Drohende Insolvenz Arcandor bekommt noch eine Chance


Totgesagte leben länger: Entgegen ursprünglicher Meldungen darf Arcandor einen neuen Antrag auf Rettungsbeihilfe stellen. Das erste Gesuch des taumelnden Handelskonzerns war am Abend abgelehnt worden. Nun will der Konzern bereits an diesem Dienstag einen "substanziell verbesserten Antrag" vorlegen, um der Insolvenz zu entkommen.

Die Bundesregierung hat den Eigentümern des ums Überleben kämpfenden Touristik- und Handelskonzerns Arcandor ein Ultimatum gestellt. Nur wenn sie ihren Sanierungsbeitrag deutlich aufstocken, will sich der Bund an den Rettungsbemühungen für den Handelsriesen beteiligen und damit den Konzern vor der Insolvenz retten. Alle vorliegenden Anträge des Essener Unternehmens auf Staatsbürgschaften und Notkredite lehnte die Bundesregierung am Montag zunächst ab. Allerdings erhielt das Unternehmen die Möglichkeit, das Konzept noch einmal nachzubessern.

Auf Grundlage eines überarbeiteten Konzepts wäre kurzfristig eine neue Entscheidung möglich, hieß es in Regierungskreisen. Der Beitrag der Eigentümer und der Vermieter sei bislang aber unzureichend.

Scharfe Kritik an Eigentümern

Arcandor kündigte an, der Konzernvorstand werde nun sofort das Gespräch mit Eigentümern, Vermietern und Banken suchen, um eine weitere Aufstockung der Zusagen auszuloten. Arcandor-Sprecher Gerd Koslowski erklärte, dazu werde noch in der Nacht mit Eigentümern, Banken und Vermietern verhandelt. Der neue Antrag solle noch am Dienstagvormittag in Berlin vorgelegt werden. Auf die Frage, wie lange Arcandor noch einen Insolvenzantrag hinauszögern könne, sagte Koslowski: "Wir brauchen eine Entscheidung bis Mittwoch." Er hatte zuvor gewarnt, wenn der Konzern ein endgültiges Nein auf sein Hilfeersuchen erhalte, müsse er unverzüglich den Gang zum Konkursgericht antreten.

Ein Arcandor-Sprecher erklärte am Abend, dass das Unternehmen "vorbereitet und nicht blauäugig" in einen Insolvenzprozess gehen werde, wenn es denn dazu kommen sollte. Zurzeit würde aber die Chance genutzt, einen neuen Antrag auf Staatshilfe zu stellen. "Es werden Gespräche mit Eigentümern, Banken und Vermietern geführt. Im Laufe des Vormittags bis Mittag werden wir wohl eine Entscheidung haben."

Insolvenzantrag schon am Dienstag?

Das zuständige Amtsgericht in Essen stellt sich offenbar bereits auf einen Insolvenzantrag ein. Einige Gläubigerbanken seien vom Gericht informiert worden, dass dieser am Dienstag kommen könnte, sagte eine Person mit Kenntnis der Lage. Ein Sprecher des Gerichtes sagte jedoch, er wisse nicht, dass derartige Informationen verschickt worden seien.

Der Montag hatte bereits mit einem Rückschlag für die Rettungsbemühungen von Arcandor begonnen. Schon am Vormittag lehnte der zuständige Lenkungsausschuss der Bundesregierung den Antrag des Unternehmens auf 650 Millionen Euro Bürgschaft und 200 Millionen Euro Kredit aus dem Deutschlandfond ab, da der Konzern schon vor der Finanzkrise in Schwierigkeiten gewesen sei. Der zweite, noch gravierendere Rückschlag kam dann am Nachmittag, als die Bundesregierung auch die Bitten um einen Notkredit in Höhe von 437 Millionen Euro als vorerst nicht genehmigungsfähig abwies. Aus Kreisen des Finanzministeriums hieß es zur Begründung, die Arcandor Hauptaktionäre Sal. Oppenheim und Schickedanz seien nicht zu einem verstärkten finanziellen Engagement bereit gewesen. Eine in Aussicht gestellte Kapitalerhöhung von 150 Millionen Euro zum Ende des Jahres erfülle in keiner Weise die Erwartungen.

Regierung fordert langfristige Perspektive

Außerdem hätten sich Hausbanken selbst bei einer 100-prozentigen Bürgschaftsübernahme nicht in der Lage gesehen, Kredite in Höhe von 437 Millionen Euro für die Rettungsphase zu gewähren. Die Vermieter waren den Angaben zufolge nicht zu einer deutlichen Reduzierung der überhöhten Mietbelastungen für die Kaufhäuser bereit. Schließlich gebe es nach wie vor keine Kreditzusage, die über die maximale Frist einer Rettungsbeihilfe von sechs Monaten hinausgehe. Eine solche längerfristige Perspektive sei aber notwendig für eine staatliche Beihilfe.

Auch die betroffenen Bundesländer hätten vor diesem Hintergrund ein finanzielles Engagement bei der Gewährung eines Rettungsdarlehens abgelehnt, hieß es in Berlin. Vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte zuletzt das unzureichende Engagement der Eigentümer bei den Rettungsbemühungen kritisiert. "Ohne eine Zukunftsperspektive ist die Inanspruchnahme staatlicher Hilfe überhaupt nicht denkbar", sagte Merkel am Montag. Die Bundesregierung habe kein Interesse an Lösungen, die nur vier, fünf oder sechs Monate Bestand hätten. In Folge der Nachrichtenlage verlor die Arcandor-Aktie bis zum späten Nachmittag mehr als 40 Prozent an Wert.

Bis Freitag muss der Konzern Kredite über 650 Millionen Euro verlängern und braucht zusätzlich bis zu 900 Millionen Euro, um den geplanten Konzernumbau zu finanzieren. Die Banken werden das Gesamtfinanzierungskonzept nach Aussage von Arcandor aber nur mittragen, sofern es Hilfe vom Staat gibt. Angesichts der drohenden Zahlungsunfähigkeit Arcandors betonte dessen Touristiktochter Thomas Cook erneut ihre Unabhängigkeit. "Thomas Cook ist ein eigenständiges und profitables Unternehmen, das an der Londoner Börse notiert ist", hieß es in einer Mitteilung der deutschen Thomas Cook AG am Montag. Der Reiseveranstalter (Neckermann Reisen, Bucher Last Minute) sei "sowohl operativ als auch finanziell unabhängig von Arcandor". Die Situation bei Arcandor habe keine Auswirkungen auf die Thomas-Cook-Kunden, das Tagesgeschäft laufe "ganz normal weiter".

Ein Spitzengespräch der Handelsriesen Metro und Arcandor über eine Fusion ihrer Kaufhausketten Kaufhof und Karstadt war am Sonntag ohne Durchbruch zu Ende gegangen. Es gebe nach wie vor gravierende Meinungsunterschiede über den Kaufpreis und über die Zahl der für eine Übernahme attraktiven Standorte, hieß es nach Abschluss der Verhandlungen in Metro-Kreisen. Nach Angaben von Arcandor werden die Verhandlungen derzeit auf "höherer Arbeitsebene" fortgesetzt. "Es wird sehr konkret über ein Konzept geredet", sagte ein Konzernsprecher in Essen. Die Gespräche seien "sehr konstruktiv". Mit der Vorlage eines fertigen Konzepts sei jedoch nicht mehr in dieser Woche zu rechnen.

Reuters/DPA/AP AP DPA Reuters

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