Gasprom "Wie die Ölscheichs"


Der russische Energiekonzern Gasprom will die Gaslieferungen bis Dienstagabend normalisieren - nachdem Polen, Österreich, die Slowakei und Ungarn Defizite bis zu 30 Prozent registriert hatten. stern.de sprach mit dem Energie-Experten Rainer Wiek über die aktuelle Lage.

Die russische Nachrichtenagentur Interfax hat am Montag gemeldet, dass der Energiekonzern Gasprom zusätzlich 95 Millionen Kubikmeter Gas in die Pipelines gepumpt hat. Damit sollen die Lieferausfälle korrigiert werden, die in Ungarn, Polen, Österreich und der Slowakei registriert wurden. Bis Dienstagabend soll der der Gas-Export nach Westeuropa wieder im vollen Umfang funktionieren.

Deutsche Verbraucher sind (noch) nicht von Engpässen betroffen. "Derzeit muss sich niemand hierzulande Sorgen machen, schon bald im Kalten zu sitzen", sagte Rainer Wiek, Chefredakteur des Branchenblattes "Energie Informationsdienst", gegenüber stern.de. "Die Energieversorger können, sollte das Gas aus Russland knapp werden, im begrenzten Umfang mehr Gas aus anderen Ländern beziehen, zum Beispiel aus den Niederlanden oder Norwegen."

Politischer Streit mit der Ukraine

Den Lieferschwierigkeiten vorangegangen war ein Streit zwischen Russland und der Ukraine. Gasprom verlangt von der Ukraine, künftig 230 statt 50 Dollar je 1000 Kubikmeter Gas zu bezahlen. Dieser Preis entspräche dem international üblichen Niveau, ließ der Konzern verlauten. Die ukrainische Regierung vermutet, dass sie mit dieser Preiserhöhung für ihr prowestliches Verhalten abgestraft werden soll. Dies hält auch Rainer Wiek für möglich: "Der Streit hat eindeutig politische Züge. Gasprom, immerhin mehrheitlich im Besitz der russischen Regierung, zieht gegenüber der russischen Seite die Preiskarte."

Am Wochenende hatte Gasprom der Ukraine endgültig den Gashahn abgedreht. Zugleich beschuldigte sie die ukrainische Seite, Gas, das für Westeuropa bestimmt war, illegal aus den Pipelines abzuzweigen. Die ukrainische Regierung hat das bislang bestritten. Sie will allerdings die Pipelines anzapfen, sobald der Frost das Land überzieht.

Energiedebatte belebt

In Deutschland hat der Streit um das Gas die Debatte um die Energieversorgung des Landes wiederbelebt. Wirtschaftsminister Michael Glos sagte im WDR, man müsse "noch mal ganz neue überlegen und schauen, was man tun könnte, um nicht abhängig zu werden." Konkret brachte Glos den Vorschlag ins Spiel, die Laufzeiten der Kernkraftwerke zu verlängern. "Ich bin nicht überrascht, dass die Atomkraft nun wieder auf die Tagesordnung rückt", kommentiert Rainer Wiek. "Aber es gibt ja selbst im Unionslager nur noch wenige Anhänger der Kernenergie." Vielverprechender sei ein weiterer Ausbau der regenerativen Energien.

Nach Einschätzung der großen Energieversorger wird der deutsche Verbrauch von Erdgas künftig weiter ansteigen. Größter Lieferant ist derzeit Russland (siehe Grafik). Der aktuelle Streit mit der Ukraine hat den russischen Monopolisten Gasprom allerdings bereits viel Vertrauen gekostet. "Gasprom soll zu einem internationalen Energieriesen aufgebaut werden. Derzeit drängt das Unternehmen nach Westeuropa", so Wiek. "Und für das Image ist natürlich nicht gut, wenn sich Gasprom verhält wie seinerzeit die Ölscheichs und einfach den Hahn zumacht."

Wo bleibt Schröder?

Altkanzler Gerhard Schröder, der nun im Gasprom-Aufsichtsrat für die Ostsee-Pipeline sitzt, wird sich in die Streitigkeiten vermutlich nicht einschalten. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat es abgelehnt zu vermitteln. Dafür wird die EU aktiv werden. Gesamt Westeuropa bezieht 25 Prozent seiner Gaslieferungen von Gasprom.

lk/DPA/Reuters/AP AP DPA Reuters

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