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Interview

Ökonom Fratzscher zum Brexit: "Die EU muss handeln, wenn es drauf ankommt - jetzt"

Der drohende Brexit wird das deutsche Wachstum bremsen. Das sagte DIW-Chef Marcel Fratzscher im stern-Interview. Er fordert massive Investitionen, damit sich andere Euro-Staaten nicht vom Brexit-Fieber anstecken lassen.

Brexit Folgen Börse

Die Reaktion auf die Brexit-Entscheidung der Briten war eindeutig und weltweit, wie hier in Indien, die gleiche: fallende Kurse

Herr Fratzscher, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, Ihr Institut, hat seine Wachstumsprognose für Deutschland für 2017 um 0,5 Prozentpunkte gesenkt, von 1,4 Prozent auf 0,9 Prozent. Wie kommen Sie zu diesem Ergebnis?

Deutschland ist eine sehr offene Volkswirtschaft, Großbritannien ist der drittwichtigste Handelspartner. Deutschland exportiert rund vier Prozent seiner Wirtschaftsleistung dorthin. Wir gehen davon aus, dass ein Achtel der Exporte wegbricht. Ein Achtel von diesen vier Prozent sind 0,5 Prozentpunkte. Aber die Schätzung ist noch relativ konservativ

Warum?

Weil wir nur die direkten Handelseffekte mit Großbritannien mit einberechnet haben. Die Auswirkungen der Verwerfungen an den Finanzmärkten ist enorm schwer zu berechnen und daher in dieser Prognose nicht berücksichtigt. Zudem ist die hohe wirtschaftliche Unsicherheit und der damit verbundene Vertrauensverlust, der sich durch schwächere Investitionen ausdrücken kann, für mich der wichtigste Sorgenfaktor.

Marcel Fratzscher, Chef des DIW

Marcel Fratzscher, 45, ist Professor für Makroökomie an der Humboldt-Universität in Berlin und leitet seit 2013 das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). 2016 erschien sein Buch "Verteilungskampf. Warum Deutschland immer ungleicher wird".

Die Finanzkrise wurde 2008 durch die Pleite der US-Investitionsbank Lehman Brothers ausgelöst. Droht Europa jetzt ein Lehman-Moment?

Ich hoffe nicht, dass es so schlimm wird. Aber auch damals waren die Handelseffekte vergleichsweise weniger wichtig. Es war der Vertrauenskanal, der entscheidend war. Keiner wusste, welche Banken betroffen waren. Keiner wusste, was passieren würde. Unternehmen investieren in so einer Situation weniger, Haushalte konsumieren weniger, und es kann sich ein Teufelskreis entwickeln, der eine Wirtschaft in die Krise treibt.

Wie wahrscheinlich ist ein Lehman-Moment?

Die Wahrscheinlichkeit ist sicherlich gering, vermutlich kleiner als 20 Prozent. Denn das europäische Bankensystem ist heute stabiler und viele Länder haben wichtige Reformen gemacht. Meine Sorge ist jedoch, dass sich Euro-Staaten wie Holland, Italien oder Frankreich vom Brexit-Fieber anstecken lassen und es ein weiteres Referendum gibt. Und auch wenn diese Wahrscheinlichkeit gering sein mag - das wäre dann kein Referendum nur über die EU, sondern über den Euro. Das könnte Europa und die Weltwirtschaft in eine tiefe Rezession treiben.

Hans-Ulrich Jörges' Klartext: Exit aus dem Brexit


Es heißt immer, die Politik habe aus der Finanzkrise gelernt. Tut sie jetzt genug?

Bei so hohen Kosten sollte die Politik selbst eine geringe Wahrscheinlichkeit sehr ernst nehmen. Die Politik, auch die Bundesregierung, scheint erst einmal abwarten zu wollen. Das ist jedoch ein Fehler, denn wenn diese Risiken erst einmal eintreten, können sie kaum mehr rückgängig gemacht werden.

Was müsste Berlin denn jetzt tun?

Europa, und vor allem die Eurozone, brauchen dringend einen Wachstumsimpuls. Nicht nur wegen des Brexits. Aber der Brexit macht dies noch dringender. Die Wirtschaft von Ländern wie Italien ist seit 2008 geschrumpft und vielerorts ist die Arbeitslosigkeit bei über zehn Prozent oder gar zwanzig Prozent. Die Eurozone hat bereits jetzt ein verlorenes Jahrzehnt durchlebt, und die Politik muss handeln, um ein zweites verlorenes Jahrzehnt zu verhindern. Die Europäische Union braucht deshalb eine gemeinsame Investitionsoffensive für Bildung, Infrastruktur und Innovation geben - in Höhe von zwei Prozent der Wirtschaftsleistung. Dies würde nicht nur einer Abschwächung der Wirtschaft und der hohen Unsicherheit durch den Brexit entgegenwirken, sondern auch langfristig das Wachstumspotenzial verbessern.

Eine weitere Abkehr vom Sparen?

Weitermachen wie bisher, das wäre kontraproduktiv. Es muss jetzt sofort, präventiv gehandelt werden, um die negativen Effekte so weit als möglich zu verhindern. Durch ein solches Investitionsprogramm, an dem sich alle Länder der EU beteiligen, würde die EU auch das wichtige Signal senden, dass sie handlungsfähig ist, wenn's drauf ankommt. Wenn die Unsicherheit sich erst festsetzt, dann ist es unheimlich schwierig, den Schaden wieder rückgängig zu machen.

Die Briten wollen sich beim Einreichen ihres offiziellen Scheidungsantrags nicht drängen lassen. Können wir uns diese Verzögerung überhaupt leisten?

Es ist jetzt wichtig, schnell Klarheit zu schaffen, um einen Dominoeffekt zu verhindern. Wir müssen einen klaren Schnitt machen. Und dabei kann es nicht sein, dass Großbritannien einen Deal bekommt, der die Briten aus aller Verantwortung entlässt, aber gleichzeitig alle Vorteile einer Mitgliedschaft gewährt. Da kann ich jedes Land verstehen, das sagt: Wir wollen den gleichen Deal.

Und der Rest? Wie sieht das Europa der Zukunft aus?

Wir brauchen ein Europa mit zwei oder mehreren Geschwindigkeiten. Der Euro muss nachhaltig gemacht werden. Es ist notwendig, bei der Fiskalunion gemeinsame Regeln viel entschiedener umzusetzen. Es geht nicht nur darum, die Bankenunion zu vollenden, den Binnenmarkt zu vertiefen, sondern etwa auch die Position eines europäischen Finanzministers zu schaffen. Die Finanzpolitik muss stärker koordiniert werden, die gemeinsamen Regeln eine bessere Anwendung finden.


Das klingt sehr trocken, ein Finanzminister ist nichts, was die Herzen der Bürger erwärmt.

Die vielleicht größte Herausforderung besteht darin, der sozialen Ungleichheit in Europa zu begegnen. Das britische Referendum war weniger eine Abstimmung über Europa als vielmehr eine Abstimmung gegen die eigene politische und wirtschaftliche Elite, dass durch ein Gefühl der soziale Ungleichheit und Risiken von Migration getrieben wurde. Europa muss sich jetzt zur sozialen Marktwirtschaft bekennen, um ein Gesicht zu bekommen, mit dem sich alle Europäer identifizieren können.



Interview: Florian Güßgen