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Analyse

US-Handelspolitik: Donald Trump beweist, dass er von Wirtschaft keine Ahnung hat

Obwohl Donald Trump vor dem Einzug ins Weiße Haus ein Firmenimperium führte, beweist er als US-Präsident erschreckende Unkenntnis ökonomischer Zusammenhänge. Seine Wirtschafts- und Handelspolitik widerspricht allem, was Ökonomen lehren.

Von Capital-Redakteur Martin Kaelble

US-Präsident Donald Trump hält die Welt mit seinen wirtschaftspolitischen Entscheidungen in Atem

US-Präsident Donald Trump hält die Welt mit seinen wirtschaftspolitischen Entscheidungen in Atem

AFP

Es war vermutlich die erste Kriegserklärung der Menschheitsgeschichte per TV und Twitter: Was Donald Trump vergangene Woche losgetreten hat, ist in seinen Folgen noch nicht absehbar. Vielleicht endet es nur in gewöhnlichen Handelsstreitigkeiten, im schlimmsten Fall jedoch in einen Handelskrieg. Klar ist jedoch: Auch ein Jahr nach seinem Amtsantritt, kann man angesichts dieser neuesten Episode der "Trump-Show" gar nicht deutlich genug betonen, wie katastrophal der Politikstil dieses US-Präsidenten für die internationale Weltordnung ist. Ein Reality-TV-Star im wichtigsten Regierungssessel der Welt kommt fast schon einem zivilisatorischen Rückschritt gleich.

Es war in der westlichen Welt für lange Zeit Konsens, offenen Handel zu betreiben und größere Handelskriege zu vermeiden. Der konservative Ökonom Greg Mankiw hat einmal geschrieben, dass Volkswirte dafür bekannt seien nie derselben Meinung zu sein, nur beim Thema Welthandel ausnahmsweise über alle Lager weitgehend übereinstimmten.

Das Argument für freien Handel geht zurück auf Adam Smith, der bereits im 18. Jahrhundert erklärt hat, warum Nationen mehr Wohlstand erreichen, wenn sie Handelsbarrieren und Strafzölle beseitigen. Importe sind laut Smith nicht per se schlecht. Jedes Land sollte sich auf seinen komparativen Vorteil konzentrieren, dann geht es letztlich allen besser. Bedeutet konkret: Wenn Deutsche bessere Autos produzieren als die Amerikaner, die Amerikaner dafür bessere Jeans, dann sollte man diesem Wettbewerb einfach freien Lauf lassen.

70 Jahre Fortschritt beiseite gewischt

Mit dieser ökonomischen Denkweise ist in den vergangenen 70 Jahren viel Wohlstand geschaffen worden. Doch eben dieser kollektive Fortschritt wird nun von Trump mal ebenso zur Seite getweetet - von einem Menschen, der nicht gerne liest, Wissenschaft für Unsinn und Gelehrte für Besserwisser hält.

Keine Frage: Natürlich kann und sollte man über die Globalisierung und ökonomische Mainstream-Lehren diskutieren. Und selbstverständlich kann man als Regierung darüber nachdenken, ob vor Jahren ausgehandelte Handelskonditionen für das eigene Land noch fair sind. Die Amerikaner erheben Importzölle von 2,5 Prozent auf Autos, die Europäer hingegen 10 Prozent. Von der Rolle Chinas, das nach seinen eigenen Regeln spielt, ganz zu schweigen.

Donald Trumps Alternative ist Chaos

Würde Trump eine solide, informierte Alternative bieten, wäre das alles akzeptabel. Doch seine Alternative ist uninformiertes, ungestümes Chaos. Wer das als heilsames Aufbrechen eingefahrener Strukturen missversteht, sieht schlicht zu kurz.

Deutlich wird das nicht nur beim drohenden Handelskrieg, sondern auch bei anderen ökonomischen Entscheidungen der Trump-Regierung. Wer auf eine boomende Wirtschaft mit Vollbeschäftigung und expansiver Geldpolitik massive Steuersenkungen oben draufsetzt, vielleicht noch ein gigantisches Infrastruktur-Programm, lässt jeden ökonomisch halbwegs gelehrten Menschen mit dem Kopf schütteln. Vom Risiko einer weiteren Eskalation des amerikanischen Schuldenbergs ganz zu schweigen. 

Ginge es einfach nur um eine Steuersenkung, wäre es eine Sache. Linke würden es kritisieren, Liberale und Konservative befürworten. Doch bei einer Steuersenkung zu einem solchen Zeitpunkt ist es keine Frage von ideologischen oder parteipolitischen Nuancen. Es ist makro-ökonomisch einfach unsinnig. Und letztlich ein verzweifelter Versuch, schlechte Umfragewerte zu verbessern, ohne dabei an die Zukunft zu denken. Es grenzt schon an Zynismus, dass ausgerechnet der Mann, der im US-Wahlkampf auf dem Ticket des Anti-Politikers gewählt wurde, nun genau dieses Politiker-Klischee erfüllt.

Und auch beim Handelskrieg zeigt sich diese plumpe Verantwortungslosigkeit, ganz in der Logik des Reality-TV: möglichst groß, "huge", laut und plakativ in den Ankündigungen, Hauptsache die Quote stimmt. Die Sorge besteht, dass es durch seine wenig präsidiale Art nicht bei kleineren Handelsstreitigkeiten und Strafzöllen bleibt. Sondern Trump mit seinem plumpen Politikstil eine Kette lostritt, die in eine neue Ära des Protektionismus führt.

Zerstörerisches Verlangen

Längst überwunden geglaubte Irrtümer, archaische Reflexe, veraltete ökonomische Denkmuster kommen durch Trump plötzlich wieder zum Vorschein – und das auf Regierungsebene eines so wichtigen Landes. Getrieben von einem Appetit für Disruption, der dem allgemeinen Zeitgeist entspricht. Unter dem Applaus von Unzufriedenen, die sich gar nicht bewusst sind, was sie da eigentlich aufs Spiel setzen. 

Es gibt derzeit überall in den westlichen Ländern diese Kräfte, die sich wünschen, dass der verkrustete politische Mainstream aufgemischt und bestehende Glaubenssätze hinterfragt werden. Doch dieser blinde Disruptionshunger gibt Trump einen gefährlichen Freifahrtschein.

Wer glaubt, dass er seine persönlichen Wohlstandsverluste durch eine Rückkehr in den Protektionismus wettmachen kann, unterliegt dabei einem gefährlichen Trugschluss. Diesen kollektiven Irrtum gab es schon einmal im frühen 20. Jahrhundert. Nun will Trump mit einem Schlag kollektive Erfahrungswerte der Nachkriegszeit über den Haufen werfen. Und Fehler wiederholen, vor denen 70 Jahre lang aus gutem Grund gewarnt wurde. Und schaudern lässt einen dabei die erstaunliche Rücksichtslosigkeit und Uninformiertheit dieses US-Präsidenten.

Der drohende Handelskrieg ist nur eines von zu vielen Beispielen der letzten Monate, warum Donald Trump für das Amt eines Staatspräsidenten schlichtweg nicht qualifiziert ist.