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Ferdinand Piëch: Der stille Visionär

VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch gilt als Mastermind hinter dem Volkswagen-Coup. Die Nachricht, dass Porsche mit 20 Prozent bei VW einsteigen will, kam für die Branche wie aus heiterem Himmel.

Die Vermutung, dass hinter dem jüngsten Porsche-Überraschungscoup Hilfe innerhalb der Familie steht, ist naheliegend: Ferdinand Piëch und seine Familie hat zusammen mit dem Porsche-Clan die Kontrolle über den schwäbischen Sportwagenhersteller.

"Rottweiler" oder "Visionär"?

Sollte sich die Vermutung bewahrheiten, hätte Piëch, dem Nahestehende die Fähigkeit zum "großen Wurf" attestieren, seinem Ruf erneut alle Ehre gemacht. Die Meinungen über den Enkel des Autopioniers und "Käfer"-Vaters Ferdinand Porsche gehen auseinander. Während die einen ihn als "Rottweiler" abkanzeln, ist er für andere ein "Visionär", der sich Ziele setzt und diese ganz genau im Blick behält. Vor allem aber gilt Piëch, dessen Familie zusammen mit dem Porsche-Clan mit rund 8,7 Millionen Stammaktien die Kontrolle über den Sportwagenhersteller hat - als exzellenter Techniker und als ausgesprochener Autonarr, dem allerdings - so Kritiker - etwas die ansonsten typische österreichische Lässigkeit fehlt.

Als Kind wegen Legasthenie nur ein mäßiger Schüler, entdeckte der am 17. April 1937 in Wien geborene Piëch schnell seine Begeisterung für das Technische. Er studierte Ingenieurswissenschaften in Zürich, machte 1962 Examen und ging später als Motorenbauer zu Porsche. Sein Aufstieg bei dem Sportwagenhersteller ließ nicht lange auf sich warten: 1968 wurde er bei Porsche Entwicklungschef und 1971 Technischer Geschäftsführer. Schon damals wurde Piëch, der bis heute am liebsten selbst hinter dem Lenkrad sitzt, eine besondere Vorliebe für schnelle Flitzer nachgesagt.

Ruf als exzellenter Techniker

In den folgenden Jahren sammelte Piëch bei diversen Autobauern Erfahrungen: 1973 wechselte er als Versuchschef zur Audi NSU Auto Union in Ingolstadt, kam dort 1976 in den Vorstand und trat 1988 an die Spitze der Firma. Dort bewies er strategisches Talent: Er krempelte die als eher betulich geltende Marke um und verlieh ihr durchsetzungsstark ein eher sportliches Image, das sie sich bis heute erhalten hat.

Nach seinen Erfolge bei Audi rückte Piëch 1993 an die Spitze des Volkswagen-Konzerns auf, der damals mit heftigen Problemen zu kämpfen hatte. "Volkswagen war ein Krebspatient, der sich selbst aufgegeben hatte", sagte Piëch einmal über seinen Anfang in Wolfsburg. Die Kosten waren zu hoch - ebenso wie die Zahl der Beschäftigten und auf dem US-Markt war die Marke kaum präsent. Piëch holte den "Kostenkiller" Ignacio López von Opel, der als Einkaufschef den Zulieferern Daumenschrauben anlegte. Und in den Fabriken bemühte sich Personalchef Peter Hartz um Lösungen, die Arbeitsprozesse für den Autokonzern finanzierbarer zu gestalten - aber ohne mehreren zehntausend Mitarbeitern kündigen zu müssen.

Mit Erfolg: Der Konzernumsatz legte von 76,6 Milliarden Mark im Jahr 1993 in den Folgejahren auf 167,3 Milliarden Mark im Jahr 2000 an. Und auch die Gewinne legten deutlich zu. Nach einem Verlust von 1,8 Milliarden Mark 1998 wurden im Jahr 2000 wieder 4 Milliarden Mark erwirtschaftet, 2001 waren es 2,9 Milliarden Mark. Allerdings musste Piëch, der im April von der Konzernspitze in den Aufsichtsrat wechselte, in seiner Zeit als VW-Chef auch Kritik einfahren: So geriet er auch im Zuge der so genannten López-Affäre um angeblich gestohlene Geheimunterlagen enorm unter Druck, der schließlich zu einem teueren Vergleich mit dem Opel-Mutterkonzern General Motors führte.

Wegen seiner Verkaufsmethoden bekam VW von der EU eine Strafgeld von damals 180 Millionen Mark auferlegt. Und auch für sein Engagement in der Luxusklasse mit Bentley musste Piëch heftige Kritik einstecken.

Viertreichster Mann Österreichs

Seit 2002 ist Piëch, der sich selbst als eher fordernden Chef bezeichnet - neben einer Tätigkeit im Aufsichtsrat bei Porsche - als Aufsichtsratschef von VW tätig - allerdings blies auch ihm im Zuge der VW-Affäre zeitweise stark Wind ins Gesicht - besonders nach dem Ausscheiden von Personalvorstand Peter Hartz, vor den sich Piëch lange gestellt hatte.

Die Arbeitsaufteilung mit VW-Chef Bernd Pischetsrieder beschrieb Piëch, der in zweiter Ehe verheiratet ist und als viertreichster Mann Österreichs gilt, vor kurzem so: Pischetsrieder führe das Unternehmen - "ich gebe Rat so gut ich kann, und führe Aufsicht." Still war es um den Aufsichtsratschef allerdings nicht unbedingt: Im Zuge der VW-Affäre meldete er sich immer wieder zu Wort.

Sollte sich die Vermutung bestätigen, dass Piëch hinter dem Coup bei Volkswagen steht, wäre das ein Meisterstreich des 68-Jährigen, mit dem er seinem Ruf als Visionär alle Ehre machen würde. In Expertenkreisen wird sogar schon über einen möglichen künftigen Rückzug des Landes Niedersachsen bei VW und das Entstehen eines neuen Autoriesen spekuliert, der unter der Kontrolle eines Clans steht - ähnlich wie bei BMW die Familie Quandt.

Mirjam Hecking/AP