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Die Puma-Story - Teil 6: Puma - Weltmeister der Börsen

Im Weltmeisterschaftsjahr 2006 ist Puma an der Börse 4,8 Milliarden Euro wert - 4300 Prozent mehr als 1993. In jenem Jahr hatte Jungmanager Jochen Zeitz das marode Unternehmen übernommen. Teil 6 der stern.de-Serie blickt auf die Bedingungen dieses atemberaubenden Aufstiegs.

Von Rolf-Herbert Peters

Die WM zeigte Wirkung. Das Geschäftsjahr 2006 wies erneut manche Rekorde auf. Mit fast 2,4 Milliarden Euro Umsatz, 34 Prozent mehr als im Vorjahr, hatte Puma erstmals die Zwei-Milliarden-Euro-Hürde genommen. Jeder der fast 7000 Mitarbeiter sorgte im Durchschnitt für über 370.000 Euro Erlöse pro Jahr.

Pumas Wert steigt in 13 Jahren um 4300 Prozent

Der Konzerngewinn lag bei 366 Millionen Euro (er war wegen höherer Investitionen im Vergleich zum Vorjahr ein wenig gesunken) und an der Börse war Puma mittlerweile rund 4,8 Milliarden Euro wert - 4300 Prozent mehr als 1993. Auch die Anteilseigner konnten sich die Hände reiben: Mit 2,50 Euro Dividende pro Aktie partizipierten sie mehr denn je am Unternehmenserfolg.

Die Puma-Manager behaupten gern, ihr Geschäft kenne nur Sieger: die Mitarbeiter, die über Bonussysteme am Unternehmenserfolg beteiligt sind, die Aktionäre, die vom steigenden Kurs und der Dividende profitieren, die Kunden, die funktionelle beziehungsweise modische Kleidung in höchster Qualität zum fairen Preisen erhalten.

Vietnam produziert, der Westen kassiert?

Selbst die Zulieferer in den Billiglohnländern Asiens wie China oder Vietnam, wo die Franken den mit Abstand größten Teil ihrer Ware produzieren lassen, seien den Gewinnern zuzurechnen, weil hier Arbeitsplätze und Wohlstand geschaffen würden, woraus sich eine stabile Volkswirtschaft entwickeln könne. Die Wirtschaftslenker legen als Beweis die These bei, ehemalige Billiglohnländer wie die früheren "Tigerstaaten" Südkorea, Hongkong oder Taiwan hätten auf diese Weise Anschluss an die westliche Industriewelt gefunden.

Weltweit dürften über 25 000 Menschen mit der Produktion von Puma-Produkten beschäftigt sein - die Rechnung geht für viele von ihnen nicht auf. Das liegt an der Globalisierung, die einen wildwüchsigen Wettbewerb um Arbeitskräfte rund um den Globus ausgelöst hat.

Was einmal in abgeschotteten und gesteuerten Märkten funktionierte, nämlich durch eine kontrollierte Außenwirtschaftspolitik den Wohlstand der Bevölkerung zu verbessern, ist im Zeitalter der höchst mobilen oder gar nur noch virtuell existierenden Unternehmen nicht mehr möglich.

Stets sind die Konzerne bemüht, ihre Wertschöpfungskette zu optimieren. Wenn die Rahmenbedingungen nicht mehr stimmen (wozu bei Puma neben den Kosten die Qualität der Produktion, die Zuverlässigkeit des Lieferanten und auch Sozialstandards gehören), ziehen sie einfach weiter in das nächste Lohndumpingland - der Druck auf die Betriebe vor Ort, die Löhne weiter zu drücken, steigt daher.

Die Christliche Initiative Romero e. V. (CIR) aus Münster, eine evangelische Organisation, die sich vor allem um die Armen in den Fabriken Mittelamerikas kümmert, erzählt sogar von einem stetig sinkenden Wohlstand der Mitarbeiter in vielen Textilbetrieben, bei denen teilweise auch Puma Ware bestellt.

Die Löhne dümpeln, Pumas Gewinn explodiert

In El Salvador, so berichtete CIR 2006, erhalten die Arbeiterinnen und Arbeiter einen staatlich festgelegten Mindestlohn von circa 119 Euro. Nach Regierungsangaben müssten in einer Familie vier Personen Vollzeit in der Fabrik arbeiten, um ein Leben in Würde führen zu können.

Durch die jährliche Inflation nimmt die Kaufkraft der Löhne stetig ab - was nicht Unternehmen wie Puma anzukreiden ist. In El Salvador stieg der Mindestlohn in den Weltmarktfabriken von 2000 bis 2006 insgesamt lediglich um fünf Prozent. Im gleichen Zeitraum stiegen die Kosten für den Grundbedarf an Nahrung um mehr als das Doppelte.

Es ist nicht der Globalisierung anzulasten, dass sie nicht für westliche Sozialstandards sorgt. Es ist auch nicht die primäre Aufgabe der Unternehmer, solche Standards durchzusetzen. Sie müssen nach den Gesetzen der Ökonomie den Profit ihres Betriebs steigern, um weiter investieren und Arbeitsplätze schaffen zu können.

Billiglohn - ohne Sozial- und Umweltballast

Die Regeln, wie fürsorglich ein Unternehmer dabei gegenüber seiner Belegschaft und seinen Geschäftspartnern handeln muss, kann nur die Politik aufstellen. Und davon sind die Staatsmänner in den Billiglohnländern Asiens und Osteuropas - trotz vieler warmer Worte - weit entfernt.

GM-Chef Rick Wagoner hat einmal vorgerechnet, dass in jedem in den USA gebauten Fahrzeug 1500 Dollar Sozialkosten stecken, die der Kunde am Ende tragen muss - ein chinesischer Produzent wie Chery Automobile kann sich den Einsatz sparen, weil die Millionen mies bezahlter Wanderarbeiter aus dem Hinterland keine Lobby haben, das Geld einzufordern. Ähnlich schwer fallen die Unterschiede bei den Umweltkosten ins Gewicht, die in die Produktionsausgaben einfließen.

Der Konsument ist König - und befiehlt den Billiglohn

Fazit: Wer ein Paar Schuhe von Adidas, Nike oder auch Puma kauft, die in einem Billiglohnland wie China, Vietnam oder der Türkei gefertigt wurden, akzeptiert stillschweigend solch ungleiche Lebensbedingungen. Dasselbe gilt für andere Konsumgüter wie Fernseher, Spielzeug oder Autos.

Den Vorwurf müssen sich die allermeisten Bewohner der Industriestaaten gefallen lassen, zu denen auch die Puma-Kundschaft gehört. Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg hat in einem Satz zusammengefasst, wie der Konsument mit seiner "Geiz-ist-geil"- und Rendite-Mentalität die Entwicklung in den Billiglohnländern mitverantwortet: "Es gibt nichts Neoliberaleres als den Kunden."

Würde Puma weiter in Deutschland, anderen EU-Staaten oder den USA produzieren, wäre der Unternehmensaufschwung mit seinen schwindelerregenden Wachstumsraten bei Umsatz, Gewinn und Aktienkurs nur möglich gewesen, wenn die Produkte im Laden etwa das Vierfache gekostet hätten.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Die Puma-Story" von Rolf-Herbert Peters, das ab dem 5. September 2007 im Handel ist. Die sechsteilige stern.de-Serie gibt exklusive Einblicke in das Werk und 60 Jahre "Raubtier-Kapitalismus".