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ENERGIE: Spaniens Weihnachtslichter gehen aus

Jetzt herrscht die Angst vor dem großen Blackout und »Verhältnissen wie in Kalifornien«. Dabei wird nicht einmal zu wenig Strom produziert, das Leitungsnetzt hat Schuld.

Die Weihnachtslichter in den spanischen Städten sollen von nun an abends zweieinhalb Stunden später angezündet werden. Die Industrie wurde aufgerufen, den Energieverbrauch zu drosseln. In Spanien ist der Strom knapp geworden. In der Bevölkerung macht sich die Angst vor dem großen Blackout breit. Mancher spricht gar von »Verhältnissen wie in Kalifornien«. Dort ging die Krise so weit, dass den Haushalten zeitweise im Rotationsverfahren der Strom abgestellt werden musste.

Boom ließ Stromverbrauch steigen

Mit Kalifornien hat Spanien nicht nur das warme Klima gemeinsam. Spanien betrachtet sich ähnlich wie der US-Bundesstaat an Amerikas Westküste als ein wirtschaftliches Eldorado, das einen enormen Boom erlebt hat. In beiden Fällen hielt die Stromversorgung nicht mit dem Wachstum der High-Tech-Wirtschaft stand.

Kältewelle belastet Elektrizitätsnetz

In Spanien brachte die Kältewelle der vergangenen Tage das Elektrizitätsnetz des ganzen Landes an den Rand des Zusammenbruchs. Zuerst löste in Barcelona der Riss einer Hochspannungsleitung eine Kettenreaktion von Kurzschlüssen aus, die mehr als eine Million Bewohner im Dunkeln sitzen ließ. Wenige Tage später gingen in Madrid, Valencia und Murcia für fast eine weitere Million Spanier die Lichter aus. Weil das Netz überlastet war, musste die Einspeisung von Strom gedrosselt werden.

Bisher nur im Sommer Probleme

»Das sind Verhältnisse wie in einem Land der Dritten Welt«, beklagte sich die Opposition der Sozialisten und Kommunisten. Normalerweise sind es in Spanien nicht die Kälte und der Gebrauch der Heizungen, die den Stromkonsum emporschnellen lassen. Probleme bei der Stromversorgung gab es bisher vor allem im Sommer, wenn an heißen Tagen die Klimaanlagen mit voller Kraft laufen. Die Ferieninsel Mallorca und die Costa Brava erlebten in den vergangenen Sommern ganze Serien von Blackouts.

Seit 1996 kein neues Kraftwerk

Trotz eines Wirtschaftswachstums von über drei Prozent im Jahr ging in Spanien seit 1996 kein neues Kraftwerk ans Netz. Neubaupläne stehen bislang nur auf dem Papier. Die Privatisierung der Stromwirtschaft brachte nicht die erhoffte Belebung der Konkurrenz. Stattdessen löste sie einen Prozess der Fusionen und Übernahmen aus mit der Folge, dass die beiden Branchenriesen Endesa und Iberdrola 75 Prozent des spanischen Marktes kontrollieren. Zudem verfügt Spanien kaum über Anbindungen an die Stromnetze in Frankreich oder Portugal. Es blieb trotz aller Bemühungen um Marktöffnung eine »Energie-Insel«.

Leitungsnetz hat Mitschuld

Anders als in Kalifornien liegt in Spanien das Hauptproblem nicht so sehr darin, dass zu wenig Strom produziert wird. Den größten Engpass bildet das Verteiler- und Leitungsnetz, das nicht mehr auf dem neuesten Stand ist. Nun will die Regierung die Stromkonzerne zur Rechenschaft ziehen. Diese erhalten nicht nur Milliarden-Subventionen, mit denen sie sich auf den freien Wettbewerb vorbereiten sollen, sondern sie kassieren auch eine Sonderprämie für die so genannte »Strom-Garantie«. Diese Prämie zahlen die Verbraucher dafür, dass sie von solchen Stromausfällen verschont bleiben, wie sie sie jetzt erleben mussten.

Konzerne verdienen genug

Die Unternehmen meinen demgegenüber, dass der Widerstand von Umweltschützern und Bürgermeistern den Bau von Kraftwerken und Hochspannungsleitungen behindert. Zur Finanzierung anstehender Investitionen forderten sie eine Erhöhung der Stromtarife. Die Konzerne mussten sich allerdings entgegenhalten lassen, dass es ihnen an Mitteln eigentlich nicht fehlen dürfte. Für dieses Jahr erwarten die vier großen Stromversorger Endesa, Iberdrola, Unión Fenosa und Hidrocantàbrico Nettogewinne von 400 Milliarden Pesetas (4,7 Mrd DM/2,4 Mrd Euro).