Anlagen hatten, sondern faule Immobiliendarlehen aus den USA.

Noch hoffen die Geldmenschen, dass ihre wertlosen Anlagen eines Tages wieder Gewinn abwerfen. Doch die Immobilienpreise in den USA rutschen weiter nach unten, zudem laufen in den nächsten Wochen viele alte Kredite mit einem Niedrigzins aus. Die neuen Darlehen werden viele Kunden nicht bezahlen können, weil sie weniger Geld in der Tasche haben. Die Folge: Noch mehr Immobiliendarlehen fallen aus, andere Kredite könnten folgen.

Kreditkartenforderungen, Verbraucherkredite, Automobildarlehen - alles haben die Banken verpackt und weiter gereicht. Diese "verbrieften Verbindlichkeiten" belaufen sich laut Sachverständigenrat auf 10 Billionen US-Dollar, die Hälfte aller privaten Schulden in den USA. Schon sieht die US-Investmentbank Goldman Sachs einen Kapitalbedarf bei europäischen Banken von 90 Milliarden Euro. Die KFW bilanziert in einer Expertise, dass "die krisenauslösenden Faktoren weiter wirken, sich gegenseitig verstärken und auf andere Finanzmarktsegmente ausweiten".

Misstrauen ist besser als Nachsicht

Es könnte also doch noch richtig fies werden. Auch für Verena Fröhlich. Es könnte sie ihren Job kosten. Sie steht inmitten einer Herde von Przewalski-Pferden. Eine Brise fegt durch Johanniskrautsträucher und Ginsterbüsche. Sie streicht Dimitri über die Flanken, einem besonders zahmen Junghengst der ansonsten scheuen Wildpferde. Das sandfarbene Fell schimmert in der Sonne. Der Hengst hat sich den Huf eingeschnitten, später wird sie ihn mit Salbe eincremen. Verena Fröhlich mag ihren "Traumjob", sagt sie. Die studierte Biologin betreut südlich von Erlangen im Tennenloher Forst ein besonderes Naturschutzprojekt. Der Landschaftspflegeverband Mittelfranken zäunte ein Stück Land ein, setzte eine Herde Przewalski-Pferde dort aus und beobachtet seitdem, wie die Natur zurückkommt. Sandflächen bilden sich in dem Kieferwald, seltene Tierarten wie der Wiedehopf oder die Ödlandschrecke kehren zurück. "Für sie ist das eine Oase, weil keine Pestizide und kein Dünger im Boden schlummern" sagt Sybille Tschunko, die Geschäftsführerin des Verbandes.

Die Oase könnte austrocknen. Das Projekt hat der bayrische Naturschutzfonds gefördert, ein Geldtopf der Landesregierung für Umweltvorhaben. Bislang war der Fonds eigenständig, vor kurzem aber hat ihn die Regierung der BayernLB einverleibt als Eigenkapital. Ein folgenreicher Deal: Der Fonds hängt nun ab von der Dividende der BayernLB, fällt sie wegen der Krise aus, fehlt dem Naturschutzfonds Geld - und Verena Fröhlich vielleicht der Arbeitsplatz. Natürlich hat Finanzminister Erwin Huber die Kritiker vorsorglich beruhigt. In einem Jahr ohne Dividende werde das Land einspringen, ließ er mitteilen. Doch die eigenen Parteifreunde trauen ihm nicht. "Die Eingliederung des Naturschutzfonds in die BayernLB muss rückgängig gemacht werden", sagt der CSU-Bundestagsabgeordnete Josef Göppel. Auch Sybille Tschunko bleibt skeptisch: "Der Naturschutzfonds rettet doch nicht die BayernLB."

Dementis bis zuletzt

Das Misstrauen ist berechtigt. Bei Bankenkrisen wiegeln Politiker gerne ab. Erwin Huber bestritt lange Zeit, dass seine Landesbank überhaupt in einer Krise steckte - bis sie über Nacht sechs Milliarden Euro an Garantien benötigte. Man kennt diese Vorgehensweise. Als Anfang 2001 die Krise der Berliner Bankgesellschaft offenkundig wurde, sagte der damalige Finanzsenator Peter Kurth, es gebe kein Risiko für den Landeshaushalt, der frühere Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) sprach von "vorübergehenden Zinsbelastungen". Später musste der Senat für die Bank eine Bürgschaft über 21 Milliarden Euro abgeben.

Der Fall Berlin zeigt noch mehr: Wie viel Geld der Staat am Ende zahlen muss, ist auch Jahre später umstritten. SPD-Finanzsenator Thilo Sarrazin sprach zuletzt von 4,7 Milliarden Euro, die Bürgerinitiative Banken-Skandal von 12,9 bis 15,3 Milliarden Euro.

Und: Das Jubiläum der Krise wollte in Berlin auch keiner feiern.