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Frachter aus Japan auf Deutschland-Kurs: Strahlung an Bord

Mitte April werden die ersten radioaktiv kontaminierten Frachter aus Japan europäische Häfen anlaufen. Reedereien und Behörden tüfteln an Notfallplänen. Doch was tun? Die Ratlosigkeit ist groß.

Von Kathrin Werner und Michelle Röttger

Die "MOL Presence" passierte den Katastrophenreaktor Fukushima in rund 120 Kilometern Entfernung. Doch das reichte: Im chinesischen Hafen Xiamen sprangen die Geigerzähler an. Die Grenzkontrolle stellte an dem Frachter der Reederei Mitsui OSK Lines erhöhte Strahlenwerte fest. Mit 4698 Containern an Bord musste das Schiff umdrehen und sich auf den Rückweg nach Japan machen.

Der Fall ist exemplarisch: Verstrahlte Frachter alarmieren derzeit weltweit die Schifffahrtsbranche. "Ich rechne damit, dass europäische Häfen Schiffe aus Japan wegschicken", sagt Erik van der Noordaa, Chef der Schiffsprüfungsgesellschaft Germanischer Lloyd. "In Hamburg wird man sich nicht freuen, wenn ein verstrahltes Schiff einläuft."

Mitte April in Europa

Die Zeit drängt: Die ersten möglicherweise kontaminierten Frachtschiffe aus Japan werden Europa Mitte April erreichen. Doch die Ratlosigkeit ist groß, wie man mit ihnen umgehen soll. "Das wird sehr kompliziert, und es gibt noch keine Lösung", sagt van der Noordaa. Auch Prüfunternehmen würden sich mit verstrahlten Schiffen nicht auskennen.

Die Hamburger Hafenbehörde verhandelt derzeit mit Zoll und Innenbehörde über einen Notfallplan. "Wir haben aber den Vorteil, dass die Schiffe in der Regel zuerst einen anderen europäischen Hafen anlaufen", sagt ein Sprecher. Wahrscheinlich werde der Zoll die Frachter prüfen.

Erster Anlaufpunkt ist meist Rotterdam. Die dortige Hafenbehörde verlangt von Reedern nun, dass die Kapitäne aller aus Asien einlaufenden Schiffe ihre letzten zehn Häfen auflisten und schriftlich garantieren, dass ihr Frachter nicht strahlt. Ein Hafenteam überprüft dann die Radioaktivität an Bord. "Es ist Sache der Reeder, die Crews anzuweisen, auf der Überfahrt das Schiff und die Container zu säubern", sagt ein Sprecher. Bei geringer Kontamination reicht es oft, Deck und Containern mit Wasser und Seife abzuschrubben. So machte es die US-Navy mit einem Flugzeugträger, der vor Japans Küste durch eine radioaktive Wolke kontaminiert wurde.

"Es gibt bisher keinen Plan"

Die Reeder trifft das Problem komplett unvorbereitet. Unklar ist etwa, ab welchem Grenzwert ein Schiff als verstrahlt gilt. "Es gibt bisher keinen Plan", sagt ein Sprecher des Verbands Deutscher Reeder. Als Gesundheitsgefahr gelten die verstrahlten Schiffe derzeit nicht. An Deck der "MOL Presence" wurden 3,5 Mikrosievert pro Stunde gemessen. Zum Vergleich: Bei einem Flug von Frankfurt nach New York werden die Passagiere der doppelten Strahlendosis ausgesetzt. Was die Reedereien nicht davon abhält, Notpläne aufzustellen. So steuern die Reedereien Hapag-Lloyd, Claus-Peter Offen und Hamburg Süd Tokio nicht mehr an. Und Hapag-Lloyd zieht nun zusätzlich alle Container aus dem Verkehr, die sich im Umkreis von 100 Kilometern von Fukushima befinden.

  • Kathrin Werner