Finanzkrise Was die Börse treibt

An den Aktienmärkten rund um den Globus herrscht Endzeitstimmung. Es wird verkauft, verkauft, verkauft. Greift die ausufernde Panik auch bald auf die reale Wirtschaft über? Nein, sagen Experten und rufen die Börsianer auf, endlich zur Besinnung zu kommen.
Von Marcus Gatzke

Panik in New York, Verzweiflung in Frankfurt, Hoffnungslosigkeit in Tokio. Die Börsen rund um den Globus kennen derzeit nur eine Richtung: nach unten. Und das mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Nicht mehr nur die Aktien der Finanzhäuser werden massenhaft verkauft. Mittlerweile trifft es fast jedes Unternehmen, das an der Börse notiert ist.

Bei jemandem, der keine Aktien besitzt und sein Erspartes stattdessen anderweitig angelegt hat, werden die täglichen Hiobsbotschaften vom Börsenparkett wahrscheinlich nur ein müdes Schulterzucken hervorrufen. Vielleicht wird er sogar ein wenig Schadenfreude empfinden. Frei nach dem Motto: Endlich erwischt es die Spekulanten, die elendigen.

Aber die Börse ist viel mehr als ein Hort von Abzockern. Sie hat in einer funktionierenden Marktwirtschaft eine wichtige Rolle. Sie ist ein Indikator für die zukünftige Entwicklung der Wirtschaft. Wertpapiere werden in der Erwartung gekauft, dass die Gewinne des Unternehmens und in der Folge deren Aktienkurse steigen.

Derzeit ist die Börse jedoch alles andere als optimistisch. "Der Absturz signalisiert die Erwartung, dass auch die Realwirtschaft in eine tiefe Krise stürzen wird", sagt Manfred Jäger vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Was als geplatzte Spekulationsblase auf dem amerikanischen Immobilienmarkt begonnen hat, wird die Wirtschaft weltweit in den Abgrund ziehen, prognostizieren die Börsianer - und verkaufen was das Zeug hält.

Panik überall

Aber ist ein so massiver Ausverkauf gerechtfertigt? Stehen wir vor einer zweiten Depression? Nein, sagt Christian Dreger vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. "Die gegenwärtige Situation wird am Aktienmarkt völlig überzeichnet." Das DIW geht davon aus, dass sich das Wachstum von 1,9 Prozent in diesem Jahr 2009 in etwa halbieren wird. Kollege Jäger vom IW ist etwas pessimistischer, aber auch er rechnet nicht mit einer Stagnation oder gar Rezession.

Der Deutsche Aktienindex hat aber allein in dieser Woche mehr als 20 Prozent verloren - an der Wall Street sind die Verluste noch wesentlich höher. Normalerweise fängt sich die Börse relativ schnell wieder. Niedrige Kurse locken zum Einstieg, die Zahl der Optimisten nimmt wieder zu. Derzeit ist dies aber nicht zu beobachten - es herrscht blanke Panik.

Wie die Lemminge treiben sich Börsianer gegenseitig jeden Tag aufs Neue zum Verkaufen. "Wir wissen, dass es bei einem Brand manchmal besser wäre, langsam das Haus zu verlassen oder vielleicht sogar drin zu bleiben, um das Feuer zu bekämpfen", sagt Experte Jäger. "Wenn ich aber erwarte, dass alle gleich zum Ausgang stürmen, werde ich das gleiche tun."

Fallende Börsenkurse sind mehr als nur ein düstere Zukunftsprognose. Die Börse ist auch ein Intermediär, sie bringt die, die Geld haben, mit denen zusammen, die Geld brauchen. Glaubt der Aktienmarkt nicht mehr an eine florierende Zukunft, kann es für Unternehmen schwierig werden, eine Finanzierung für künftige Projekte und Investitionen zu bekommen. Wenn Firmen neue Aktien ausgeben, bekommen sie deutlich weniger Geld dafür. Die Deutsche Bahn hat den für Ende Oktober geplanten Börsengang angesichts der schwierigen Situation bereits verschoben.

Gefahr Kreditklemme

Aber auch außerhalb des Aktienmarktes wird es schwieriger: "Wenn Unternehmen in Verhandlungen über einen neuen Kredit treten, wird das Institut natürlich auf die Börsenkurse schauen und erheblich vorsichtiger agieren", erläutert Jäger. Im Zweifel werden deutlich mehr Zinsen verlangt oder der Kredit wird erst gar nicht vergeben. Bereits jetzt leihen sich die Banken aufgrund der ausufernden Hypothekenkrise untereinander kaum noch Geld - zu groß ist die Angst vor einer weiteren Pleite. Zusätzlich verlieren die Banken noch Milliarden am Aktienmarkt.

Im schlimmsten Fall könnte die Kreditklemme zwischen den Banken deshalb auf die Realwirtschaft übergreifen, wenn auch dort die Vergabe deutlich eingeschränkt wird. "Wie stark die Auswirkungen auf die Realwirtschaft sein werden, ist noch nicht ganz klar", sagte Experte Jäger. "Eins ist aber klar: Es wird schwieriger." Börse und Realwirtschaft sind eng miteinander verzahnt, auch wenn nur ein Bruchteil der deutschen Unternehmen am Aktienmarkt notiert ist.

Die Hypothekenkrise hat die Finanzbranche so stark verunsichert, dass ein objektiver Blick auf die Lage nicht mehr möglich scheint. "Die Börse taugt derzeit nicht als Ratgeber", sagte Ökonom Dreger. "Es kommt jetzt darauf an, dass die Finanzmärkte wieder zur Besinnung kommen." Ansonsten könnte auch in der Realwirtschaft die nackte Angst einziehen.


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